Sehr geehrter Herr Schönberg,
es war unmöglich, eine telefonische Verbindung
zu bekommen, und ich bringe daher schriftlich vor, wozu mir damals das Milieu
nicht geeignet schien.
Ihre Verstimmung gegen die Haltung des Anbruch
Ihnen gegenüber ist, wenn auch scheinbar berechtigt – Sie verzeihen die
Offenheit, mit der ich diese Verstimmung klären will – so doch unbillig
gegenüber den inneren Motiven, die mich zu dieser Haltung bestimmten.
Ich entsinne mich, gleich zu Beginn der Bewegung an Sie geschrieben zu
haben, ohne dass ich eine Antwort erhielt. Vielleicht lag das schon damals
an den Postverhältnissen. Vielleicht musste ich mir aber auch sagen, dass
Sie damit andeuten wollten, Ihren Namen nicht zum Aushängeschild oder Deck-
mantel für eine Bestrebung herzugeben, die ihre innere Güte und ihr künst-
lerisches Rückgrat erst zu beweisen habe. Diesen Beweis hat die Bestrebung
des Anbruch schon im ersten Jahr zumindest für alle jene erbracht, an die
sich jene wenden wollte. Keinesfalls aber lag oder liegt es in den In-
tentionen des Anbruch, sich nach einer Richtung festlegen zu wollen, da
jede Absonderung und jedes Kliquewesen mit den sachlichen Richtlinien des-
selben unvereinbar sind. Vielmehr bestand meine Absicht schon von allem
Anfang, mich mit dem Namen Schönberg, an den sich sogar Jugenderinnerungen
knüpfen – ich war sogar Mitglied Ihres Chors1 in Schuberthaus vor etwa
14 Jahren – vollinhaltlich zu identifizieren und die ganze Bewegung des
Anbruch für diesen Namen einzusetzen, aber erst in einem Augenblick, wo

sie ihre existenzielle wie künstlerische Berechtigung bewiesen haben
würde.
Aus der Selbstgewissheit meiner ehrlichen Absicht heraus trat ich
also damals im Festsaal von Frau Schwarzwald an Sie, nicht etwa, einen
„versäumten“ Augenblick schlau wieder erhaschen zu wollen oder mich
einem Rechtfertigungsversuch zu unterziehen, zu dem ich nicht aufgefordert
wurde. Sollten Sie zu diesen Äusserungen meinerseits jenes Vertrauen
haben, das Sie damals als Grundlage jeder erspriesslichen Bestrebung be-
tonten, dann wird es mich ausserordentlich freuen, mich nicht in falschem
Licht ausgesprochen zu haben. Diesfalls wäre ich Ihnen auch sehr dankbar,
könnte ich Sie demnächst für eine halbe Stunde sprechen, um Ihnen meine
musikalischen Pläne für das kommende Jahr auseinanderzusetzen.
In dieser Erwartung empfehle ich mich Ihnen mit dem Ausdruck der
ergebensten Hochachtung
Sehr geehrter Herr Schönberg,
es war unmöglich, eine telefonische Verbindung zu bekommen, und ich bringe daher schriftlich vor, wozu mir damals das Milieu nicht geeignet schien.
Ihre Verstimmung gegen die Haltung des Anbruch Ihnen gegenüber ist, wenn auch scheinbar berechtigt – Sie verzeihen die Offenheit, mit der ich diese Verstimmung klären will – so doch unbillig gegenüber den inneren Motiven, die mich zu dieser Haltung bestimmten. Ich entsinne mich, gleich zu Beginn der Bewegung an Sie geschrieben zu haben, ohne dass ich eine Antwort erhielt. Vielleicht lag das schon damals an den Postverhältnissen. Vielleicht musste ich mir aber auch sagen, dass Sie damit andeuten wollten, Ihren Namen nicht zum Aushängeschild oder Deckmantel für eine Bestrebung herzugeben, die ihre innere Güte und ihr künstlerisches Rückgrat erst zu beweisen habe. Diesen Beweis hat die Bestrebung des Anbruch schon im ersten Jahr zumindest für alle jene erbracht, an die sich jene wenden wollte. Keinesfalls aber lag oder liegt es in den Intentionen des Anbruch, sich nach einer Richtung festlegen zu wollen, da jede Absonderung und jedes Kliquewesen mit den sachlichen Richtlinien desselben unvereinbar sind. Vielmehr bestand meine Absicht schon von allem Anfang, mich mit dem Namen Schönberg, an den sich sogar Jugenderinnerungen knüpfen – ich war Mitglied Ihres Chors1 in Schuberthaus vor etwa 14 Jahren – vollinhaltlich zu identifizieren und die ganze Bewegung des Anbruch für diesen Namen einzusetzen, aber erst in einem Augenblick, wo sie ihre existenzielle wie künstlerische Berechtigung bewiesen haben würde.
Aus der Selbstgewissheit meiner ehrlichen Absicht heraus trat ich also damals im Festsaal von Frau Schwarzwald an Sie, nicht etwa, einen „versäumten“ Augenblick schlau wieder erhaschen zu wollen oder mich einem Rechtfertigungsversuch zu unterziehen, zu dem ich nicht aufgefordert wurde. Sollten Sie zu diesen Äusserungen meinerseits jenes Vertrauen haben, das Sie damals als Grundlage jeder erspriesslichen Bestrebung betonten, dann wird es mich ausserordentlich freuen, mich nicht in falschem Licht ausgesprochen zu haben. Diesfalls wäre ich Ihnen auch sehr dankbar, könnte ich Sie demnächst für eine halbe Stunde sprechen, um Ihnen meine musikalischen Pläne für das kommende Jahr auseinanderzusetzen.
In dieser Erwartung empfehle ich mich Ihnen mit dem Ausdruck der ergebensten Hochachtung
Dr Otto Schneider

27. November 1918


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection

Brief

Zitierhinweis:

Musikblätter des Anbruch an Arnold Schönberg, 27. November 1918, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.12847.

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