W
Wohlgeboren
Ihre Zuschrift vom 12. ds. habe ich gestern erhalten.
Die Briefe aus Berlin gehen also beinahe noch immer so lange,
wie die in Friedenszeiten aus Amerika.
Die angekündigte Zusendung der Korrekturen1 des Mono-
drams
erwarte ich mit Interesse. – Was nun Ihren Vorschlag an-
belangt, die Stimmen aus der Monodram-Partitur selbst abzu-
schreiben, so akzeptiere ich diesen mit grosser Freude. Alle
drei Gründe die Sie anführen, finde ich triftig und berechtigt.
Ich bitte Sie, diese Arbeit, so bald es Ihnen möglich ist, anzu-
fangen. Ich glaube nicht, dass wir wegen des Preises zu irgend
einer Meinungsverschiedenheit kommen werden. Sollten Sie wünschen,
dass wir jetzt schon einen Preis festsetzen, so bin ich auch dazu
bereit. Zweckmässig wäre es aber, wenn Sie die Arbeit beginnen
würden, eine Stimme schreiben wollten und mir dann mitteilen
könnten, welche Zeit Sie für diese Stimme annähernd verwendet
haben und welchen Umfang sie hat, damit wir dann, unter Vergleich
mit den sonstigen, höchsten Kopiaturpreisen und des Korrektur-
honorars, irgend eine Preisbasis kombinieren können.
Dass Ihre Musterung2 in absehbarer Zeit erfolgen könnte,
ist nicht sehr wahrscheinlich. Sollte es aber doch der Fal[l] sein,

so ist gar keine Aussicht, dass Sie für das Vaterland anderswo
als in irgend einer Kanzlei oder Montur-Abteilung Verwendung
finden, denn so viel mir gemeldet wurde, dürften die späteren
Altersklassen selbst im Falle einer Einberufung keineswegs zur
militärischen Ausbildung, geschweige denn an die Front gelangen.
Im Uebrigen waren ja die letzten Tage durchwegs erfreulich. Un-
sere Zuversicht ist groß und begründet, trotz der russischen
Uebermacht. Es wird nicht einmal Ihrer 42 Centimeter-Symphonie3
bedürfen, um unsere Feinde in die Flucht zu schlagen.
Vor einigen Tagen schrieb mir Walter, dass er vorerst
noch immer an dem Plan festhalte, die Gurre-Lieder im März
aufzuführen4. Er hofft, für den eingerückten Teil des Chores
Ersatz zu finden und glaubt, dass er etwa Ende Dezember so weit
sein wird, um in dieser Sache eine definitive Entscheidung
treffen zu können. – Nachdem ich nun das eine komplette, vor-
handene Material nach Amsterdam schicken soll, damit die Herr-
schaften auch den Materialbetrag5 bezahlen, so muss ich nun Alles
daran setzen, um das zweite Material für München in tadellosen
Zustand zu bringen. Dies ist eine ebenso komplizierte, als kost-
spielige Sache, weil ja seit der Uraufführung noch bei jeder
Aufführung, ja selbst bei jeder Probe Aenderungen in der Partitur
gemacht wurden, die entweder gar nicht oder ungenau und ungenü-
gend in die Stimmen eingetragen worden sind. Ich will aber doch
das Orchestermaterial so rasch fertigstellen, dass, wenn Walter
sich zur Aufführung in dieser Saison entschliesst, er sein Ma-
terial sofort erhalten könne.
Ihre Idee, in Wien ein Wohltätigkeitskonzert6 zu diri-
gieren, greife ich auf und werde mich mit den in Betracht kommen-
den Faktoren in Verbindung setzen.

Wäre es nicht möglich, dass Sie in Berlin oder anderswo
mit einer guten Solistin das Lied der Waldtaube7 mit Orchester
herausbringen? Wir haben von dieser Nummer ein komplettes Ma-
terial vorrätig das ja unter Umständen, nur damit Sie dirigie-
ren können, auch gratis beigestellt werden könnte.
Hätten Sie jetzt nicht Zeit und Lust, Ihre musiktheo-
retischen Ideen / Kontrapunkt u. dgl. / zur Ausführung zu brin-
gen? Es würde Sie doch ablenken und Sie hätten nicht die Em-
pfindung wie bei den Kriegserfindungen, dass Ihr Wissen dazu
nicht ausreicht.
Wir haben uns hier an die Kriegstemperatur in den
letzten Wochen so gewöhnt, dass die anfangs um sich greifende
allgemeine Lähmung zum grössten Teile geschwunden ist. Ein Je-
der hat die Empfindung, dass es eine moralische Pflicht ist, sei-
nen Platz mehr denn je auszufüllen d. h., alles zu tun, dass der
Gesamt-Mechanismus nicht stocke. Jedes Stillstehen eines noch so
kleinen Rädchens bringt wieder andere zum Stillstand und wirkt
in seiner letzten Konsequenz für die Volkswirtschaft, für sozi-
ale Fürsorge, etc. verhehrend.
Was die Frage des Vorschusses betrifft, so lasse ich
Ihnen gleichzeitig aus Leipzig zunächst 100 Mark zugehen. Ich
hoffe, dass es mir möglich sein wird, Ihnen schon in ganz kurzer
Zeit einen weiteren Betrag überweisen zu können.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener

