20/1. 1913
Lieber Herr Direktor, Ihre Forderung von 1000 Mark
als Strafe für eine eventuelle Berliner Gurrelieder
Aufführung1 muss ich absolut ablehnen. Sollte eine
genügende Summe zustande kommen, um das
Konzert (dessen Kosten doch noch viel höher sind, als ich an-
nahm, weshalb die bis jetzt vorhandene Summe2 noch
lange nicht genügt) abzuhalten und sollte es möglich sein,
dass sogar mehr Geld da ist, dann werde ich den
Mehrbetrag dazu verwenden, um eine oder 2 Proben
mehr zu machen. Denn ich habe nur mit 8 Proben gerech-
net. – Sollte sich aber gar aus den Erträgnissen ein
Ueberschuss ergeben, dann werden Sie, der Sie mir
für die Gurrelieder nur ein Honorar von 500 Kronen
gegeben haben, es nicht ungerecht finden dürfen, wenn
dieser Ueberschuss mir verbliebe. Ich muss gestehen,
dass ich mit den Aktionären der Universal Edition
recht wenig Mitleid haben kann. Denn sie werden
mehr an den Gurreliedern verdienen, als ich, der ich
ja, wenn Sie wirklich auf unseren Vertrag werden
bestehen wollen, bloß 10 % bekomme, während
die U. E. mindestens 50 % bekommt. Aber

selbst wenn ich mein Mitleid so weit triebe, dass
ich mich entschlösse, der U. E. eine solche Subven-
tion aus dem Fonds für mein Konzert zukommen
zu lassen, so hätte ich doch gebundene Hände. Denn
ich bin verpflichtet über die Verwendung der gezeich-
neten Gelder Rechnung zu legen. Und das würde
mir kein Mensch glauben, dass ich für ein Material,
das sicher für 250 Mark käuflich sein müsste,
eine Leihgebühr von 1000 Mark gezahlt habe. Sondern
man würde annehmen, dass ich das in meine
Tasche gesteckt habe, oder, dass es eine abgekartete
Sache mit dem Verlag sei. (Halbpart). Zu solchen
Dingen kann ich mich aber nicht hergeben.
Lieber Herr Direktor, seien Sie nicht bös, dass
ich das so entschieden ablehne. Ich bin überzeugt,
Sie haben mir diesen Brief3 nur so in einer
ersten Aufwallung geschrieben und habens nicht or-
dentlich überlegt. Ich hoffe, Sie verschließen sich
meinen Gründen nicht. Und ich hoffe, Sie werden
diese Forderung, die die Aufführung vereiteln
kann, nicht aufrecht halten. Denn vorläufig ist noch
immer nicht die nötige Summe da. Es ist noch

manche Antwort ausständig. Aber es dürfte wohl in den
nächsten Tagen definitiv beisammen sein. Eine Schwierigkeit
macht auch das Engagement der Chöre. Insbesondere weil
keine Klavierauszüge da waren. Nun so wirds wohl
auch schneller gehen. Der Klavierauszug sieht sehr
schön aus. Ich bin damit sehr zufrieden. Was ist aber
mir der Luxusausgabe4, die doch auf gutes Papier
gedruckt werden soll.
NB könnten Sie nicht auch von der Partitur einige
Exemplare zu einem etwas höheren Preis auf gutes Papier
drucken lassen? Dies Papier ist besonders schlecht. Ich [...]

fürchte in 5 Jahren hält kein Exemplar mehr aus.
Gegen Fried und Gutmann haben Sie sich
sehr richtig benommen. Denn die Gurrelieder-
A[uf]führung werde ich hier dirigieren. Und ob ich mit
Gutmann arbeiten werde, ist auch noch fraglich.
Vorläufig verlangt er fürs Arrangement bloß
10 mal so viel als Wolff!! –
Nun noch folgendes:
In der Partitur der Kammersinfonie
hat der Korrektor (A. H.) manchen Unsinn
angestellt (ich sagte oft: aha; A. H.). So wenn
er den Stecher dazu zwingt jedesmal nach dem

