Arnold Schönberg an Universal-Edition
12. November 1912
12/11. 1912
Lieber Herr Direktor, heute erhielt ich die Gurre-
Lieder-Partitur „und hab’ mich sehr gefreuet.“1 Ich
will nun rasch die Gelegenheit benutzen um Ihnen
dafür nochmals sehr sehr zu danken! Ich sehe an
[de]r freudigen Bewegtheit Ihres letzten Briefes2, dass
diese Sache Ihnen selbst sehr nahe geht, dass Sie selbst
mit großer Wärme an dieses Werk denken und
dass Sie sich in des Autors Freude so lebhaft hinein-
gefühlt haben, dass sie zu Ihrer eigenen wird. Das
tut mir sehr wohl und verdoppelt das angenehme
Gefühl, das diese Bescherung hervorruft.
Lieder-Partitur „und hab’ mich sehr gefreuet.“1 Ich
will nun rasch die Gelegenheit benutzen um Ihnen
dafür nochmals sehr sehr zu danken! Ich sehe an
[de]r freudigen Bewegtheit Ihres letzten Briefes2, dass
diese Sache Ihnen selbst sehr nahe geht, dass Sie selbst
mit großer Wärme an dieses Werk denken und
dass Sie sich in des Autors Freude so lebhaft hinein-
gefühlt haben, dass sie zu Ihrer eigenen wird. Das
tut mir sehr wohl und verdoppelt das angenehme
Gefühl, das diese Bescherung hervorruft.
Die Partitur sieht auch (insbesondere der I. u II
Theil) sehr gut, ausgezeichnet aus. Auch den III.
[Th]eil finde ich nicht so schlimm. Schade nur, dass
ich nicht wusste, als ich die Partitur auf dem engen
Notenpapier vollendete, wie das vervielfältigt werden
wird. Ich hätte mir viele Mühe erspart und meine
Augen geschont, wenn ich auf den großen Blättern
weiter geschrieben hätte und die Sache wäre dann
Theil) sehr gut, ausgezeichnet aus. Auch den III.
[Th]eil finde ich nicht so schlimm. Schade nur, dass
ich nicht wusste, als ich die Partitur auf dem engen
Notenpapier vollendete, wie das vervielfältigt werden
wird. Ich hätte mir viele Mühe erspart und meine
Augen geschont, wenn ich auf den großen Blättern
weiter geschrieben hätte und die Sache wäre dann
durchaus tadellos. Uebrigens aber, wie gesagt, ist es
auch so sehr schön!
auch so sehr schön!
Nun zu Ihrer Idee der
Subskription
für 50 Mark möchte
ich folgendes sagen. Der Gesamtbetrag scheint mir
doch etwas zu hoch und wird viele Minderbemittelte
abschrecken. Es sei denn Sie könnten es ermöglichen,
dass er in 5–6 Raten gezahlt werden darf.
Aber auch sonst glaube ich, sollten Sie jenen, die
sich sukzessive einzelne Partituren kaufen wollen,
keine Hindernisse in den Weg stellen. Ich verkenne
nicht, dass es für Sie wichtig wäre, bald einen größeren
Absatz zu erzielen zu um die hohen Kosten herein-
zubringen. Dem steht aber doch mein künstlerisches
Interesse ein wenig entgegen: dass möglichst viele
der Partituren bald in vielen Händen seien.
Deshalb bin ich auch dafür, dass Sie die Ausgabe
sowol der Partituren als auch des Auszuges nicht-
mehr hinausschieben. Insbesondere halte ich aber
das Erscheinen3 des Auszuges deshalb für wichtig, weil
doch nicht genügend viele Leute die Partitur lesen
können um sie zu kaufen ohne dass eine Aufführung
der unmittelbare Anlass dazu ist!! Aber vielleicht täusche
ich folgendes sagen. Der Gesamtbetrag scheint mir
doch etwas zu hoch und wird viele Minderbemittelte
abschrecken. Es sei denn Sie könnten es ermöglichen,
dass er in 5–6 Raten gezahlt werden darf.
Aber auch sonst glaube ich, sollten Sie jenen, die
sich sukzessive einzelne Partituren kaufen wollen,
keine Hindernisse in den Weg stellen. Ich verkenne
nicht, dass es für Sie wichtig wäre, bald einen größeren
Absatz zu erzielen zu um die hohen Kosten herein-
zubringen. Dem steht aber doch mein künstlerisches
Interesse ein wenig entgegen: dass möglichst viele
der Partituren bald in vielen Händen seien.
