Ostseebad Carlshagen, Villa Concordia.
5/7.1912.
Lieber Herr Direktor, mein gestriges Telegramm,
(das Sie nicht beantwortet haben!) hat Sie
wohl informiert, dass Sie meine Bemerkung1
missverstanden haben. „Ich möchte meinen Vertrag
halten“
2, das habe ich doch wohl bewiesen, indem
ich andere Anträge abgelehnt habe und nur dort
sie angenommen habe, wo Sie selbst mir dazu
geraten haben! Und dann dadurch: dass ich –
zu meinem Schaden, ich der ich nichts habe! – der
U. Ed. Werke reserviert habe, auf die sie
kein Recht hat, obwohl sie mir weniger dafür
giebt, als andere Verleger! Ich habe also gar nichts
anderes gemeint als: „ich will diesen Vertrag
halten!“ Und ich weiß wirklich nicht, was Sie
wollen!!! Ich weiß genau, warum ich diesen
Vertrag halten will und wenn ich „möchte“, statt
„will“ gesagt habe, so ist das etwas rein stilistisches.
Jemand der weiß, dass man nicht wollen kann,
sondern immer gezwungen wird, schreibt niemals
„ich will“ sondern immer: „ich möchte.“

Sie können sich übrigens denken dass man
mir schon sehr oft nahe gelegt hat (gro[ß]e Verleger!)
dass ich diesen Vertrag kündigen soll. Aber ich
habe immer geantwortet: ich will das nicht.
Obwohl ich genau weiß, dass ich es nur nicht
möchte!! Aber ich will es ja wirklich nicht
und das beweise ich stündlich, indem ich
dem Moloch einer kaufmännischen Ehre,
an die ich nicht glaube und die ich für
unglaubwürdig halte, trotzdem ich sie nicht
glaube, große Opfer bringe, indem ich diesen
Vertrag halte! Bloß, weil ich nicht unver-
lässlich sein will!!!
Aber sonst aus keinem
anderen Grunde noch, als höchstens den einer
persönlichen Dankbarkeit für das Interesse
das sie mir gezeigt haben.
Also, was wollen Sie eigentlich! Ich meine,
Sie müssten mit mir zufrieden sein!!!!!!!
Nun zur Sache selbst: Pierrot lunaire
kann nur in Partitur erscheinen! Ein
Klavierauszug ist undenkbar! Das müssen
Sie mir glauben! Das verstehe ich doch!

Vor Allem a[b]er, ich könnte das Werk nicht her-
geben, wenn Sie mir nicht zusagen, dass zu-
erst die Partitur erscheint (später vielleicht ein
4-händiger, oder für 2 Claviere, aber ein
2 händiger
ist undenkbar bei dieser Polyphonie!)
Denn, wenn ein solches Werk nicht in Partitur er-
scheint ist es begraben, wie das Beispiel meiner
Orchesterlieder beweist, die nur aus diesem Grund
nicht aufgeführt werden, weil kein Dirigent nach
Clavier-Auszügen meiner Werke einen
deutlichen Eindruck haben kann, wie diese
Werke eigentlich gehen! Mehr noch aber bei diesen
Werken, wo die Farbe alles, die Noten
gar nichts
bedeuten; wo also nur die Par-
titur über das Werk Aufschluss giebt!! Warum
Sie übrigens annehmen, dass die Partitur kürzer
sein wird, als ich angebe, ist mir unklar, Wollen
Sie (verzeihen Sie den Scherz) vielleicht eine An-
zahl besonders unschöner Takte weglassen? Aber
anders gienge das nicht!
Nun macht doch also damit die Vorschusssumme
cirka 570 Mark aus, wenn ich nur folgende

