Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Es ist mir nicht leicht, auf Ihr Schreiben1 vom 9. ds.,
das ich eben erst erhalte, zu antworten. Manches was Sie sagen,
erfordert Widerspruch und Berichtigung; ich glaube aber, dass
es besser ist, wenn ich diejenigen Dinge, in denen ich mit
Ihnen nicht übereinstimme, einfach unberührt lasse, weil ja
bei einer derartigen Polemik nichts herauskommt und Ihnen auch
damit nicht geholfen wäre, wenn ich Ihnen oder Sie mir bewei-
sen könnten, dass der andere Teil unrecht hat.
Was die Hilfs-Aktion betrifft, so habe ich mich
inzwischen näher informiert und ich glaube, dass es einer direkten
Protektion bei Herrn von Wiener nicht bedarf. Ich bitte Sie
ein Schreiben an die: Offizielle Hilfs-Aktion für notleidende
Musiker, Wien I. Konzerthaus-Gesellschaft zu richten und in
diesem Schreiben um Gewährung eines Darlehens von K 200.–
monatlich zu bitten. Ich glaube zwar, dass Sie diesen Betrag
nicht werden bekommen können, sondern wohl nur die Hälfte, aber
es ist ja immer besser in so einem Falle mehr anzusprechen.

Gleichzeitig bitte ich Sie, ein Schreiben an die
Kunstfürsorge
2 zu Handen des geschäftsführenden Vize-Präsi-
denten Herrn Paul Wilhelm zu richten und in diesem Schreiben
entweder ein einmaliges Darlehen, oder einen monatlichen Dar-
lehensbetrag in der Höhe von etwa K 200.– zu beanspruchen.
Dieses an die Kunstfürsorge zu richtende Schreiben wird von un-
serem Herrn Dr. Bittner wärmstens befürwortet werden und es
ist daher möglich, dass Ihrem Wunsche entsprochen werden wird.
Der Tonkünstler-Verein hat aus seiner Fürsorge-
Aktion Ihnen ein Darlehen von K 1000.– in fünf Monats Raten à K 200.–
bewilligt. Ohne Wissen und ohne Hinzutun der anderen Ausschuss-
Mitglieder hat ein in seinen freien Stunden kritisierender Mu-
siklehrer
, der sich bei den Fürsorge-Arbeiten ausserordentlich
fleissig betätigt, sich verpflichtet gefühlt, Ihnen ein Begleit-
schreiben
3 zu senden. Derselbe hat mir einige Andeutungen über
den Inhalt des Briefes gemacht, die ich ihm gegenüber sofort
als in hohem Grade unpassend bezeichnet habe. Da es sich um
eine private Enuntiation des erwähnten Herrn handelt, bitte
ich Sie, falls irgend etwas in dem Briefe gestanden hätte, was
Ihnen nicht recht ist, dafür nach gar keiner Richtung hin den
Wiener Tonkünstler-Verein verantwortlich zu machen und zur
Kenntnis zu nehmen, dass der bewilligte Darlehens-Betrag in
gar keinem Zusammenhang mit der Schreiberei des betreffenden
Klavierlehrers ist.
Die Aussicht, dass Sie den Sommer als Gast von Frau
Lieser in Hietzing und auf dem Semmering verbringen können,

erscheint mir sehr erfreulich und ich werde mich selbstver-
ständlich, falls Sie in Wien Gelegenheit fänden, mich zu
sprechen, zu Ihrer Verfügung halten.
Mit herzlichen Grüssen Ihr Ihnen ganz ergebener
NB.
Die Adresse der Kunstfürsorge
ist: Wien I. Kolowratring 14.
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Es ist mir nicht leicht, auf Ihr Schreiben1 vom 9. ds., das ich eben erst erhalte, zu antworten. Manches was Sie sagen, erfordert Widerspruch und Berichtigung; ich glaube aber, dass es besser ist, wenn ich diejenigen Dinge, in denen ich mit Ihnen nicht übereinstimme, einfach unberührt lasse, weil ja bei einer derartigen Polemik nichts herauskommt und Ihnen auch damit nicht geholfen wäre, wenn ich Ihnen oder Sie mir beweisen könnten, dass der andere Teil unrecht hat.
Was die Hilfs-Aktion betrifft, so habe ich mich inzwischen näher informiert und ich glaube, dass es einer direkten Protektion bei Herrn von Wiener nicht bedarf. Ich bitte Sie ein Schreiben an die: Offizielle Hilfs-Aktion für notleidende Musiker, Wien I. Konzerthaus-Gesellschaft zu richten und in diesem Schreiben um Gewährung eines Darlehens von K 200.– monatlich zu bitten. Ich glaube zwar, dass Sie diesen Betrag nicht werden bekommen können, sondern wohl nur die Hälfte, aber es ist ja immer besser in so einem Falle mehr anzusprechen.
Gleichzeitig bitte ich Sie, ein Schreiben an die Kunstfürsorge2 zu Handen des geschäftsführenden Vize-Präsidenten Herrn Paul Wilhelm zu richten und in diesem Schreiben entweder ein einmaliges Darlehen, oder einen monatlichen Darlehensbetrag in der Höhe von etwa K 200.– zu beanspruchen. Dieses an die Kunstfürsorge zu richtende Schreiben wird von unserem Herrn Dr. Bittner wärmstens befürwortet werden und es ist daher möglich, dass Ihrem Wunsche entsprochen werden wird.
Der Tonkünstler-Verein hat aus seiner Fürsorge-Aktion Ihnen ein Darlehen von K 1000.– in fünf Monats Raten à K 200.– bewilligt. Ohne Wissen und ohne Hinzutun der anderen Ausschuss-Mitglieder hat ein in seinen freien Stunden kritisierender Musiklehrer, der sich bei den Fürsorge-Arbeiten ausserordentlich fleissig betätigt, sich verpflichtet gefühlt, Ihnen ein Begleitschreiben3 zu senden. Derselbe hat mir einige Andeutungen über den Inhalt des Briefes gemacht, die ich ihm gegenüber sofort als in hohem Grade unpassend bezeichnet habe. Da es sich um eine private Enuntiation des erwähnten Herrn handelt, bitte ich Sie, falls irgend etwas in dem Briefe gestanden hätte, was Ihnen nicht recht ist, dafür nach gar keiner Richtung hin den Wiener Tonkünstler-Verein verantwortlich zu machen und zur Kenntnis zu nehmen, dass der bewilligte Darlehens-Betrag in gar keinem Zusammenhang mit der Schreiberei des betreffenden Klavierlehrers ist.
Die Aussicht, dass Sie den Sommer als Gast von Frau Lieser in Hietzing und auf dem Semmering verbringen können, erscheint mir sehr erfreulich und ich werde mich selbstverständlich, falls Sie in Wien Gelegenheit fänden, mich zu sprechen, zu Ihrer Verfügung halten.
Mit herzlichen Grüssen Ihr Ihnen ganz ergebener
Emil Hertzka
NB. Die Adresse der Kunstfürsorge ist: Wien I. Kolowratring 14.

16. Juni 1915


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 16. Juni 1915, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17578.

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