W
Wohlgeboren
Ihre Zuschrift vom 12. ds. habe ich gestern erhalten. Die Briefe aus Berlin gehen also beinahe noch immer so lange, wie die in Friedenszeiten aus Amerika.
Die angekündigte Zusendung der Korrekturen1 des Monodrams erwarte ich mit Interesse. – Was nun Ihren Vorschlag an belangt, die Stimmen aus der Monodram-Partitur selbst abzuschreiben, so akzeptiere ich diesen mit grosser Freude. Alle drei Gründe die Sie anführen, finde ich triftig und berechtigt. Ich bitte Sie, diese Arbeit, so bald es Ihnen möglich ist, anzufangen. Ich glaube nicht, dass wir wegen des Preises zu irgend einer Meinungsverschiedenheit kommen werden. Sollten Sie wünschen, dass wir jetzt schon einen Preis festsetzen, so bin ich auch dazu bereit. Zweckmässig wäre es aber, wenn Sie die Arbeit beginnen würden, eine Stimme schreiben wollten und mir dann mitteilen könnten, welche Zeit Sie für diese Stimme annähernd verwendet haben und welchen Umfang sie hat, damit wir dann, unter Vergleich mit den sonstigen, höchsten Kopiaturpreisen und des Korrekturhonorars, irgend eine Preisbasis kombinieren können.
Dass Ihre Musterung2 in absehbarer Zeit erfolgen könnte, ist nicht sehr wahrscheinlich. Sollte es aber doch der Fall sein, so ist gar keine Aussicht, dass Sie für das Vaterland anderswo als in irgend einer Kanzlei oder Montur-Abteilung Verwendung finden, denn so viel mir gemeldet wurde, dürften die späteren Altersklassen selbst im Falle einer Einberufung keineswegs zur militärischen Ausbildung, geschweige denn an die Front gelangen. Im Uebrigen waren ja die letzten Tage durchwegs erfreulich. Unsere Zuversicht ist groß und begründet, trotz der russischen Uebermacht. Es wird nicht einmal Ihrer 42 Centimeter-Symphonie3 bedürfen, um unsere Feinde in die Flucht zu schlagen.
Vor einigen Tagen schrieb mir Walter, dass er vorerst noch immer an dem Plan festhalte, die Gurre-Lieder im März aufzuführen4. Er hofft, für den eingerückten Teil des Chores Ersatz zu finden und glaubt, dass er etwa Ende Dezember so weit sein wird, um in dieser Sache eine definitive Entscheidung treffen zu können. – Nachdem ich nun das eine komplette, vorhandene Material nach Amsterdam schicken soll, damit die Herrschaften auch den Materialbetrag5 bezahlen, so muss ich nun Alles daran setzen, um das zweite Material für München in tadellosen Zustand zu bringen. Dies ist eine ebenso komplizierte, als kostspielige Sache, weil ja seit der Uraufführung noch bei jeder Aufführung, ja selbst bei jeder Probe Aenderungen in der Partitur gemacht wurden, die entweder gar nicht oder ungenau und ungenügend in die Stimmen eingetragen worden sind. Ich will aber doch das Orchestermaterial so rasch fertigstellen, dass, wenn Walter sich zur Aufführung in dieser Saison entschliesst, er sein Material sofort erhalten könne.
Ihre Idee, in Wien ein Wohltätigkeitskonzert6 zu dirigieren, greife ich auf und werde mich mit den in Betracht kommenden Faktoren in Verbindung setzen.
Wäre es nicht möglich, dass Sie in Berlin oder anderswo mit einer guten Solistin das Lied der Waldtaube7 mit Orchester herausbringen? Wir haben von dieser Nummer ein komplettes Material vorrätig das ja unter Umständen, nur damit Sie dirigieren können, auch gratis beigestellt werden könnte.
Hätten Sie jetzt nicht Zeit und Lust, Ihre musiktheo retischen Ideen / Kontrapunkt u. dgl. / zur Ausführung zu bringen? Es würde Sie doch ablenken und Sie hätten nicht die Empfindung wie bei den Kriegserfindungen, dass Ihr Wissen dazu nicht ausreicht.
Wir haben uns hier an die Kriegstemperatur in den letzten Wochen so gewöhnt, dass die anfangs um sich greifende allgemeine Lähmung zum grössten Teile geschwunden ist. Ein Jeder hat die Empfindung, dass es eine moralische Pflicht ist, seinen Platz mehr denn je auszufüllen d. h., alles zu tun, dass der Gesamt-Mechanismus nicht stocke. Jedes Stillstehen eines noch so kleinen Rädchens bringt wieder andere zum Stillstand und wirkt in seiner letzten Konsequenz für die Volkswirtschaft, für soziale Fürsorge, etc. verhehrend.
Was die Frage des Vorschusses betrifft, so lasse ich Ihnen gleichzeitig aus Leipzig zunächst 100 Mark zugehen. Ich hoffe, dass es mir möglich sein wird, Ihnen schon in ganz kurzer Zeit einen weiteren Betrag überweisen zu können.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener
Hertzka

18. November 1914


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Nachlass Arnold Schönberg



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 18. November 1914, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.20910.

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