Wort „Bogen“ einen Schlusspunkt (.) zu
setzen: „Bogen.“ Als ob dem Geiger der Bogen
sonst davon liefe, wenn der Punkt nicht wäre.
Weiß denn der Mann nicht, dass man diese Schluss-
punkte heute nicht mehr macht?!!? Bloß am Ende
von Sätzen, aber nicht mehr nach einzelstehenden
Worten (lesen Sie die Satire von Kraus
Schlusspunkt nach Burgtheater
5.) – [...] dann,
wenn er, obwohl in meiner Partitur bloß das
Wort „hervor“ steht, darauf besteht, dass „her-
vortreten“ gestochen würde. Das könnte er doch mir
überlassen. Das ist doch meine Sache! – Schlimmer
aber ist, dass er mir zwei Fehler hineingemacht
hat. Und zwar auf Seite 53, wo in der obersten
Zeile gr Fl. zu spielen hat (er schreibt hin kl Fl)
während erst auf Seite 54 kl Flöte kommt. Das
müsste noch geändert werden! – Dann bitte ich Sie
Herrn von Wöss zu fragen, ob es nicht noch möglich ist,
die von ihm gerügte Stelle auf Seite 55 (wo das

erste Horn so tief hinuntergeht, dass kein Platz für
die Pause ist) in der Weise zu lösen, dass man
das I. Horn im Bassschlüssel notiert. Ich lege eine
Skizze bei und hoffe, dass Herr von Wöß den Ausweg, den


ich in Wagner-Partituren oft schon bei Clarinetten
(Bass Schlüssel-Notation!!) gefunden habe, für gut ansieht.
Es wäre gut, wenn man das auch noch ändern könnte.
Denn schön sieht ja die Stelle keineswegs aus.
Schreker ersucht mich, ich möge meinen
Einfluss geltend machen, damit er zur Probe
ein gut korrigiertes Material bekomme. Ich

[t]ue das hiermit! –
Der Akadem. Verband bittet9 mich für
einen Almanach, den er herausgeben will
um einen Beitrag. Ich bitte Sie um Ihre
Zustimmung dazu. Ich möchte „den kranken
Mond“ aus dem Pierrot lunaire hergeben, weil
der Akademische Verb unbedingte Förderung
verdient und weil ansonsten die Sachedas Reinerträgnis

zugunsten der Mahler-Stiftung stattfindet
zugewendet wird. –
Herzlichen Dank für die Uebersendung der
IX. Synphonie. Die ist sehr schön!
Was sagen Sie dazu, dass ich die Kinder-
totenlieder
aufführe10? Das muss Sie doch freuen!
Sie haben mir nicht ein Wort darüber gesagt.
Nun: ich freue mich sehr darüber, dass
auch die Wiener Aufführung11 zustande kommt.
Hoffentlich kann ich dazu kommen. Ich habe

