6/2. 1913
Lieber Herr Direktor, Bergs angekündigter Brief1 ist
noch nicht da. Sollte der mir eine andere Meinung bei-
bringen, so will ich gerne alles zurücknehmen, was ich hier
sagen muss.
Zunächst: auf Ihr und des Philharm. Chors Telegramme2
habe ich Ihnen eben telegrafisch3 folgendes geantwortet:
„Wenn Schreker keine Zeit findet, komme ich
[„]gerne, um zu dirigieren; nicht aber um zu corri-
[„]gieren. Schlechtes Material nicht meine Schuld. Bitte
[„]sagen Sie ruhig ab.“
Dieses Telegramm zu erläutern, Ihnen zu zeigen, wie
so Sie unrecht hatten und Ihnen zu beweisen, dass es leicht geht, ohne
dass ich hinkomme, ist der Zweck meines Briefes.
I. Vor allem finde ich das „Schreker wünscht (!!)
dringend Ihre unverzügliche Herreise“ etwas sehr stark. Auf
etwas mehr Höflichkeit machte ich selbst dann Anspruch, wenn ich ein
Verbrechen begangen hätte.
II. Man mutet mir eine Reiseausgabe von vielleicht
150–200 Mark zu, spendiert aber selbst nicht 10 Kronen
um mir ausführlich die Gründe anzugeben, warum ich mir
solche Kosten machen soll.
Denn das[s] die im Telegramm angegebenen keine
sind, werde ich Ihnen noch zeigen.
III. Man mutet mir eine solche Ausgabe zu und fragt
nicht ob ich in der Lage bin, sie mir zu gestatten!!
IV. Wenn man so etwas von mir wollte, hätte
man mir vor allem zu erklären, dass man alle Kosten
trägt.

V. Aber nun die Hauptsache: man mutet mir, dem Autor
zu, dass ich dem Dirigenten Handlangerdienste verrichte, weil
der keine Zeit hat, sich mit der Sache so zu befassen, wie
es seine Pflicht als Künstler ist: mir gegenüber und sich
gegenüber!!
Denn: wenn Schreker die Partitur, wie es seine
Pflicht ist
, ordentlich studiert hätte, wäre es ganz un-
möglich, dass er jetzt erst plötzlich entdeckt, sie sei so fehlerhaft.
(Nebenbei: wenn sie fehlerhaft ist, ist das nicht meine
Schuld! Denn man lässt ein Material eben rechtzeitig
korrigieren
!!) Das hätte er längst bemerken müssen!
Dass er aber die Partitur nicht kennt, habe ich
längst aus der naiven Mitteilung4 Bergs ent-
nommen: „es sei so schwer die Fehler im Blech
und in den Holzbläsern zu finden (!!)“ Selbstverständ-
lich nur, wenn man die Partitur nicht kennt!
Ich sehe ein, das Schreker keine Zeit hat, die
Sache zu studieren. Ich kann das sogar begreifen und
entschuldigen. Nicht begreifen und nicht entschuldigen
aber kann ich es, dass er trotzdem darauf besteht,
das Werk selbst zu dirigieren. Es wäre nicht nur menschlich
nobler von ihm, wenn er mich dazu einlüde; es wäre
auch künstlerisch anständiger!!
VI. Nun aber gar: Wozu soll ich nach Wien kommen?
Das ist mir vollständig rätselhaft. Sie scheinen alle den
Kopf verloren zu haben und da soll ich nun herhalten.
Gerne; aber doch nur soweit es nötig ist. Und vor allem
u einer Arbeit zu der man den Autor braucht, (zum

Dirigieren) aber doch nicht zur Kopistenarbeit! Wegen einer
solchen macht man doch nicht eine derartige Reise!!
Sie telegrafieren „Entwirrung“ der Partitur. Ja
was heißt das. Die Partitur ist doch nicht verwirrt, durch-
einander? Es sind Fehler drin; aber die müssen 2 Musiker
doch noch selbst zu korrigieren imstande sein! Oder wenn
nicht: es giebt doch eine Post? Man kann mich doch fragen?
Man nehmeentnimmt die betreffenden Seiten der gedruckten
Partitur, macht ein rotes Kreuz (? X) dazu und sendet
mirs express. Ich antworte express! Oder man for-
dert mich auf die Partitur nachzulesen und alle
Fehler die ich finde, täglich nach Wien zu senden. Oder
man schickt mir noch 3 Partituren, damit ich sie hier
in Berlin von Freunden lesen lassen kann!! Und:
man lässt in Wien ein paar gute Musiker mitlesen.
Man bezahlt ihnen ein Honorar dafür. Dann werden
sich manche finden! Alles das gienge also ebenso
schnell und sicherer und billiger. Und es müsste nicht
der Unschuldige die Kosten und Mühen allein tragen.
Denn meine Partitur enthält sicher nicht mehr Fehler,
als jede andere. Und höchstens der Umfang des Werkes
(in jeder Dimension) macht dass es viel erscheint. Und
vor allem: das unkorrigierte Material!!
Man überschätzt sehr den Grad der Bedeutung die
diese Aufführung5 für mich hat. Möglicherweise ist
sie sehr vorteilhaft für mich. Aber deswegen lasse ich

