16/7. 1913
Lieber Herr Direktor, ich freue mich, dass Sie
selbst erkennen, mein Vorgehen als „jenseits von
Gut und Böse“ zu bezeichnen, wäre ein Unrecht.
Zwar befriedigt mich Ihre Erläuterung nicht [...] voll-
ständig. Denn ich kann noch immer nicht er-
kennen, warum einer, der verabredungsgemäß
nach einer gewissen Frist seine Handlungs-Freiheit wiederhat,
nicht durchaus diesseits von Gut steht, wenn
er von dieser Handlungsfreiheit legalen Gebrauch
macht. Aber mir genügt es, dass Sie den Willen
bekunden, der mich nicht beleidigen möchte.
Nun freue ich mich auch darüber, dass Sie
einsehen, dass meine Werke gedruckt werden
müssen und bin Ihnen sehr dankbar dafür, dass
Sie mir so offen reinen Wein eingeschenkt
haben. Ich bedaure es sicher im gleichen Maß
wie Sie, dass nicht alle meine Werke bei der
U. E. erscheinen können. Aber da sie schließlich
erscheinen müssen (auch im Interesse der U. E. liegt
das, da ja die Verbreitung meiner Werke auch denen

nützt, die sie haben) kann ich nichts anderes tun,
als sie anderen Verlagen zu geben und [d]anke Ihnen
wirklich herzlichst dafür, dass Sie mir kein Hinder-
nis in den Weg legen, sodass diese vorrüber-
gehende
Trennung, wenn auch mit Schmerz,
so doch ohne Gewalt erfolgt.
Und um Ihnen nun zu zeigen, dass ich Ihnen
für dieses Entgegenkommen dankbar bin, komme
ich Ihnen mit dem Monn-Vcl Konzert entgegen und
nehme Ihren Vorschlag, mit 2 unwesentlichen
Bedingungen, die ich stellen muss an:
I. Das Arrangement für Klavier muss ich
selbst machen, wenn meine Bearbeitung über-
haupt Sinn haben soll. Sonst kann ich doch gar nicht
meinen Namen darunter setzen. Außerdem habe ich
meine Ideen dafür! Da es sich mir nur um die
künstlerische Frage handelt, komme ich Ihnen auch
hier entgegen und begnüge mich für die Anfer-
tigung dieses Arrangements mit demselben
Honorar, dass Sie einem anderen Bearbeiter
gezahlt haben würden. Bestimmen Sie es also selbst.
II. hoffe ich, dass Sie, wenn Sie meine
Kadenzen herausgeben sollten (etwa auf einem

besonderen Bla[tt] als (billige) Beilage zur Vcl Stimme)
mir ein Extrahonorar geben.
Das ist ja eigentlich auch keine Bedingung,
genau so wenig, [...] wie der weiter folgende
Wunsch: dass Sie mir, wenn das Monn-Conzert
ein Erfolg werden sollte, doch noch eine fortlaufen-
de Beteiligung gewähren. (Ich muss solche Wünsche
haben. Denn ich bin verheiratet, habe Kinder, und
wenn ich zu früh sterbe, haben die gar nichts!)
Ich glaube, dass Sie damit einverstanden
sein werden.
(Bitte um Nachricht!)
Und nun möchte ich Sie noch folgendes fragen:
Wir hatten ja für die Herausgabe des „Pierrot“,
der neuen „Klavierstücke“ und des „Harmonium-Liedes
ebenfalls Termine verabredet. Wenn ich Sie
nun recht verstehe, so scheinen Sie auch diese
Termine einstweilen nicht einhalten zu können
und ich deute mir Ihren Standpunkt folgender-
maßen: Sie sagen sich, dass Sie einstweilen
vorziehen jene älteren Werke von mir zu
haben, die sich rascher realisieren lassen und vorläufig
auf jene verzichten, die, wie Sie anzunehmen scheinen,