Deshalb bin ich auch dafür, dass Sie die Ausgabe
sowol der Partituren als auch des Auszuges nicht-
mehr hinausschieben. Insbesondere halte ich aber
das Erscheinen3 des Auszuges deshalb für wichtig, weil
doch nicht genügend viele Leute die Partitur lesen
können um sie zu kaufen ohne dass eine Aufführung
der unmittelbare Anlass dazu ist!! Aber vielleicht täusche
ich mich darin. Ich wollte jedenfalls meine
Meinung er-
wähnen und überlasse Ihnen die Sache ganz nach ihrem
Ermessen. – Allerdings: ich hätte gern alles gleich heraus
und billige Preise!!
wähnen und überlasse Ihnen die Sache ganz nach ihrem
Ermessen. – Allerdings: ich hätte gern alles gleich heraus
und billige Preise!!
Die Verlautbarung der Subskription in die Programme
der Pierrot-Abende aufzunehmen, dürfte zu spät sein;
denn der 1. Abschnitt der Tournee4 der Fr. Zehme endet bereits
[am] 22. November. Außerdem sind die Programme5
[be]reits für die ganze Tournee gedruckt. –
der Pierrot-Abende aufzunehmen, dürfte zu spät sein;
denn der 1. Abschnitt der Tournee4 der Fr. Zehme endet bereits
[am] 22. November. Außerdem sind die Programme5
[be]reits für die ganze Tournee gedruckt. –
I. von der Kammersinfonie muss ich noch eine
Korrektur
lesen. Aber ich fahre am 24. nach Amsterdam6 und
bleibe bis zum 1/12 dort!!! folglich müsste ich
die Korrektur spätestens am 18. oder 19. haben
um sie noch vorher fertig zu bringen!
lesen. Aber ich fahre am 24. nach Amsterdam6 und
bleibe bis zum 1/12 dort!!! folglich müsste ich
die Korrektur spätestens am 18. oder 19. haben
um sie noch vorher fertig zu bringen!
II. Zu Gurre Liedern:
Bitte schicken Sie jedenfalls sofort einige Exemplare
der Partitur an folgende mir nahestehende Dirigenten:
der Partitur an folgende mir nahestehende Dirigenten:
III. Vielleicht könnten Sie dem Klemperer auch schreiben,
wenn er etwas in seinen Konzerten von mir
bringen will, müssten es ja nicht die Orchester-
stücke sein. Sondern, empfehlen Sie ihm:
Pelleas, die Kammersymphonie und die
Orchesterlieder (Uraufführung!!!)
wenn er etwas in seinen Konzerten von mir
bringen will, müssten es ja nicht die Orchester-
stücke sein. Sondern, empfehlen Sie ihm:
Pelleas, die Kammersymphonie und die
Orchesterlieder (Uraufführung!!!)
IV. Was nun die Korrekturen der Pelleasstimmen
durch meinen Bruder anbelangt, so ist die morgen
oder übermorgen fertig. Sie war sehr nötig, denn
er hat neben zahllosen kleinen Fehlern, eine
stattliche Anzahl schwerer gefunden und auch einiges
in der Partitur (Liste von letzteren lasse ich Ihnen
schicken, damit sie beim Neudruck korrigiert
wird[)]. ⎣Es wäre nun meinem Bruder ange
nehm, wenn Sie ihm auch das zugesagte Honorar
(60 Mark) senden wollten (an meine Adresse!)
durch meinen Bruder anbelangt, so ist die morgen
oder übermorgen fertig. Sie war sehr nötig, denn
er hat neben zahllosen kleinen Fehlern, eine
stattliche Anzahl schwerer gefunden und auch einiges
in der Partitur (Liste von letzteren lasse ich Ihnen
schicken, damit sie beim Neudruck korrigiert
wird[)]. ⎣Es wäre nun meinem Bruder ange
nehm, wenn Sie ihm auch das zugesagte Honorar
(60 Mark) senden wollten (an meine Adresse!)
V. Sie wollten ja auch ihn beim Stimmenaus-
schreiben für die Gurre-Lieder beschäftigen. Wenn
das geschehen soll, so bitte ich Sie um umgehenden
Auftrag und Zumaß der Arbeit.
schreiben für die Gurre-Lieder beschäftigen. Wenn
das geschehen soll, so bitte ich Sie um umgehenden
Auftrag und Zumaß der Arbeit.
VI. Mein Bruder wird Ihnen in einigen Tagen
eine Probeseite senden: Kaligrafie um Sie
davon zu überzeugen, dass er imstande ist, di[e]
Kammersinfonie-Stimmen für das Straube-
Verfahren zu schreiben. Die Anfertigung dieser
Stimmen ist nötig für die Aufführung8 in
Wien am 23/II.
eine Probeseite senden: Kaligrafie um Sie
davon zu überzeugen, dass er imstande ist, di[e]
Kammersinfonie-Stimmen für das Straube-
Verfahren zu schreiben. Die Anfertigung dieser
Stimmen ist nötig für die Aufführung8 in
Wien am 23/II.
