9/12.1911
Lieber Herr Direktor, das war schade, dass wir uns nicht mehr getroffen haben. Ich habe
von dem, was Sie ins Telefon sprachen, nur wenig gehört; denn sehr bald war mein
Anschluss plötzlich tot und meine Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.
Ich muss mit Bleistift schreiben, denn ich habe Schreibkrampf.
Also: die 3 Exemplare der Harmonielehre habe ich erhalten „und hab mich
sehr gefreuet“
1. Das heißt eigentlich war ich verstimmt, was ich stets bin,
so oft ich ein gedrucktes Werk von mir in die Hand bekomme. Dann
kann ich es zuerst lange nicht ansehen, vor Ekel und Katzenjammer. Es
dauert dann geraume Zeit, bis ich wieder daran glaube.
Was Ihre Frage über die Versendung von Frei-Exemplaren an Musik-
kritiker anbelangt, so muss ich das ganz Ihnen überlassen. Es ist mir
wirklich nicht möglich, die kleinen Nuancen zu unterscheiden um die
der Kohn weniger schlecht ist als der Stangelbauer oder der Plutzenhuber2.
Jedenfalls bin ich mit Ihnen sehr einverstanden, möglichst wenig Freiexem-
plare an diesem Gesindel in den Rachen zu werfen. Ich möchte Ihnen
vorschlagen (da Sie ja wahrscheinlich nicht davon absehen werden
wollen, die „besseren“ Kritikern bedeutenderer Blätter zu bedenken)
wenigstens den anerkannt schlechteren Kritikern, der unbedeutendsten
Blätter Exemplare nur dann zu geben, wenn sie darum er-
suchen. Dagegen bin ich einverstanden, da wenn Sie jenen Fach-
und Kunstzeitschriften, die mir befreundet sind welche schicken
wollen (Merker, Musik, Rheinische Musik-Zeitung, Pan, etc) ferner
bitte ich Sie an Herrn W. Kandinsky, Maler (der ab Jänner eine
neue Kunstzeitschrift herausgiebt) und mit dem ich befreundet bin,
ein Exemplar zu schicken. Ebenso Herrn Carl Einstein in Wilmers-
dorf-Berlin, Jenaerstr. 26, ders Sie darum ersuchen wird. Er giebt
auch eine Kunstzeitschrift3 heraus.
Dann bitte ich Sie je ein gebundenes Exemplar zu schicken,


an:
Ich lege diesem Brief kleine Begleitschreiben4 bei,
die Sie so freundlich sein werden mit den in die Bücher
hineinzugeben.
Dann eines an Zemlinsky in Prag.
Nun danke ich Ihnen noch sehr für die Mahler-Symphonie
und das Lied von der Erde. Das ist sehr lieb von Ihnen, dass Sie an
mich gedacht haben.
Was Weberns Aufsatz anbelangt, so bitte ich Sie, ehe
Sie sich an Webern wenden, den Aufsatz zu lesen und
sich zu entscheiden, ob Sie ihn bringen wollen. Ich kenne den
Aufsatz schon und er gefällt mir sehr, denn er ist außer-
ordentlich warm, ohne jede Schmockerei und sagt zum er-
sten mal wirklich Richtiges über meine Melodik und
meine Technik. Ob er sich für Ihre Zwecke eignet kann
[3)] und mag ich nicht beurteilen, möchte aber jedenfalls dem Webern
die Kränkung einer Ablehnung ersparen. Aber ich hoffe be-
stimmt, dass er Ihnen gefällt!! Jedenfalls wird Ihnen
Webern keine Schwierigkeiten machen, wenn Sie den Auf-
satz bringenverwenden wollen und sich mit einem Ehrenhonorar be-
gnügen.
Ihrem Wunsch im Sternschen Konservatorium einen Prospekt
zu verteilen, kann ich nicht nachkommen. Es tut mir leid, aber ich
muss solche Dinge unbedingt vermeiden. Aber ich bin sicher, dass
der Direktor, Professor Gustav Holländer, der sich sehr für mich in-
teressiert, etwas in dieser Sache tun wird, wenn Sie ihn darum
angehen.

