W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Soeben erhalte ich Ihr liebes Schreiben1 vom 21. ds.
Es dauert also neun Tage, bis Nachrichten aus Berlin hieher
gelangen. Das ist ja schon beinahe, wie es in der Zeit der
Postkutsche gewesen ist. Aber man gewöhnt sich daran, wie an
vieles Andere, das einem vor Jahresfrist noch unmöglich und
phantastisch erschienen wäre.
Ihrem Wunsche entsprechend erkläre ich mich damit
einverstanden, Ihnen für zka. 100 Kronen Ladenpreis Musikalien
auf Konto zu liefern und sende ihnen mitfolgend einen Katalog
zum Zwecke der Auswahl ein.
Was Ihre Wünsche wegen weiterer Freiexemplare betrifft,
so kann ich Ihnen die Exemplare des Sextetts nicht schicken, nach-
dem Sie sich diesbzgl. an den Drei Lilien-Verlag Berlin, wenden
müssten. Die Exemplare des „Modernen Liedes“2 erscheinen erst in
etwa acht Tagen und Sie erhalten dann die Beleg-Exemplare sofort.
Von der grossen Partitur „Pierrot“ und der Partitur des II. Quar-
tetts
lasse ich Ihnen noch je 4 Exemplare zugehen, nachdem aber
von beiden Werken keine grossen Auflagen3 gedruckt wurden, bitten
wir Sie um möglichste Sparsamkeit bei der Verteilung.

Ihre Betrachtungen über die Wiener Verhältnisse können
dahin ergänzt werden, dass der Fall nicht nur in Wien, sondern
überall ganz ähnlich liegt oder haben Sie es erfahren, dass es
in Berlin so viel besser wäre? Dass die Stellung, die Sie vor
zwei Jahren in der Tasche hatten von Ihnen damals abgelehnt wurde4,
ist nicht die Schuld von Wien und von Wiener. Das wissen Sie ja
am besten.
Unmittelbar vor den Feiertagen war der Direktor des
Stadt-Theaters
in Breslau, Runge bei mir. Wir sprachen über ver-
schiedene Opernwerke und es kam die Rede auf die Kapellmeister-
Frage. Er möchte neben seinem ersten Kapellmeister Prüwer, auch
noch einen zweiten haben, eine jüngere Kraft, nicht teuer, mög-
lichst eine interessantere musikalische Persönlichkeit. Ich frug
ihn, ob er Lust zu einem interessanten Experiment hätte und
als er im Prinzipe zustimmte, habe ich ihm geraten, Sie für das
Stadt-Theater zu gewinnen und aus Ihnen, den ich als absolutes
Dirigiertalent bezeichnete, einen Opern-Kapellmeister zu machen,
dem insbesonders gewisse Werke die Ihrer Eigenart liegen würden,
übertragen werden könnten. Abgesehen davon, müsste Ihnen probe-
weise eine Zeit zur Verfügung gestellt werden, während der Sie
die gewissen Erfahrungen die das Handwerk mit sich bringt, zu
machen hätten. Ich erklärte ihm, dass sein Risiko bei der ganzen
Sache kein grosses wäre; Sie wären heute noch eine verhältnismässig
billige Kraft; gelingt das Experiment, dann bedeutet es für sein
Unternehmen geradezu eine Sensation, gelingt es nicht, dann hat
er das Bewusstsein, etwas Eigenartiges und Gutes gewollt zu haben,
was eben nicht durchführbar gewesen wäre.

Die Sache hat ihn unter dem Eindrucke unserer damaligen
Unterredung sehr interessiert. Wie er sich zu der Sache weiter
verhalten hat, ob er Ihnen schon geschrieben hat oder ob er sich
die Sache von irgend einem Berater gleich wieder aus dem Kopfe
schlagen liess, weiss ich nicht. Er wollte Sie auf seine Kosten
zunächst nach Breslau kommen lassen, um Sie kennen zu lernen und
mit Ihnen unverbindlich über die Angelegenheit zu sprechen.
Ich weiss nun allerdings nicht, wie Sie zu dieser Idee
stehen. Vielleicht ist es jetzt schon zu spät, einen derart ge-
fährlichen Sprung in eine neue Karriere zu wagen, vielleicht aber
auch nicht. Ich habe es jedenfalls gut gemeint und harre mit In-
teresse Ihrer Mitteilung, ob die Sache weiter verfolgt wer-
den kann.
Bis diese Zeilen in Ihre Hände gelangt sind, ist das
Schauer-Jahr 1914 vorbei und ich wünsche Ihnen für das kommende
Jahr alles Gute und Schöne.
Mit vielen herzlichen Grüssen, auch an Ihre liebe Frau ihr Ihnen warm ergebener
N. S.
Das Manuskript5 des „Monodrams
muss bei Geidel sein, Ich ersuchte
ihn, dasselbe an Sie zu senden.