VII. Kann ich ihn eventuell in der Zwischenzeit
das Material der Orchesterlieder anfangen
das Material der Orchesterlieder anfangen
lassen? Das wird doch auch einmal
(hoffentlich
bald) benötigt werden. Jetzt könnte er es in
Ruhe tun.
bald) benötigt werden. Jetzt könnte er es in
Ruhe tun.
VIII. Ihre Frage wegen eines Führers
[f]ür die Gurre Lieder! Ich selbst kann das
keinesfalls machen! Sowas macht man nicht
selbst. Ich kann dafür nur Berg
oder Webern empfehlen. Sonst niemanden.
Keinesfalls Specht9 (mit dem bin ich fertig)
Dann aber: das muss ein so guter Musiker
machen, wie diese beiden. Natürlich wäre
mir auch Herr von Wöß sehr sehr erwünscht;
aber der hat wohl zuviel zu tun und Berg
k[an]n ja Arbeit sehr gut brauchen! Bitte also:
Berg10! (eventuell Webern)
[f]ür die Gurre Lieder! Ich selbst kann das
keinesfalls machen! Sowas macht man nicht
selbst. Ich kann dafür nur Berg
oder Webern empfehlen. Sonst niemanden.
Keinesfalls Specht9 (mit dem bin ich fertig)
Dann aber: das muss ein so guter Musiker
machen, wie diese beiden. Natürlich wäre
mir auch Herr von Wöß sehr sehr erwünscht;
aber der hat wohl zuviel zu tun und Berg
k[an]n ja Arbeit sehr gut brauchen! Bitte also:
Berg10! (eventuell Webern)
Bitte beantworten Sie meine Fragen!!
Ich sende Ihnen noch eine versprochene Fotografie.
Ich hätte Ihnen gerne eine schönere geschickt
(von Schenker in Berlin oder Hugo Erfurt
in Dresden, die wundervoll sind!!) aber von
Ich hätte Ihnen gerne eine schönere geschickt
(von Schenker in Berlin oder Hugo Erfurt
in Dresden, die wundervoll sind!!) aber von
denen11 besitze ich keine Duplikate.
Viele herzliche Grüße Ihr
Arnold Schönberg
„und hab’
mich sehr gefreuet.“
Franz Schubert, Winterreise D 911: Der
greise Kopf.
Briefes
Erscheinen
Lieferdatum: 25. Februar 1913, Auflage: 498 (Buchon 2015, Bd. 5,
S. 660).
Tournee
Schönbergs Kalender enthält 15
Einträge zur ersten Tournee von Pierrot
Lunaire op. 21 (Unterstreichungen kennzeichnen eigene
Dirigate), davon fanden statt:
9. Oktober 1912, Berlin, Choralion-Saal, Aufführung für geladene
Gäste;
16. Oktober 1912, Berlin, Choralion-Saal;
19. Oktober 1912, Hamburg, Musikhalle;
24. Oktober 1912, Dresden,
Künstlerhaus;
31. Oktober 1912, Breslau, Kammermusiksaal;
2. November 1912, Wien, Bösendorfer-Saal;
5. November 1912, München, Bayerischer Hof;
11. November 1912, Stuttgart, Oberes Museum; 14. November
1912, Karlsruhe;
15. November 1912, Mannheim, Kasinosaal; 17. November 1912, Frankfurt am Main; 22. November 1912, Greiz
Zwei
Wiederholungsaufführungen in Berlin am 1. und
8. Dezember kamen kurzfristig
hinzu (Kalendereinträge ASCI
DC12043; ASCI
DC12044; ASCI
DC12045; ASCI
DC12046; ASGA B 24/1, S. 223).
Programme
Programm, 1912 (ASCI
CP5529).
Amsterdam
Artur Bodanzky
Artur Bodanzky bekundete Anfang
Dezember die Absicht, die Gurre-Lieder im nächsten Jahr aufzuführen; vermutlich trug Schönberg ihm danach die Uraufführung
an. Bodanzky antwortete, dass
eine Aufführung in Mannheim
nur in Kooperation mit Karlsruhe möglich wäre und sprach sich
dagegen aus, „Schreker so vor
den Kopf zu stoßen.“ (Artur Bodanzky an Arnold Schönberg, 14.
Dezember 1912; ASCC 20264; Artur Bodanzky an Arnold Schönberg, 5.
Dezember 1912; ASCC 20262).
