12/11. 1912
Lieber Herr Direktor, heute erhielt ich die Gurre-
Lieder
-Partitur „und hab’ mich sehr gefreuet.“1 Ich
will nun rasch die Gelegenheit benutzen um Ihnen
dafür nochmals sehr sehr zu danken! Ich sehe an
[de]r freudigen Bewegtheit Ihres letzten Briefes2, dass
diese Sache Ihnen selbst sehr nahe geht, dass Sie selbst
mit großer Wärme an dieses Werk denken und
dass Sie sich in des Autors Freude so lebhaft hinein-
gefühlt haben, dass sie zu Ihrer eigenen wird. Das
tut mir sehr wohl und verdoppelt das angenehme
Gefühl, das diese Bescherung hervorruft.
Die Partitur sieht auch (insbesondere der I. u II
Theil) sehr gut, ausgezeichnet aus. Auch den III.
[Th]eil finde ich nicht so schlimm. Schade nur, dass
ich nicht wusste, als ich die Partitur auf dem engen
Notenpapier vollendete, wie das vervielfältigt werden
wird. Ich hätte mir viele Mühe erspart und meine
Augen geschont, wenn ich auf den großen Blättern
weiter geschrieben hätte und die Sache wäre dann

durchaus tadellos. Uebrigens aber, wie gesagt, ist es
auch so sehr schön!
Nun zu Ihrer Idee der Subskription für 50 Mark möchte
ich folgendes sagen. Der Gesamtbetrag scheint mir
doch etwas zu hoch und wird viele Minderbemittelte
abschrecken. Es sei denn Sie könnten es ermöglichen,
dass er in 5–6 Raten gezahlt werden darf.
Aber auch sonst glaube ich, sollten Sie jenen, die
sich sukzessive einzelne Partituren kaufen wollen,
keine Hindernisse in den Weg stellen. Ich verkenne
nicht, dass es für Sie wichtig wäre, bald einen größeren
Absatz zu erzielen zu um die hohen Kosten herein-
zubringen. Dem steht aber doch mein künstlerisches
Interesse ein wenig entgegen: dass möglichst viele
der Partituren bald in vielen Händen seien.
Deshalb bin ich auch dafür, dass Sie die Ausgabe
sowol der Partituren als auch des Auszuges nicht-
mehr hinausschieben. Insbesondere halte ich aber
das Erscheinen3 des Auszuges deshalb für wichtig, weil
doch nicht genügend viele Leute die Partitur lesen
können um sie zu kaufen ohne dass eine Aufführung
der unmittelbare Anlass dazu ist!! Aber vielleicht täusche

ich mich darin. Ich wollte jedenfalls meine Meinung er-
wähnen und überlasse Ihnen die Sache ganz nach ihrem
Ermessen. – Allerdings: ich hätte gern alles gleich heraus
und billige Preise!!
Die Verlautbarung der Subskription in die Programme
der Pierrot-Abende aufzunehmen, dürfte zu spät sein;
denn der 1. Abschnitt der Tournee4 der Fr. Zehme endet bereits
[am] 22. November. Außerdem sind die Programme5
[be]reits für die ganze Tournee gedruckt. –
I. von der Kammersinfonie muss ich noch eine Korrektur
lesen. Aber ich fahre am 24. nach Amsterdam6 und
bleibe bis zum 1/12 dort!!! folglich müsste ich
die Korrektur spätestens am 18. oder 19. haben
um sie noch vorher fertig zu bringen!
Bitte schicken Sie jedenfalls sofort einige Exemplare
der Partitur an folgende mir nahestehende Dirigenten:
III. Vielleicht könnten Sie dem Klemperer auch schreiben,
wenn er etwas in seinen Konzerten von mir
bringen will, müssten es ja nicht die Orchester-
stücke
sein. Sondern, empfehlen Sie ihm:
Pelleas, die Kammersymphonie und die
Orchesterlieder (Uraufführung!!!)