dieses Jahr schon sehr viel Geld verreist. Trotz
meiner hohen Honorare! Man braucht eben
auf Reisen sehr viel Geld.
Aus Wien höre ich, dass Sie krank waren.
Ich hoffe, Sie sind inzwischen wieder gesund.
Mein Bruder schickt
12 Ihnen heute die Bläser-
stimmen der Kammersynphonie. Bitte trachten
Sie, dass die rechtzeitig, spätestens bis 10. Mä[rz]
fertig sind. Denn sie werden ja zum Konzert-13
gebraucht. Lassen Sie sie jedenfalls gut korrigieren.
Wenn ich irgend Zeit habe, lese ich sie selbst.
Aber ich habe wenig Hoffnung. Mein Bruder
steht Ihnen zur Verfügung. Er liest ausgezeich-
net!! – Ich habe letzthin eine Noten-
schreibmaschine gesehen, die sich ausgezeichnet eignen
würde Stimmen für Autografie (das ist ausprobiert)
herzustellen. Der Schreiber arbeitet sicher schneller als
mit der Hand und es sieht fast wie Stich aus. Die
Maschine erinnert mich sehr an meine14. Wären Sie
nicht bereit eine solche anzuschaffen? Mein Bruder
könnte sich einstweilen darauf einarbeiten. Der Händler
meint, man könnte den Drucker ganz entbehren weil
das Abziehen vom Stein so einfach ist. Es tut mir sehr
leid, das[s] meine Schreibmaschine nicht zur ausgeführt
wurde. Die wäre noch etwas besser geworden. Aber immerhin
die kann was man benötigt. – Partitur geht nicht damit. –
Vielleicht sagen Sie mir Ihre Meinung.
Recht herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg
20/1. 1913
Lieber Herr Direktor, Ihre Forderung von 1000 Mark als Strafe für eine eventuelle Berliner Gurrelieder Aufführung1 muss ich absolut ablehnen. Sollte eine genügende Summe zustande kommen, um das Konzert (dessen Kosten doch noch viel höher sind, als ich annahm, weshalb die bis jetzt vorhandene Summe2 noch lange nicht genügt) abzuhalten und sollte es möglich sein, dass sogar mehr Geld da ist, dann werde ich den Mehrbetrag dazu verwenden, um eine oder 2 Proben mehr zu machen. Denn ich habe nur mit 8 Proben gerechnet. – Sollte sich aber gar aus den Erträgnissen ein Ueberschuss ergeben, dann werden Sie, der Sie mir für die Gurrelieder nur ein Honorar von 500 Kronen gegeben haben, es nicht ungerecht finden dürfen, wenn dieser Ueberschuss mir verbliebe. Ich muss gestehen, dass ich mit den Aktionären der Universal Edition recht wenig Mitleid haben kann. Denn sie werden mehr an den Gurreliedern verdienen, als ich, der ich ja, wenn Sie wirklich auf unseren Vertrag werden bestehen wollen, bloß 10 % bekomme, während die U. E. mindestens 50 % bekommt. Aber selbst wenn ich mein Mitleid so weit triebe, dass ich mich entschlösse, der U. E. eine solche Subvention aus dem Fonds für mein Konzert zukommen zu lassen, so hätte ich doch gebundene Hände. Denn ich bin verpflichtet über die Verwendung der gezeichneten Gelder Rechnung zu legen. Und das würde mir kein Mensch glauben, dass ich für ein Material, das sicher für 250 Mark käuflich sein müsste, eine Leihgebühr von 1000 Mark gezahlt habe. Sondern man würde annehmen, dass ich das in meine Tasche gesteckt habe, oder, dass es eine abgekartete Sache mit dem Verlag sei. (Halbpart). Zu solchen Dingen kann ich mich aber nicht hergeben.
Lieber Herr Direktor, seien Sie nicht bös, dass ich das so entschieden ablehne. Ich bin überzeugt, Sie haben mir diesen Brief3 nur so in einer ersten Aufwallung geschrieben und habens nicht ordentlich überlegt. Ich hoffe, Sie verschließen sich meinen Gründen nicht. Und ich hoffe, Sie werden diese Forderung, die die Aufführung vereiteln kann, nicht aufrecht halten. Denn vorläufig ist noch immer nicht die nötige Summe da. Es ist noch manche Antwort ausständig. Aber es dürfte wohl in den nächsten Tagen definitiv beisammen sein. Eine Schwierigkeit macht auch das Engagement der Chöre. Insbesondere weil keine Klavierauszüge da waren. Nun wirds wohl auch schneller gehen. Der Klavierauszug sieht sehr schön aus. Ich bin damit sehr zufrieden. Was ist aber mir der Luxusausgabe4, die doch auf gutes Papier gedruckt werden soll.
NB könnten Sie nicht auch von der Partitur einige Exemplare zu einem etwas höheren Preis auf gutes Papier drucken lassen? Dies Papier ist besonders schlecht. Ich fürchte in 5 Jahren hält kein Exemplar mehr aus.