mich dennoch von niemand schuhriegeln. Und vor allem
lasse ich mir nicht drohen: „Aufführung sonst ab-
gesagt.
“ Ich hänge dazu doch nicht genug am Erfolg. Insbesondere
aber: mir liegt nicht so viel an einer Aufführung, son-
dern nur an einer guten. Und eine gute Aufführung
kann das ohnedies nicht werden. Bloß 10 Proben mit
dem schlechten Tonkünstler-Orchester!! Ich werde
mit den ausgezeichneten Berliner Philharmonikern
9–11 Proben machen!!
Zum Schluss also: ich bin gerne bereit, Ihnen
jeden Rat zu geben, der mir einfällt. Ich bin gerne
bereit gegen eine Spesenvergütung die Aufführung selbst
zu dirigieren. Ich komme gerne ca am 18. Februar nach
Wien
6 um bei den letzten Proben alles in meinem
Sinn zu gestalten. Aber wenn man meint, mich
durch eine Drohung ängstlich zu machen, dann
unterschätzt man mich. Darauf habe ich nur die
Antwort: Bitte, sagen Sie ruhig ab.
Es wäre ja sehr bedauerlich für Sie, wenn
Sie absagen müssten. – Ich werde mir schon
allein weiterhelfen.
Sie werden diesen Brief etwas gereizt finden:
Aber da kann ich mir nicht helfen. Ich habe es satt mir
aus Wien fortwährend auf die Schultern klopfen
zu lassen. Ich weiß wirklich nicht wozu ich Wien sonst
den Rücken gedreht hätte. Ueberall wo ich sonst hin-
komme um meine Werke aufzuführen, wird