Ansätze mache:
Klavierstücke à 2 Mark 60.–
Harm. Cel. Harfe Lied à 2 〃 [Mark] 60.–
Pierrot lunaire à 8 〃 [Mark] 240.–
Lieder3 à 3 〃 [Mark] 90.–
Balladen à 4 – 120.–
570.–
Wenn ich also um 500 Mark ersuche, ist das
doch wohl nur weniger, als mir mein Vertrag
zusagt und ich erwarte daher von Ihrer
Noblesse mit Bestimmtheit, dass Sie mir
diese Summe anweisen werden. Umsomehr,
als ich nun schon, da ich bestimmt damit rech-
nete, am Land bin und es wirklich brauche!
Sie sind also wohl so freundlich, mir diese
Summe zu geben.
Jedenfalls bitte ich Sie um
umgehende Antwort und bin mit den besten Grüßen
Ihr
Arnold Schönberg
Ist die Gurre-Lieder Partitur4 schon ganz
bei Ihnen??
Ostseebad Carlshagen, Villa Concordia.
5/7.1912.
Lieber Herr Direktor, mein gestriges Telegramm, (das Sie nicht beantwortet haben!) hat Sie wohl informiert, dass Sie meine Bemerkung1 missverstanden haben. „Ich möchte meinen Vertrag halten“2, das habe ich doch wohl bewiesen, indem ich andere Anträge abgelehnt habe und nur dort sie angenommen habe, wo Sie selbst mir dazu geraten haben! Und dann dadurch: dass ich – zu meinem Schaden, ich der ich nichts habe! – der U. Ed. Werke reserviert habe, auf die sie kein Recht hat, obwohl sie mir weniger dafür giebt, als andere Verleger! Ich habe also gar nichts anderes gemeint als: „ich will diesen Vertrag halten!“ Und ich weiß wirklich nicht, was Sie wollen!!! Ich weiß genau, warum ich diesen Vertrag halten will und wenn ich „möchte“, statt „will“ gesagt habe, so ist das etwas rein stilistisches. Jemand der weiß, dass man nicht wollen kann, sondern immer gezwungen wird, schreibt niemals „ich will“ sondern immer: „ich möchte.“
Sie können sich übrigens denken dass man mir schon sehr oft nahe gelegt hat (große Verleger!) dass ich diesen Vertrag kündigen soll. Aber ich habe immer geantwortet: ich will das nicht. Obwohl ich genau weiß, dass ich es nur nicht möchte!! Aber ich will es ja wirklich nicht und das beweise ich stündlich, indem ich dem Moloch einer kaufmännischen Ehre, an die ich nicht glaube und die ich für unglaubwürdig halte, trotzdem ich sie nicht glaube, große Opfer bringe, indem ich diesen Vertrag halte! Bloß, weil ich nicht unverlässlich sein will!!! Aber sonst aus keinem anderen Grunde noch, als höchstens den einer persönlichen Dankbarkeit für das Interesse das sie mir gezeigt haben.
Also, was wollen Sie eigentlich! Ich meine, Sie müssten mit mir zufrieden sein!!!!!!!
Nun zur Sache selbst: Pierrot lunaire kann nur in Partitur erscheinen! Ein Klavierauszug ist undenkbar! Das müssen Sie mir glauben! Das verstehe ich doch! Vor Allem aber, ich könnte das Werk nicht hergeben, wenn Sie mir nicht zusagen, dass zuerst die Partitur erscheint (später vielleicht ein 4-händiger, oder für 2 Claviere, aber ein 2 händiger ist undenkbar bei dieser Polyphonie!) Denn, wenn ein solches Werk nicht in Partitur erscheint ist es begraben, wie das Beispiel meiner Orchesterlieder beweist, die nur aus diesem Grund nicht aufgeführt werden, weil kein Dirigent nach Clavier-Auszügen meiner Werke einen deutlichen Eindruck haben kann, wie diese Werke eigentlich gehen! Mehr noch aber bei diesen Werken, wo die Farbe alles, die Noten gar nichts bedeuten; wo also nur die Partitur über das Werk Aufschluss giebt!! Warum Sie übrigens annehmen, dass die Partitur kürzer sein wird, als ich angebe, ist mir unklar, Wollen Sie (verzeihen Sie den Scherz) vielleicht eine Anzahl besonders unschöner Takte weglassen? Aber anders gienge das nicht!
Nun macht doch also damit die Vorschusssumme cirka 570 Mark aus, wenn ich nur folgende Ansätze mache:
Klavierstücke à 2 Mark 60.–
Harm. Cel. Harfe Lied à 2 Mark 60.–
Pierrot lunaire à 8 Mark 240.–
Lieder3 à 3 Mark 90.–
Balladen à 4 – 120.–
570.–
Wenn ich also um 500 Mark ersuche, ist das doch wohl nur weniger, als mir mein Vertrag zusagt und ich erwarte daher von Ihrer Noblesse mit Bestimmtheit, dass Sie mir diese Summe anweisen werden. Umsomehr, als ich nun schon, da ich bestimmt damit rechnete, am Land bin und es wirklich brauche! Sie sind also wohl so freundlich, mir diese Summe zu geben.
Jedenfalls bitte ich Sie um
umgehende Antwort und bin mit den besten Grüßen Ihr Arnold Schönberg
Ist die Gurre-Lieder Partitur4 schon ganz bei Ihnen??

5. Juli 1912


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 5. Juli 1912, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.6992.

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