IV. Was nun die Korrekturen der Pelleasstimmen
durch meinen Bruder anbelangt, so ist die morgen
oder übermorgen fertig. Sie war sehr nötig, denn
er hat neben zahllosen kleinen Fehlern, eine
stattliche Anzahl schwerer gefunden und auch einiges
in der Partitur (Liste von letzteren lasse ich Ihnen
schicken, damit sie beim Neudruck korrigiert
wird[)]. Es wäre nun meinem Bruder ange
nehm, wenn Sie ihm auch das zugesagte Honorar
(60 Mark) senden wollten (an meine Adresse!)
V. Sie wollten ja auch ihn beim Stimmenaus-
schreiben
für die Gurre-Lieder beschäftigen. Wenn
das geschehen soll, so bitte ich Sie um umgehenden
Auftrag und Zumaß der Arbeit.
VI. Mein Bruder wird Ihnen in einigen Tagen
eine Probeseite senden: Kaligrafie um Sie
davon zu überzeugen, dass er imstande ist, di[e]
Kammersinfonie-Stimmen für das Straube-
Verfahren zu schreiben. Die Anfertigung dieser
Stimmen ist nötig für die Aufführung8 in
Wien am 23/II.
VII. Kann ich ihn eventuell in der Zwischenzeit
das Material der Orchesterlieder anfangen

lassen? Das wird doch auch einmal (hoffentlich
bald) benötigt werden. Jetzt könnte er es in
Ruhe tun.
VIII. Ihre Frage wegen eines Führers
[f]ür die Gurre Lieder! Ich selbst kann das
keinesfalls machen!
Sowas macht man nicht
selbst. Ich kann dafür nur Berg
oder Webern empfehlen. Sonst niemanden.
Keinesfalls Specht9 (mit dem bin ich fertig)
Dann aber: das muss ein so guter Musiker
machen, wie diese beiden. Natürlich wäre
mir auch Herr von Wöß sehr sehr erwünscht;
aber der hat wohl zuviel zu tun und Berg
k[an]n ja Arbeit sehr gut brauchen! Bitte also:
Berg10! (eventuell Webern)
Bitte beantworten Sie meine Fragen!!
Ich sende Ihnen noch eine versprochene Fotografie.
Ich hätte Ihnen gerne eine schönere geschickt
(von Schenker in Berlin oder Hugo Erfurt
in Dresden, die wundervoll sind!!) aber von

