K. S./P.
Herrn
Roquebrune Cap Martin
Lieber Herr Schönberg!
Ich habe mir Ihre Bach Partitur1 angeschaut und bin be-
geistert
2. Hoffentlich kann ich das Werk schon sehr bald hören. Die
Gründe, die Sie zu der grossen Orchesterbesetzung veranlassen,
sehe ich sehr gut ein; sie beruhen auf der Vorstellung der Orgel,
und zwar nicht nur ihres Klanges.
Erlauben Sie mir aber, dass ich jetzt für einen Augen-
blick den Standpunkt des Leiters der Orchesterabteilung der
Universal-Edition vertrete. Da finde ich, dass es sehr praktisch
wäre, wenn auch eine Fassung für kleines, oder wenigstens kleineres
Orchester vorläge. Von den Choralvorspielen3 zähle ich bis jetzt
cca. 40 Abschlüsse. Orchesterbearbeitungen Bach’scher Werke durch
Schönberg würden aber einen noch ganz anderen Absatz haben und
wahrscheinlich von allen Orchestern gespielt werden, wenn die Be-
setzung entsprechend kleiner wäre. Dazu kommt, dass unter den

Städten, welche die Choralvorspiele aufgeführt haben, einzelne
sind, von denen ich nicht glaube, dass sie wirklich 2 Engl.-
Hörner, 6 Klarinetten und 2 Kontrafagotte aufbringen konnten.
Es ist wahrscheinlich, dass sich der betreffende KapelleKapellmeister die
Besetzung selbst vereinfacht hat. Das lässt sich nicht kontrollieren,
da Einzüge ja wieder ausradiert werden können. Die kleinere Be-
setzung würde solche Unzukömmlichkeiten verhindern. Selbstver-
ständlich dürfte sie nur für jene Orchester in Betracht kommen,
welche die Originalfassung unmöglich aufführen können.
Ich würde Ihnen den Vorschlag einer 2. Fassung – die
Anregung stammt von Direktor Hertzka – nicht machen, wenn ich
mich nicht an Ihren Aus[s]pruch erinnerte, dass man heute Alles für
jede Kombination von Instrumenten, sogar für Mundharmonika, so
setzen kann, dass es klingt. Bitte lassen Sie mich, resp. die
Universal-Edition wissen, wie Sie über die Sache denken.
Auf beiliegendem Zettel erhalten Sie ein Verzeichnis
der für diese Saison geplanten Aufführungen Ihrer Werke (ohne
Gurre-Lieder).
Ich höre von Greissle, dass Sie noch einige Zeit in
Cap Martin bleiben und dort arbeiten.
Von sehr vielen Seiten wurden wir schon nach Ihrer

Adresse gefragt, so gestern telegrafisch von Stiedry. –
Furtwängler war jetzt in Wien, er hat Rheingold einstudiert.
Es war eine sehr gute Aufführung4. Scheinbar hat er für Ihre
Variationen wirklich sehr viele Proben5 vor.
Mit den herzlichsten Grüssen an Sie und Ihre
Frau bin ich Ihr
1 Beilage

K. S./P.
Herrn
Roquebrune Cap Martin
Lieber Herr Schönberg!
Ich habe mir Ihre Bach Partitur1 angeschaut und bin begeistert2. Hoffentlich kann ich das Werk schon sehr bald hören. Die Gründe, die Sie zu der grossen Orchesterbesetzung veranlassen, sehe ich sehr gut ein; sie beruhen auf der Vorstellung der Orgel, und zwar nicht nur ihres Klanges.
Erlauben Sie mir aber, dass ich jetzt für einen Augenblick den Standpunkt des Leiters der Orchesterabteilung der Universal-Edition vertrete. Da finde ich, dass es sehr praktisch wäre, wenn auch eine Fassung für kleines, oder wenigstens kleineres Orchester vorläge. Von den Choralvorspielen3 zähle ich bis jetzt cca. 40 Abschlüsse. Orchesterbearbeitungen Bach’scher Werke durch Schönberg würden aber einen noch ganz anderen Absatz haben und wahrscheinlich von allen Orchestern gespielt werden, wenn die Besetzung entsprechend kleiner wäre. Dazu kommt, dass unter den Städten, welche die Choralvorspiele aufgeführt haben, einzelne sind, von denen ich nicht glaube, dass sie wirklich 2 Engl.Hörner, 6 Klarinetten und 2 Kontrafagotte aufbringen konnten. Es ist wahrscheinlich, dass sich der betreffende Kapellmeister die Besetzung selbst vereinfacht hat. Das lässt sich nicht kontrollieren, da Einzüge ja wieder ausradiert werden können. Die kleinere Besetzung würde solche Unzukömmlichkeiten verhindern. Selbstverständlich dürfte sie nur für jene Orchester in Betracht kommen, welche die Originalfassung unmöglich aufführen können.
Ich würde Ihnen den Vorschlag einer 2. Fassung – die Anregung stammt von Direktor Hertzka – nicht machen, wenn ich mich nicht an Ihren Ausspruch erinnerte, dass man heute Alles für jede Kombination von Instrumenten, sogar für Mundharmonika, so setzen kann, dass es klingt. Bitte lassen Sie mich, resp. die Universal-Edition wissen, wie Sie über die Sache denken.
Auf beiliegendem Zettel erhalten Sie ein Verzeichnis der für diese Saison geplanten Aufführungen Ihrer Werke (ohne Gurre-Lieder).
Ich höre von Greissle, dass Sie noch einige Zeit in Cap Martin bleiben und dort arbeiten.
Von sehr vielen Seiten wurden wir schon nach Ihrer Adresse gefragt, so gestern telegrafisch von Stiedry. – Furtwängler war jetzt in Wien, er hat Rheingold einstudiert. Es war eine sehr gute Aufführung4. Scheinbar hat er für Ihre Variationen wirklich sehr viele Proben5 vor.
Mit den herzlichsten Grüssen an Sie und Ihre Frau bin ich Ihr
Stein
1 Beilage

26. Oktober 1928


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Pult und Taktstock an Arnold Schönberg, 26. Oktober 1928, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.16815.

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