Gegen Fried und Gutmann haben Sie sich sehr richtig benommen. Denn die Gurrelieder-Aufführung werde ich hier dirigieren. Und ob ich mit Gutmann arbeiten werde, ist auch noch fraglich. Vorläufig verlangt er fürs Arrangement bloß 10 mal so viel als Wolff!! –
Nun noch folgendes:
In der Partitur der Kammersinfonie hat der Korrektor (A. H.) manchen Unsinn angestellt (ich sagte oft: aha; A. H.). So wenn er den Stecher dazu zwingt jedesmal nach dem Wort „Bogen“ einen Schlusspunkt (.) zu setzen: „Bogen.“ Als ob dem Geiger der Bogen sonst davon liefe, wenn der Punkt nicht wäre. Weiß denn der Mann nicht, dass man diese Schlusspunkte heute nicht mehr macht?!!? Bloß am Ende von Sätzen, aber nicht mehr nach einzelstehenden Worten (lesen Sie die Satire von Kraus Schlusspunkt nach Burgtheater5.) – dann, wenn er, obwohl in meiner Partitur bloß das Wort „hervor“ steht, darauf besteht, dass „hervortreten“ gestochen würde. Das könnte er doch mir überlassen. Das ist doch meine Sache! – Schlimmer aber ist, dass er mir zwei Fehler hineingemacht hat. Und zwar auf Seite 53, wo in der obersten Zeile gr Fl. zu spielen hat (er schreibt hin kl Fl) während erst auf Seite 54 kl Flöte kommt. Das müsste noch geändert werden! – Dann bitte ich Sie Herrn von Wöss zu fragen, ob es nicht noch möglich ist, die von ihm gerügte Stelle auf Seite 55 (wo das erste Horn so tief hinuntergeht, dass kein Platz für die Pause ist) in der Weise zu lösen, dass man das I. Horn im Bassschlüssel notiert. Ich lege eine Skizze bei und hoffe, dass Herr von Wöß den Ausweg, den
ich in Wagner-Partituren oft schon bei Clarinetten (Bass Schlüssel-Notation!!) gefunden habe, für gut ansieht. Es wäre gut, wenn man das auch noch ändern könnte. Denn schön sieht ja die Stelle keineswegs aus.
Schreker ersucht mich, ich möge meinen Einfluss geltend machen, damit er zur Probe ein gut korrigiertes Material bekomme. Ich tue das hiermit! –
Der Akadem. Verband bittet9 mich für einen Almanach, den er herausgeben will um einen Beitrag. Ich bitte Sie um Ihre Zustimmung dazu. Ich möchte „den kranken Mond“ aus dem Pierrot lunaire hergeben, weil der Akademische Verb unbedingte Förderung verdient und weil ansonsten das Reinerträgnis zugunsten der Mahler-Stiftung zugewendet wird. –
Herzlichen Dank für die Uebersendung der IX. Synphonie. Die ist sehr schön!
Was sagen Sie dazu, dass ich die Kindertotenlieder aufführe10? Das muss Sie doch freuen! Sie haben mir nicht ein Wort darüber gesagt.
Nun: ich freue mich sehr darüber, dass auch die Wiener Aufführung11 zustande kommt. Hoffentlich kann ich dazu kommen. Ich habe dieses Jahr schon sehr viel Geld verreist. Trotz meiner hohen Honorare! Man braucht eben auf Reisen sehr viel Geld.
Aus Wien höre ich, dass Sie krank waren. Ich hoffe, Sie sind inzwischen wieder gesund. Mein Bruder schickt12 Ihnen heute die Bläserstimmen der Kammersynphonie. Bitte trachten Sie, dass die rechtzeitig, spätestens bis 10. März fertig sind. Denn sie werden ja zum Konzert-13 gebraucht. Lassen Sie sie jedenfalls gut korrigieren. Wenn ich irgend Zeit habe, lese ich sie selbst. Aber ich habe wenig Hoffnung. Mein Bruder steht Ihnen zur Verfügung. Er liest ausgezeichnet!! – Ich habe letzthin eine Notenschreibmaschine gesehen, die sich ausgezeichnet eignen würde Stimmen für Autografie (das ist ausprobiert) herzustellen. Der Schreiber arbeitet sicher schneller als mit der Hand und es sieht fast wie Stich aus. Die Maschine erinnert mich sehr an meine14. Wären Sie nicht bereit eine solche anzuschaffen? Mein Bruder könnte sich einstweilen darauf einarbeiten. Der Händler meint, man könnte den Drucker ganz entbehren weil das Abziehen vom Stein so einfach ist. Es tut mir sehr leid, dass meine Schreibmaschine nicht ausgeführt wurde. Die wäre noch etwas besser geworden. Aber immerhin die kann was man benötigt. – Partitur geht nicht damit. – Vielleicht sagen Sie mir Ihre Meinung.
Recht herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg

20. Jänner 1913


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 20. Jänner 1913, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.6839.

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