Schl/R/Be
Wien, 15. April 1946.
Mr.
Los Angeles, 24,
California.
Sehr verehrter Meister!
Besten Dank für Ihren ausführlichen Brief vom 4. März.
Eine traurige Mitteilung muss ich Ihnen machen. Olga Novakovic
ist inzwischen an einer Blutkrankheit, die offensichtlich eine
Folge der Entbehrungen und Unterernährung war, gestorben1. Sie
hat so vielen Menschen in der schwierigen Zeit geholfen, obwohl
sie selbst in den grössten Schwierigkeiten lebte und hat darüber
vergessen, an sich selbst zu denken. Welchen Verlust wir damit
haben, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. In einem Konzert, etwa
gleichzeitig am Tage ihres Todes, hätte sie Ihre Suite Op. 25 ([...])
spielen sollen.
In welchem Verlag wird die Musical composition in Englisch
(also in der Originalsprache) erscheinen? Mit Stein habe ich mich
sofort in Verbindung gesetzt. Hoffentlich kann er die Arbeit
übernehmen.
Models for beginners können wir sicherlich hier übersetzen las-
sen. Ratz und Polnauer können die deutsche Ausgabe2 vorbereiten,
die wir Ihnen vor Druck selbstverständlich im Text vorlegen. Vor-
läufig habe ich das Exemplar noch nicht erhalten. Ist der Vertrag
darüber dann mit Ihnen oder mit Schirmer zu machen? Grundsätzlich
würde ich vorschlagen, dass die Vereinbarungen so zu treffen sind,
dass sowohl die englischen als die deutschen Ausgaben in allen Län-
dern der Welt verkauft werden und dass die englische Ausgabe je-
weils überall durch den englischen Verlag vertrieben wird und die
deutschen Ausgaben überall von uns vertrieben werden können. Soweit
wie möglich und zweckmässig werden wir selbstverständlich sehr gerne
in unserem unmittelbaren Arbeitsgebiet als Vertreter des Original-
verlages auch die englische Ausgabe vertreiben und eventuell dem
Verleger der englischen Ausgabe den Vertrieb der bei uns hergestell-
ten deutschen Ausgabe übertragen.
Das „verlockende Angebot“ wird von mir und Ihren Freunden inzwischen
mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln vorbereitet. Wir haben
Fühlung mit allen in Frage kommenden Stellen aufgenommen und stehen
in konkreten Verhandlungen. Wir haben berechtigte Hoffnung zu glau-
ben, dass in nicht allzu langer Zeit ein konkretes Angebot an Sie ge-
macht werden wird. Allerdings etwas Geduld muss man haben. Leider ist
das heute auch noch notwendig. Eine Aufstellung über die hier befind-
lichen Partituren und Stimmen folgt. Dazu möchte ich jetzt schon sagen,
dass das Fehlende so bald wie irgend möglich nachgedruckt wird.
Selbstverständlich werden wir uns Mühe geben, Ihnen möglichst hohe
Einnahmen zu verschaffen. Vorläufig bestehen noch keine normalen Ge-
schäftsverbindungen, jedoch glauben wir damit rechnen zu dürfen, dass
auch in dieser Hinsicht in kürzester Zeit eine befriedigende Lösung
geschaffen wird. Ueber Ihren Sohn wird Ihnen meine Mitarbeiterin Frau
Lizzy Berner näher schreiben. Insbesondere Frl. Rothe hat sich seiner
während des Krieges häufig und mit grosser Anhänglichkeit angenommen,