denen11 besitze ich keine Duplikate.
Viele herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg
12/11. 1912
Lieber Herr Direktor, heute erhielt ich die Gurre-Lieder-Partitur „und hab’ mich sehr gefreuet.“1 Ich will nun rasch die Gelegenheit benutzen um Ihnen dafür nochmals sehr sehr zu danken! Ich sehe an der freudigen Bewegtheit Ihres letzten Briefes2, dass diese Sache Ihnen selbst sehr nahe geht, dass Sie selbst mit großer Wärme an dieses Werk denken und dass Sie sich in des Autors Freude so lebhaft hineingefühlt haben, dass sie zu Ihrer eigenen wird. Das tut mir sehr wohl und verdoppelt das angenehme Gefühl, das diese Bescherung hervorruft.
Die Partitur sieht auch (insbesondere der I. u II Theil) sehr gut, ausgezeichnet aus. Auch den III. Theil finde ich nicht so schlimm. Schade nur, dass ich nicht wusste, als ich die Partitur auf dem engen Notenpapier vollendete, wie das vervielfältigt werden wird. Ich hätte mir viele Mühe erspart und meine Augen geschont, wenn ich auf den großen Blättern weiter geschrieben hätte und die Sache wäre dann durchaus tadellos. Uebrigens aber, wie gesagt, ist es auch so sehr schön!
Nun zu Ihrer Idee der Subskription für 50 Mark möchte ich folgendes sagen. Der Gesamtbetrag scheint mir doch etwas zu hoch und wird viele Minderbemittelte abschrecken. Es sei denn Sie könnten es ermöglichen, dass er in 5–6 Raten gezahlt werden darf. Aber auch sonst glaube ich, sollten Sie jenen, die sich sukzessive einzelne Partituren kaufen wollen, keine Hindernisse in den Weg stellen. Ich verkenne nicht, dass es für Sie wichtig wäre, bald einen größeren Absatz zu erzielen um die hohen Kosten hereinzubringen. Dem steht aber doch mein künstlerisches Interesse ein wenig entgegen: dass möglichst viele der Partituren bald in vielen Händen seien. Deshalb bin ich auch dafür, dass Sie die Ausgabe sowol der Partituren als auch des Auszuges nichtmehr hinausschieben. Insbesondere halte ich aber das Erscheinen3 des Auszuges deshalb für wichtig, weil doch nicht genügend viele Leute die Partitur lesen können um sie zu kaufen ohne dass eine Aufführung der unmittelbare Anlass dazu ist!! Aber vielleicht täusche ich mich darin. Ich wollte jedenfalls meine Meinung erwähnen und überlasse Ihnen die Sache ganz nach ihrem Ermessen. – Allerdings: ich hätte gern alles gleich heraus und billige Preise!!
Die Verlautbarung der Subskription in die Programme der Pierrot-Abende aufzunehmen, dürfte zu spät sein; denn der 1. Abschnitt der Tournee4 der Fr. Zehme endet bereits am 22. November. Außerdem sind die Programme5 bereits für die ganze Tournee gedruckt. –
I. von der Kammersinfonie muss ich noch eine Korrektur lesen. Aber ich fahre am 24. nach Amsterdam6 und bleibe bis zum 1/12 dort!!! folglich müsste ich die Korrektur spätestens am 18. oder 19. haben um sie noch vorher fertig zu bringen!
Bitte schicken Sie jedenfalls sofort einige Exemplare der Partitur an folgende mir nahestehende Dirigenten:
III. Vielleicht könnten Sie dem Klemperer auch schreiben, wenn er etwas in seinen Konzerten von mir bringen will, müssten es ja nicht die Orchesterstücke sein. Sondern, empfehlen Sie ihm: Pelleas, die Kammersymphonie und die Orchesterlieder (Uraufführung!!!)
IV. Was nun die Korrekturen der Pelleasstimmen durch meinen Bruder anbelangt, so ist die morgen oder übermorgen fertig. Sie war sehr nötig, denn er hat neben zahllosen kleinen Fehlern, eine stattliche Anzahl schwerer gefunden und auch einiges in der Partitur (Liste von letzteren lasse ich Ihnen schicken, damit sie beim Neudruck korrigiert wird). Es wäre nun meinem Bruder angenehm, wenn Sie ihm auch das zugesagte Honorar (60 Mark) senden wollten (an meine Adresse!)
V. Sie wollten ja auch ihn beim Stimmenausschreiben für die Gurre-Lieder beschäftigen. Wenn das geschehen soll, so bitte ich Sie um umgehenden Auftrag und Zumaß der Arbeit.
VI. Mein Bruder wird Ihnen in einigen Tagen eine Probeseite senden: Kaligrafie um Sie davon zu überzeugen, dass er imstande ist, die Kammersinfonie-Stimmen für das Straube-Verfahren zu schreiben. Die Anfertigung dieser Stimmen ist nötig für die Aufführung8 in Wien am 23/II.
VII. Kann ich ihn eventuell in der Zwischenzeit das Material der Orchesterlieder anfangen lassen? Das wird doch auch einmal (hoffentlich bald) benötigt werden. Jetzt könnte er es in Ruhe tun.
VIII. Ihre Frage wegen eines Führers für die Gurre Lieder! Ich selbst kann das keinesfalls machen! Sowas macht man nicht selbst. Ich kann dafür nur Berg oder Webern empfehlen. Sonst niemanden. Keinesfalls Specht9 (mit dem bin ich fertig) Dann aber: das muss ein so guter Musiker machen, wie diese beiden. Natürlich wäre mir auch Herr von Wöß sehr sehr erwünscht; aber der hat wohl zuviel zu tun und Berg kann ja Arbeit sehr gut brauchen! Bitte also: Berg10! (eventuell Webern)
Bitte beantworten Sie meine Fragen!!
Ich sende Ihnen noch eine versprochene Fotografie. Ich hätte Ihnen gerne eine schönere geschickt (von Schenker in Berlin oder Hugo Erfurt in Dresden, die wundervoll sind!!) aber von denen11 besitze ich keine Duplikate.
Viele herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg

12. November 1912


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 12. November 1912, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.7015.

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