nicht sofort die Spesen hereinbri[g]ngen. Ich [bin] nicht sehr
erfreut über diesen Standpunkt und halte ihn für
unrichtig. Aber ich kann verstehen, dass Sie gehindert
sind, anders vorzugehen. Da das aber für mich doch
ein etwas „lange dauernder“ Hemmschuh ist und
das Tempo in dem die U. E. meine Sachen
herausgeben kann gar nicht dem Tempo entspricht,
in dem mein Marktwert steigt, so meine ich, Sie
sollten mir diese 3 Werke wieder zurückgeben und
bitte Sie darum und um Bekanntgabe jener
Bedingungen unter denen Sie das vor Ablauf
der vertragsmäßigen Wartefrist tun wollen.
Ich habe dabei nur eines im Auge: gedruckt
zu werden. Der materielle Vorteil, dem ich dabei
gewiss nicht werde entrinnen können, steht mir
dabei (obwohl ich, wie Sie wissen, nicht reich bin!!)
in zweiter Linie. Und Sie sagten ja selbst, dass
es meine Position Ihren Verwaltungsräten gegen-
über heben würde und Ihnen die Arbeit für mich
erleichtern würde, wenn ich wieder anderswo
etwas herausbringe.
Dass Pierrot, die Klavierstücke und das Harm-
Celesta-Harfe Lied
gedruckt werden, ist für mich
von größter Wichtigkeit. Insbesondere wegen des