und ihm in verschiedenen Situationen zu helfen versucht. Nach dem
Krieg haben wir auch mit ihm verhandelt, um ihn in einer festen
Stellung bei uns zu beschäftigen, doch hatte er ein finanziell
wesentlich günstigeres Angebot3 von einer anderen Seite, das er
auch annahm. In letzter Zeit scheint er mit Schwierigkeiten zu
kämpfen zu haben, die insbesondere aus der schlechten gesundheitlichen
Verfassung seiner Gattin entstanden sind, darüber wird, wie gesagt, Ihnen
Frau Berner berichten,
Inzwischen haben wir auch die Kopie des Briefes an Gallimard erhalten
samt Nachsatz, mit dem wir natürlich vollkommen einverstanden sind.
Ihr Brief hat bei allen Ihren Freunden grosse Begeisterung ausgelöst.
Die Grüsse werden aufs herzlichste erwidert.
In ergebenster Hochachtung
Viele herzliche Grüße
B Rothe
Verehrter Meister, vor allem möchte ich mich gehörig vorstellen:
ich war Schülerin von Dr. Webern, Olga Novakovic und Dr. Polnauer
und mit Ratz bin ich befreundet. So ist es auch gekommen, dass ich
bei Beginn der Schwierigkeiten der Hitler-Zeit mit Görgi in Verbin-
dung gekommen bin. Es war für ihn nicht ganz leicht, diese Zeit zu
überstehen, da er sich aber in alles gut hineingeschickt hat, ist
auch das vorüber gegangen. Nun ist es so, dass seine Frau als Folge
einer Dyphteritis eine schwere Herzkrankheit hat. Ihr Herz war schon
immer schwach, sie hat sich aber nie geschont, sondern fleissig mit-
gearbeitet was sich jetzt scheinbar rächt. Sie soll besonders gut
ernährt werden, dazu wären dringend Lebensmittelhilfen notwendig.
Nun fährt bald ein amerikanischer Soldat, mit dem ich befreundet
bin – er ist auch Musiker – nach Hause und soll am 8. Mai schon in
New York sein. Ich habe mit ihm verabredet, dass er sich gleich mit
Ihnen in Verbindung setzt und vielleicht wird es dann möglich sein,
Görgi regelmässige Hilfen zukommen zu lassen. Susi ist ein grosses
Mädel, sie hat auch bei Olga gelernt u. schon bei Schülerkonzerten
gespielt. Sie ist ein sehr braves, vielleicht durch die Verhältnisse
etwas zu ernstes Kind und nimmt sich neben der Schule in wirklich
tadelloser Weise des Haushalts an. Von Ratz soll ich alles erdenklich
liebe bestellen, morgen fahren wir auf Urlaub und wünschen uns nichts
sehnlicher, als dass bis zu unserer Rückkehr das verlockende Angebot
konkretisiert wäre.
Mit allen guten Wünschen Ihre