W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Soeben erhalte ich Ihr liebes Schreiben1 vom 21. ds. Es dauert also neun Tage, bis Nachrichten aus Berlin hieher gelangen. Das ist ja schon beinahe, wie es in der Zeit der Postkutsche gewesen ist. Aber man gewöhnt sich daran, wie an vieles Andere, das einem vor Jahresfrist noch unmöglich und phantastisch erschienen wäre.
Ihrem Wunsche entsprechend erkläre ich mich damit einverstanden, Ihnen für zka. 100 Kronen Ladenpreis Musikalien auf Konto zu liefern und sende ihnen mitfolgend einen Katalog zum Zwecke der Auswahl ein.
Was Ihre Wünsche wegen weiterer Freiexemplare betrifft, so kann ich Ihnen die Exemplare des Sextetts nicht schicken, nachdem Sie sich diesbzgl. an den Drei Lilien-Verlag Berlin, wenden müssten. Die Exemplare des „Modernen Liedes“2 erscheinen erst in etwa acht Tagen und Sie erhalten dann die Beleg-Exemplare sofort. Von der grossen Partitur „Pierrot“ und der Partitur des II. Quartetts lasse ich Ihnen noch je 4 Exemplare zugehen, nachdem aber von beiden Werken keine grossen Auflagen3 gedruckt wurden, bitten wir Sie um möglichste Sparsamkeit bei der Verteilung.
Ihre Betrachtungen über die Wiener Verhältnisse können dahin ergänzt werden, dass der Fall nicht nur in Wien, sondern überall ganz ähnlich liegt oder haben Sie es erfahren, dass es in Berlin so viel besser wäre? Dass die Stellung, die Sie vor zwei Jahren in der Tasche hatten von Ihnen damals abgelehnt wurde4, ist nicht die Schuld von Wien und von Wiener. Das wissen Sie ja am besten.
Unmittelbar vor den Feiertagen war der Direktor des Stadt-Theaters in Breslau, Runge bei mir. Wir sprachen über verschiedene Opernwerke und es kam die Rede auf die Kapellmeister-Frage. Er möchte neben seinem ersten Kapellmeister Prüwer, auch noch einen zweiten haben, eine jüngere Kraft, nicht teuer, möglichst eine interessantere musikalische Persönlichkeit. Ich frug ihn, ob er Lust zu einem interessanten Experiment hätte und als er im Prinzipe zustimmte, habe ich ihm geraten, Sie für das Stadt-Theater zu gewinnen und aus Ihnen, den ich als absolutes Dirigiertalent bezeichnete, einen Opern-Kapellmeister zu machen, dem insbesonders gewisse Werke die Ihrer Eigenart liegen würden, übertragen werden könnten. Abgesehen davon, müsste Ihnen probeweise eine Zeit zur Verfügung gestellt werden, während der Sie die gewissen Erfahrungen die das Handwerk mit sich bringt, zu machen hätten. Ich erklärte ihm, dass sein Risiko bei der ganzen Sache kein grosses wäre; Sie wären heute noch eine verhältnismässig billige Kraft; gelingt das Experiment, dann bedeutet es für sein Unternehmen geradezu eine Sensation, gelingt es nicht, dann hat er das Bewusstsein, etwas Eigenartiges und Gutes gewollt zu haben, was eben nicht durchführbar gewesen wäre.
Die Sache hat ihn unter dem Eindrucke unserer damaligen Unterredung sehr interessiert. Wie er sich zu der Sache weiter verhalten hat, ob er Ihnen schon geschrieben hat oder ob er sich die Sache von irgend einem Berater gleich wieder aus dem Kopfe schlagen liess, weiss ich nicht. Er wollte Sie auf seine Kosten zunächst nach Breslau kommen lassen, um Sie kennen zu lernen und mit Ihnen unverbindlich über die Angelegenheit zu sprechen.
Ich weiss nun allerdings nicht, wie Sie zu dieser Idee stehen. Vielleicht ist es jetzt schon zu spät, einen derart gefährlichen Sprung in eine neue Karriere zu wagen, vielleicht aber auch nicht. Ich habe es jedenfalls gut gemeint und harre mit Interesse Ihrer Mitteilung, ob die Sache weiter verfolgt werden kann.
Bis diese Zeilen in Ihre Hände gelangt sind, ist das Schauer-Jahr 1914 vorbei und ich wünsche Ihnen für das kommende Jahr alles Gute und Schöne.
Mit vielen herzlichen Grüssen, auch an Ihre liebe Frau ihr Ihnen warm ergebener
Hertzka
N. S.
Das Manuskript5 des „Monodrams“ muss bei Geidel sein, Ich ersuchte ihn, dasselbe an Sie zu senden.

30. Dezember 1914


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 30. Dezember 1914, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17567.

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