Auslandes wo man sich für die Wer[ke] meiner
letzten Stilperiode (wie Sie es wohl an meinen
Klavierstücken bemerken müssen) mehr interessiert
als für die der I. und mittleren. Und gerade
davon jener liegen bis jetzt nur 2 Werke vor! Das
ist, wie Sie zugeben müssen, unhaltbar.
Ich bitte Sie also: wenn Sie die Termine
für diese 3 Sachen nicht einhalten können, so stellen
Sie mir annehmbare Bedingungen für die
Freigabe.
Bitte antworten Sie mir umgehend. Und
bitte: bereiten Sie mir keine Schwierigkeiten.
Ich grüße Sie herzlichst Ihr Arnold Schönberg
NB: Es ist wahrscheinlich, dass ich am 19. von hier
nach Göhren auf Rügen gehe. Jalowetz, der dort ist,
bestürmt mich mit Telegrammen, und da ich hier
mich nicht ganz wohl fühle (meine Kopfschmerzen
zeigen sich wieder, was ich aufs Klima schiebe) werde
ichs wahrscheinlich tun. Aber schreiben Sie mir
nur einstweilen noch hierher. Der Tag steht noch nicht
fest.
16/7. 1913
Lieber Herr Direktor, ich freue mich, dass Sie selbst erkennen, mein Vorgehen als „jenseits von Gut und Böse“ zu bezeichnen, wäre ein Unrecht. Zwar befriedigt mich Ihre Erläuterung nicht vollständig. Denn ich kann noch immer nicht erkennen, warum einer, der verabredungsgemäß nach einer gewissen Frist seine Handlungs-Freiheit wiederhat, nicht durchaus diesseits von Gut steht, wenn er von dieser Handlungsfreiheit legalen Gebrauch macht. Aber mir genügt es, dass Sie den Willen bekunden, der mich nicht beleidigen möchte.
Nun freue ich mich auch darüber, dass Sie einsehen, dass meine Werke gedruckt werden müssen und bin Ihnen sehr dankbar dafür, dass Sie mir so offen reinen Wein eingeschenkt haben. Ich bedaure es sicher im gleichen Maß wie Sie, dass nicht alle meine Werke bei der U. E. erscheinen können. Aber da sie schließlich erscheinen müssen (auch im Interesse der U. E. liegt das, da ja die Verbreitung meiner Werke auch denen nützt, die sie haben) kann ich nichts anderes tun, als sie anderen Verlagen zu geben und danke Ihnen wirklich herzlichst dafür, dass Sie mir kein Hindernis in den Weg legen, sodass diese vorrübergehende Trennung, wenn auch mit Schmerz, so doch ohne Gewalt erfolgt.
Und um Ihnen nun zu zeigen, dass ich Ihnen für dieses Entgegenkommen dankbar bin, komme ich Ihnen mit dem Monn-Vcl Konzert entgegen und nehme Ihren Vorschlag, mit 2 unwesentlichen Bedingungen, die ich stellen muss an:
I. Das Arrangement für Klavier muss ich selbst machen, wenn meine Bearbeitung überhaupt Sinn haben soll. Sonst kann ich doch gar nicht meinen Namen darunter setzen. Außerdem habe ich meine Ideen dafür! Da es sich mir nur um die künstlerische Frage handelt, komme ich Ihnen auch hier entgegen und begnüge mich für die Anfertigung dieses Arrangements mit demselben Honorar, dass Sie einem anderen Bearbeiter gezahlt haben würden. Bestimmen Sie es also selbst.
II. hoffe ich, dass Sie, wenn Sie meine Kadenzen herausgeben sollten (etwa auf einem besonderen Blatt als (billige) Beilage zur Vcl Stimme) mir ein Extrahonorar geben.
Das ist ja eigentlich auch keine Bedingung, genau so wenig, wie der weiter folgende Wunsch: dass Sie mir, wenn das Monn-Conzert ein Erfolg werden sollte, doch noch eine fortlaufende Beteiligung gewähren. (Ich muss solche Wünsche haben. Denn ich bin verheiratet, habe Kinder, und wenn ich zu früh sterbe, haben die gar nichts!)
Ich glaube, dass Sie damit einverstanden sein werden.
(Bitte um Nachricht!)
Und nun möchte ich Sie noch folgendes fragen:
Wir hatten ja für die Herausgabe des „Pierrot“, der neuen „Klavierstücke“ und des „Harmonium-Liedes“ ebenfalls Termine verabredet. Wenn ich Sie nun recht verstehe, so scheinen Sie auch diese Termine einstweilen nicht einhalten zu können und ich deute mir Ihren Standpunkt folgendermaßen: Sie sagen sich, dass Sie einstweilen vorziehen jene älteren Werke von mir zu haben, die sich rascher realisieren lassen und vorläufig auf jene verzichten, die, wie Sie anzunehmen scheinen, nicht sofort die Spesen hereinbringen. Ich bin nicht sehr erfreut über diesen Standpunkt und halte ihn für unrichtig. Aber ich kann verstehen, dass Sie gehindert sind, anders vorzugehen. Da das aber für mich doch ein etwas „lange dauernder“ Hemmschuh ist und das Tempo in dem die U. E. meine Sachen herausgeben kann gar nicht dem Tempo entspricht, in dem mein Marktwert steigt, so meine ich, Sie sollten mir diese 3 Werke wieder zurückgeben und bitte Sie darum und um Bekanntgabe jener Bedingungen unter denen Sie das vor Ablauf der vertragsmäßigen Wartefrist tun wollen.
Ich habe dabei nur eines im Auge: gedruckt zu werden. Der materielle Vorteil, dem ich dabei gewiss nicht werde entrinnen können, steht mir (obwohl ich, wie Sie wissen, nicht reich bin!!) in zweiter Linie. Und Sie sagten ja selbst, dass es meine Position Ihren Verwaltungsräten gegenüber heben und Ihnen die Arbeit für mich erleichtern würde, wenn ich wieder anderswo etwas herausbringe.
Dass Pierrot, die Klavierstücke und das Harm-Celesta-Harfe Lied gedruckt werden, ist für mich von größter Wichtigkeit. Insbesondere wegen des Auslandes wo man sich für die Werke meiner letzten Stilperiode (wie Sie es wohl an meinen Klavierstücken bemerken müssen) mehr interessiert als für die der I. und mittleren. Und gerade von jener liegen bis jetzt nur 2 Werke vor! Das ist, wie Sie zugeben müssen, unhaltbar.
Ich bitte Sie also: wenn Sie die Termine für diese 3 Sachen nicht einhalten können, so stellen Sie mir annehmbare Bedingungen für die Freigabe.
Bitte antworten Sie mir umgehend. Und bitte: bereiten Sie mir keine Schwierigkeiten.
Ich grüße Sie herzlichst Ihr Arnold Schönberg
NB: Es ist wahrscheinlich, dass ich am 19. von hier nach Göhren auf Rügen gehe. Jalowetz, der dort ist, bestürmt mich mit Telegrammen, und da ich hier mich nicht ganz wohl fühle (meine Kopfschmerzen zeigen sich wieder, was ich aufs Klima schiebe) werde ichs wahrscheinlich tun. Aber schreiben Sie mir nur einstweilen noch hierher. Der Tag steht noch nicht fest.

16. Juli 1913


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 16. Juli 1913, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.6856.

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