Schl/R/Be
Wien, 15. April 1946.
Mr.
Los Angeles, 24,
California.
Sehr verehrter Meister!
Besten Dank für Ihren ausführlichen Brief vom 4. März.
Eine traurige Mitteilung muss ich Ihnen machen. Olga Novakovic ist inzwischen an einer Blutkrankheit, die offensichtlich eine Folge der Entbehrungen und Unterernährung war, gestorben1. Sie hat so vielen Menschen in der schwierigen Zeit geholfen, obwohl sie selbst in den grössten Schwierigkeiten lebte und hat darüber vergessen, an sich selbst zu denken. Welchen Verlust wir damit haben, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. In einem Konzert, etwa gleichzeitig am Tage ihres Todes, hätte sie Ihre Suite Op. 25 spielen sollen.
In welchem Verlag wird die Musical composition in Englisch (also in der Originalsprache) erscheinen? Mit Stein habe ich mich sofort in Verbindung gesetzt. Hoffentlich kann er die Arbeit übernehmen.
Models for beginners können wir sicherlich hier übersetzen lassen. Ratz und Polnauer können die deutsche Ausgabe2 vorbereiten, die wir Ihnen vor Druck selbstverständlich im Text vorlegen. Vorläufig habe ich das Exemplar noch nicht erhalten. Ist der Vertrag darüber dann mit Ihnen oder mit Schirmer zu machen? Grundsätzlich würde ich vorschlagen, dass die Vereinbarungen so zu treffen sind, dass sowohl die englischen als die deutschen Ausgaben in allen Ländern der Welt verkauft werden und dass die englische Ausgabe jeweils überall durch den englischen Verlag vertrieben wird und die deutschen Ausgaben überall von uns vertrieben werden können. Soweit wie möglich und zweckmässig werden wir selbstverständlich sehr gerne in unserem unmittelbaren Arbeitsgebiet als Vertreter des Originalverlages auch die englische Ausgabe vertreiben und eventuell dem Verleger der englischen Ausgabe den Vertrieb der bei uns hergestellten deutschen Ausgabe übertragen.
Das „verlockende Angebot“ wird von mir und Ihren Freunden inzwischen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln vorbereitet. Wir haben Fühlung mit allen in Frage kommenden Stellen aufgenommen und stehen in konkreten Verhandlungen. Wir haben berechtigte Hoffnung zu glauben, dass in nicht allzu langer Zeit ein konkretes Angebot an Sie gemacht werden wird. Allerdings etwas Geduld muss man haben. Leider ist das heute auch noch notwendig. Eine Aufstellung über die hier befindlichen Partituren und Stimmen folgt. Dazu möchte ich jetzt schon sagen, dass das Fehlende so bald wie irgend möglich nachgedruckt wird. Selbstverständlich werden wir uns Mühe geben, Ihnen möglichst hohe Einnahmen zu verschaffen. Vorläufig bestehen noch keine normalen Geschäftsverbindungen, jedoch glauben wir damit rechnen zu dürfen, dass auch in dieser Hinsicht in kürzester Zeit eine befriedigende Lösung geschaffen wird. Ueber Ihren Sohn wird Ihnen meine Mitarbeiterin Frau Lizzy Berner näher schreiben. Insbesondere Frl. Rothe hat sich seiner während des Krieges häufig und mit grosser Anhänglichkeit angenommen, und ihm in verschiedenen Situationen zu helfen versucht. Nach dem Krieg haben wir auch mit ihm verhandelt, um ihn in einer festen Stellung bei uns zu beschäftigen, doch hatte er ein finanziell wesentlich günstigeres Angebot3 von einer anderen Seite, das er auch annahm. In letzter Zeit scheint er mit Schwierigkeiten zu kämpfen zu haben, die insbesondere aus der schlechten gesundheitlichen Verfassung seiner Gattin entstanden sind, darüber wird, wie gesagt, Ihnen Frau Berner berichten,
Inzwischen haben wir auch die Kopie des Briefes an Gallimard erhalten samt Nachsatz, mit dem wir natürlich vollkommen einverstanden sind.
Ihr Brief hat bei allen Ihren Freunden grosse Begeisterung ausgelöst. Die Grüsse werden aufs herzlichste erwidert.
In ergebenster Hochachtung
Schlee
Viele herzliche Grüße
B Rothe
Verehrter Meister, vor allem möchte ich mich gehörig vorstellen: ich war Schülerin von Dr. Webern, Olga Novakovic und Dr. Polnauer und mit Ratz bin ich befreundet. So ist es auch gekommen, dass ich bei Beginn der Schwierigkeiten der Hitler-Zeit mit Görgi in Verbindung gekommen bin. Es war für ihn nicht ganz leicht, diese Zeit zu überstehen, da er sich aber in alles gut hineingeschickt hat, ist auch das vorüber gegangen. Nun ist es so, dass seine Frau als Folge einer Dyphteritis eine schwere Herzkrankheit hat. Ihr Herz war schon immer schwach, sie hat sich aber nie geschont, sondern fleissig mitgearbeitet was sich jetzt scheinbar rächt. Sie soll besonders gut ernährt werden, dazu wären dringend Lebensmittelhilfen notwendig. Nun fährt bald ein amerikanischer Soldat, mit dem ich befreundet bin – er ist auch Musiker – nach Hause und soll am 8. Mai schon in New York sein. Ich habe mit ihm verabredet, dass er sich gleich mit Ihnen in Verbindung setzt und vielleicht wird es dann möglich sein, Görgi regelmässige Hilfen zukommen zu lassen. Susi ist ein grosses Mädel, sie hat auch bei Olga gelernt u. schon bei Schülerkonzerten gespielt. Sie ist ein sehr braves, vielleicht durch die Verhältnisse etwas zu ernstes Kind und nimmt sich neben der Schule in wirklich tadelloser Weise des Haushalts an. Von Ratz soll ich alles erdenklich liebe bestellen, morgen fahren wir auf Urlaub und wünschen uns nichts sehnlicher, als dass bis zu unserer Rückkehr das verlockende Angebot konkretisiert wäre.
Mit allen guten Wünschen Ihre
Lizzy Berner

15. April 1946


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 14. April 1946, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17728.

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