Möchten Sie nicht an Nikisch ein Exemplar der Orchesterlieder
schicken. Frau Wolff will ihn zu einer Aufführung bewe-
gen. Eventuell zur Ansicht auch die Pelleas-
Partitur!
Nun etwas sehr Wichtiges:
Die Wiener Autoren Gesellschaft hat beschlossen:
die ihr übertragenen Werke sollen noch 10 Jahre nach dem
Austritt eines Mitgliedes ihr zur Verwaltung überlassen bleiben.
Bis zum 1. Jänner müsste man sich entscheiden
ob man unter dieser Bedingung Mitglied bleiben will.
Ich finde diese Bedingung unannehmbar. Insbe-
sondere, weil die Aut. Ges. gar nicht versteht, ernste Wer-
ke zu behandeln und nur für ihre Kuplets und Tänze ar-
beitet. Wäre nicht diese Pension, so hielte mich
nichts vom Austritt ab.
Könnten Sie da nicht darauf Einfluss nehmen,
dass dieser AntrBeschluß rückgängig gemacht wird?
Bitte schreiben Sie mir was ich tun soll!
Ich habe von dieser famosen Gesellschaft noch
keine Abrechnung bekommen!!!!
Noch etwas sehr dringendes:
Bitte schicken Sie mir umgehend die Matritzen
meines II. Quartetts, damit ich die Fehler-Ver-
besserungen eintragen kann. – Bitte, geben Sie das
dann rasch zum Drucken und teilen Sie mir mit, wann
die neuen Exemplare5 kommen sollen.
Nun für heute Schluss. Schreiben Sie mir, wie mein Chor ge-
fallen hat und schicken Sie mir die Kritiken6 Ich retourniere sie.
Viele herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg
9/12.1911
Lieber Herr Direktor, das war schade, dass wir uns nicht mehr getroffen haben. Ich habe von dem, was Sie ins Telefon sprachen, nur wenig gehört; denn sehr bald war mein Anschluss plötzlich tot und meine Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.
Ich muss mit Bleistift schreiben, denn ich habe Schreibkrampf.
Also: die 3 Exemplare der Harmonielehre habe ich erhalten „und hab mich sehr gefreuet“1. Das heißt eigentlich war ich verstimmt, was ich stets bin, so oft ich ein gedrucktes Werk von mir in die Hand bekomme. Dann kann ich es zuerst lange nicht ansehen, vor Ekel und Katzenjammer. Es dauert dann geraume Zeit, bis ich wieder daran glaube.
Was Ihre Frage über die Versendung von Frei-Exemplaren an Musikkritiker anbelangt, so muss ich das ganz Ihnen überlassen. Es ist mir wirklich nicht möglich, die kleinen Nuancen zu unterscheiden um die der Kohn weniger schlecht ist als der Stangelbauer oder der Plutzenhuber2. Jedenfalls bin ich mit Ihnen sehr einverstanden, möglichst wenig Freiexemplare diesem Gesindel in den Rachen zu werfen. Ich möchte Ihnen vorschlagen (da Sie ja wahrscheinlich nicht davon absehen werden wollen, die „besseren“ Kritikern bedeutenderer Blätter zu bedenken) wenigstens den anerkannt schlechteren Kritikern, der unbedeutendsten Blätter Exemplare nur dann zu geben, wenn sie darum ersuchen. Dagegen bin ich einverstanden, wenn Sie jenen Fach- und Kunstzeitschriften, die mir befreundet sind welche schicken wollen (Merker, Musik, Rheinische Musik-Zeitung, Pan, etc) ferner bitte ich Sie an Herrn W. Kandinsky, Maler (der ab Jänner eine neue Kunstzeitschrift herausgiebt) und mit dem ich befreundet bin, ein Exemplar zu schicken. Ebenso Herrn Carl Einstein in Wilmersdorf-Berlin, Jenaerstr. 26, der Sie darum ersuchen wird. Er giebt auch eine Kunstzeitschrift3 heraus.
Dann bitte ich Sie je ein gebundenes Exemplar zu schicken, an:
Ich lege diesem Brief kleine Begleitschreiben4 bei, die Sie so freundlich sein werden in die Bücher hineinzugeben.
Dann eines an Zemlinsky in Prag.
Nun danke ich Ihnen noch sehr für die Mahler-Symphonie und das Lied von der Erde. Das ist sehr lieb von Ihnen, dass Sie an mich gedacht haben.
Was Weberns Aufsatz anbelangt, so bitte ich Sie, ehe Sie sich an Webern wenden, den Aufsatz zu lesen und sich zu entscheiden, ob Sie ihn bringen wollen. Ich kenne den Aufsatz schon und er gefällt mir sehr, denn er ist außerordentlich warm, ohne jede Schmockerei und sagt zum ersten mal wirklich Richtiges über meine Melodik und meine Technik. Ob er sich für Ihre Zwecke eignet kann und mag ich nicht beurteilen, möchte aber jedenfalls dem Webern die Kränkung einer Ablehnung ersparen. Aber ich hoffe bestimmt, dass er Ihnen gefällt!! Jedenfalls wird Ihnen Webern keine Schwierigkeiten machen, wenn Sie den Aufsatz verwenden wollen und sich mit einem Ehrenhonorar begnügen.
Ihrem Wunsch im Sternschen Konservatorium einen Prospekt zu verteilen, kann ich nicht nachkommen. Es tut mir leid, aber ich muss solche Dinge unbedingt vermeiden. Aber ich bin sicher, dass der Direktor, Professor Gustav Holländer, der sich sehr für mich interessiert, etwas in dieser Sache tun wird, wenn Sie ihn darum angehen.
Möchten Sie nicht an Nikisch ein Exemplar der Orchesterlieder schicken. Frau Wolff will ihn zu einer Aufführung bewegen. Eventuell zur Ansicht auch die Pelleas- Partitur!
Nun etwas sehr Wichtiges:
Die Wiener Autoren Gesellschaft hat beschlossen:
die ihr übertragenen Werke sollen noch 10 Jahre nach dem Austritt eines Mitgliedes ihr zur Verwaltung überlassen bleiben.
Bis zum 1. Jänner müsste man sich entscheiden ob man unter dieser Bedingung Mitglied bleiben will.
Ich finde diese Bedingung unannehmbar. Insbesondere, weil die Aut. Ges. gar nicht versteht, ernste Werke zu behandeln und nur für ihre Kuplets und Tänze arbeitet. Wäre nicht diese Pension, so hielte mich nichts vom Austritt ab.
Könnten Sie da nicht darauf Einfluss nehmen, dass dieser Beschluß rückgängig gemacht wird?
Bitte schreiben Sie mir was ich tun soll!
Ich habe von dieser famosen Gesellschaft noch keine Abrechnung bekommen!!!!
Noch etwas sehr dringendes:
Bitte schicken Sie mir umgehend die Matritzen meines II. Quartetts, damit ich die Fehler-Verbesserungen eintragen kann. – Bitte, geben Sie das dann rasch zum Drucken und teilen Sie mir mit, wann die neuen Exemplare5 kommen sollen.
Nun für heute Schluss. Schreiben Sie mir, wie mein Chor gefallen hat und schicken Sie mir die Kritiken6 Ich retourniere sie.
Viele herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 9. Dezember 1911, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.220.

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