das so angesehen und behandelt wie es ist: man dankt
mir dafür, dass man mein Werk aufführen konnte. In
Wien dreht man mir jeder aus jederseinen geschäftlichen Angelegenheiten
einen Strick, mit dem man behauptet mich zu fördern. Aber ich gebe
meinen Hals nicht mehr für diesen Strick, meine
Schultern nicht mehr für diese Protektion her, sondern
bleibe in der LageStellung, die ich Wien gegenüber eingenommen
habe, als ich es verließ.
Was die gemeldete Absage Klitschs anbelangt,
so kommt Frau Zehme erst im Notfall in
Betracht. Ich wünsche einen Mann7 für die
Uraufführung!
Nichts für ungut.
Herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg
6/2. 1913
Lieber Herr Direktor, Bergs angekündigter Brief1 ist noch nicht da. Sollte der mir eine andere Meinung beibringen, so will ich gerne alles zurücknehmen, was ich hier sagen muss.
Zunächst: auf Ihr und des Philharm. Chors Telegramme2 habe ich Ihnen eben telegrafisch3 folgendes geantwortet:
„Wenn Schreker keine Zeit findet, komme ich gerne, um zu dirigieren; nicht aber um zu corri gieren. Schlechtes Material nicht meine Schuld. Bitte sagen Sie ruhig ab.“
Dieses Telegramm zu erläutern, Ihnen zu zeigen, wieso Sie unrecht hatten und Ihnen zu beweisen, dass es leicht geht, ohne dass ich hinkomme, ist der Zweck meines Briefes.
I. Vor allem finde ich das „Schreker wünscht (!!) dringend Ihre unverzügliche Herreise“ etwas sehr stark. Auf etwas mehr Höflichkeit machte ich selbst dann Anspruch, wenn ich ein Verbrechen begangen hätte.
II. Man mutet mir eine Reiseausgabe von vielleicht 150–200 Mark zu, spendiert aber selbst nicht 10 Kronen um mir ausführlich die Gründe anzugeben, warum ich mir solche Kosten machen soll.
Denn dass die im Telegramm angegebenen keine sind, werde ich Ihnen noch zeigen.
III. Man mutet mir eine solche Ausgabe zu und fragt nicht ob ich in der Lage bin, sie mir zu gestatten!!
IV. Wenn man so etwas von mir wollte, hätte man mir vor allem zu erklären, dass man alle Kosten trägt.
V. Aber nun die Hauptsache: man mutet mir, dem Autor zu, dass ich dem Dirigenten Handlangerdienste verrichte, weil der keine Zeit hat, sich mit der Sache so zu befassen, wie es seine Pflicht als Künstler ist: mir gegenüber und sich gegenüber!!
Denn: wenn Schreker die Partitur, wie es seine Pflicht ist, ordentlich studiert hätte, wäre es ganz unmöglich, dass er jetzt erst plötzlich entdeckt, sie sei so fehlerhaft. (Nebenbei: wenn sie fehlerhaft ist, ist das nicht meine Schuld! Denn man lässt ein Material eben rechtzeitig korrigieren!!) Das hätte er längst bemerken müssen! Dass er aber die Partitur nicht kennt, habe ich längst aus der naiven Mitteilung4 Bergs entnommen: „es sei so schwer die Fehler im Blech und in den Holzbläsern zu finden (!!)“ Selbstverständlich nur, wenn man die Partitur nicht kennt!
Ich sehe ein, das Schreker keine Zeit hat, die Sache zu studieren. Ich kann das sogar begreifen und entschuldigen. Nicht begreifen und nicht entschuldigen aber kann ich es, dass er trotzdem darauf besteht, das Werk selbst zu dirigieren. Es wäre nicht nur menschlich nobler von ihm, wenn er mich dazu einlüde; es wäre auch künstlerisch anständiger!!
VI. Nun aber gar: Wozu soll ich nach Wien kommen? Das ist mir vollständig rätselhaft. Sie scheinen alle den Kopf verloren zu haben und da soll ich nun herhalten. Gerne; aber doch nur soweit es nötig ist. Und vor allem u einer Arbeit zu der man den Autor braucht, (zum Dirigieren) aber doch nicht zur Kopistenarbeit! Wegen einer solchen macht man doch nicht eine derartige Reise!!
Sie telegrafieren „Entwirrung“ der Partitur. Ja was heißt das. Die Partitur ist doch nicht verwirrt, durcheinander? Es sind Fehler drin; aber die müssen 2 Musiker doch noch selbst zu korrigieren imstande sein! Oder wenn nicht: es giebt doch eine Post? Man kann mich doch fragen? Man entnimmt die betreffenden Seiten der gedruckten Partitur, macht ein rotes Kreuz (? X) dazu und sendet mirs express. Ich antworte express! Oder man fordert mich auf die Partitur nachzulesen und alle Fehler die ich finde, täglich nach Wien zu senden. Oder man schickt mir noch 3 Partituren, damit ich sie hier in Berlin von Freunden lesen lassen kann!! Und: man lässt in Wien ein paar gute Musiker mitlesen. Man bezahlt ihnen ein Honorar dafür. Dann werden sich manche finden! Alles das gienge also ebenso schnell und sicherer und billiger. Und es müsste nicht der Unschuldige die Kosten und Mühen allein tragen. Denn meine Partitur enthält sicher nicht mehr Fehler, als jede andere. Und höchstens der Umfang des Werkes (in jeder Dimension) macht dass es viel erscheint. Und vor allem: das unkorrigierte Material!!
Man überschätzt sehr den Grad der Bedeutung die diese Aufführung5 für mich hat. Möglicherweise ist sie sehr vorteilhaft für mich. Aber deswegen lasse ich mich dennoch von niemand schuhriegeln. Und vor allem lasse ich mir nicht drohen: „Aufführung sonst abgesagt.“ Ich hänge dazu doch nicht genug am Erfolg. Insbesondere aber: mir liegt nicht so viel an einer Aufführung, sondern nur an einer guten. Und eine gute Aufführung kann das ohnedies nicht werden. Bloß 10 Proben mit dem schlechten Tonkünstler-Orchester!! Ich werde mit den ausgezeichneten Berliner Philharmonikern 9–11 Proben machen!!
Zum Schluss also: ich bin gerne bereit, Ihnen jeden Rat zu geben, der mir einfällt. Ich bin gerne bereit gegen eine Spesenvergütung die Aufführung selbst zu dirigieren. Ich komme gerne ca am 18. Februar nach Wien6 um bei den letzten Proben alles in meinem Sinn zu gestalten. Aber wenn man meint, mich durch eine Drohung ängstlich zu machen, dann unterschätzt man mich. Darauf habe ich nur die Antwort: Bitte, sagen Sie ruhig ab.
Es wäre ja sehr bedauerlich für Sie, wenn Sie absagen müssten. – Ich werde mir schon allein weiterhelfen.
Sie werden diesen Brief etwas gereizt finden: Aber da kann ich mir nicht helfen. Ich habe es satt mir aus Wien fortwährend auf die Schultern klopfen zu lassen. Ich weiß wirklich nicht wozu ich Wien sonst den Rücken gedreht hätte. Ueberall wo ich sonst hinkomme um meine Werke aufzuführen, wird das so angesehen und behandelt wie es ist: man dankt mir dafür, dass man mein Werk aufführen konnte. In Wien dreht mir jeder aus seinen geschäftlichen Angelegenheiten einen Strick, mit dem man behauptet mich zu fördern. Aber ich gebe meinen Hals nicht mehr für diesen Strick, meine Schultern nicht mehr für diese Protektion her, sondern bleibe in der Stellung, die ich Wien gegenüber eingenommen habe, als ich es verließ.
Was die gemeldete Absage Klitschs anbelangt, so kommt Frau Zehme erst im Notfall in Betracht. Ich wünsche einen Mann7 für die Uraufführung!
Nichts für ungut.
Herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg

6. Februar 1913


Beilage zu Arnold Schönberg an Alban Berg, 6. Februar 1913 (ASCC 318); aus diesem geht hervor, dass der vorliegende Brief an Berg zur Kenntnisnahme, aber nicht an Hertzka selbst ging

The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 6. Februar 1913, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.319.

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