Aufführung
Die Planung begann im April 1912 mit der
Bestellung von Alban Berg zum
Berater des Akademischen Verbands für
Literatur und Musik unter der Leitung des neuen
Obmanns Erhard Buschbeck (Alban Berg an Arnold Schönberg, 23. April
1912; ASCC 19767). Im Herbst 1912
wandte sich zudem Richard
Specht mit der Idee an Schönberg „im ersten Merkerkonzert, das
voraussichtlich im November stattfinden wird, […] Ihre Kammersymphonie oder – eventuell! –
‚Pelleas und
Melisande‘?! zu neuer Geltung zu bringen“ (Richard
Specht an Arnold Schönberg, 24. September 1912; ASCC 14265). Beide Unternehmungen ließen sich aufgrund
mangelnder Saal- und Orchesterkapazitäten im November 1912 nicht realisieren. Im Dezember 1912 entschied Schönberg, von einer reinen Schönberg-Aufführung abzugehen und
andere Werke – insbesondere Anton Webern,
Sechs Stücke für großes Orchester op. 6 – zu
programmieren, um „die Aufmerksamkeit des Publikums auf mein
Dirigieren zu lenken“ (Arnold Schönberg an Erhard Buschbeck, 13.
Dezember 1912; ASCC 7685). Mehrere in Aussicht genommene Termine konnten
nicht realisiert werden. Am zunächst angepeilten 23. Februar 1913 fand schließlich die
Uraufführung der Gurre-Lieder statt:
23. Februar 1913, Wien, Großer Musikvereinssaal, Philharmonischer Chor.
Im Fall des 8. Jänner 1913
beschuldigte Buschbeck u. a. Emil
Hertzka der Hintertreibung, „daß der Verleger der
Werke die Aufführung – unter der Leitung des Komponisten –
hintertreibt, ist doch immerhin selbst für Wiener Verhältnisse etwas Neues und
Merkwürdiges“ (Erhard Buschbeck an Arnold Schönberg 18. Dezember
1912; ASCC 10368). Aus Arnold Schönberg an Alban Berg, 7.
Jänner 1913 (ASCC 309), geht die Programmplanung mit Werken von
Webern, Berg, Schönberg und Gustav
Mahler hervor; im März
erfolgt die letztendliche Disposition durch Einbezug eines Zemlinskys-Werks (Arnold Schönberg an
Alexander Zemlinsky 8. März 1913; ASCC 324) sowie die Festlegung von Proben und
Aufführungstermin (Erhard Buschbeck an Arnold Schönberg, 17. März
1913; ASCC 10370).
Specht
Richard Specht und Josef Venantius Wöss verfassten
thematische Analysen für die UE, u. a.
von Werken von Gustav Mahler,
Richard Strauss und Franz Schreker (Buchon 2015, Bd. 5, S. 739f.,
899).
Berg
Alban Berg zögerte zunächst, da
er grundsätzliche Zweifel an Qualität und Zielsetzung von
thematischen Analysen hatte, exemplifiziert an Richard Spechts Stil in dessen Analyse der 8. Sinfonie von Gustav Mahler: wenn man „die
Notenbeispiele wegließe, so könnte der Text ebensogut für ein Werk
von Delius oder dgl. stehn“.
Eine theoretische Analyse würde aber den gebotenen Umfang sprengen
(Alban Berg an Arnold Schönberg, 23./24. November 1912; ASCC 19812). Zwischenzeitlich verständigte sich Berg mit Emil Hertzka auf eine Thementafel, nicht restlos
überzeugt „ob das von den Gurreliedern geht“ (Alban Berg an Arnold Schönberg,
23./24. November 1912; ASCC 19813). Schönberg empfahl schließlich „[e]in Verzeichnis der
wichtigsten Themen, in der Reihenfolge der einzelnen Stücke. Aber
dann die hauptsächlichsten Stellen angeben an denen diese Themen
wiederkehren. Vielleicht einige charakteristische Formen, die sie
annehmen anführen. Vielleicht den Versuch gewisse charakteristische
Stimmungen mit einfachen unschwülstigen
(also etwas kühlen) Worten schildern. An charakteristischen Stellen
vielleicht einmal auch vom Bau sprechen. Vielleicht also nicht so
streng gebunden, dass immer alles gesagt werden muss, sondern
jedesmal nur das, was einem besonders auffällt und worüber man etwas zu sagen weiß. Also keinesfalls über
alles reden, bloß weil es die Reihenfolge verlangt. Also nichts
philologisches. Sondern vielleicht aphoristisch, ungezwungen,
unzusammenhängend, in ungebauten Absätzen über dasjenige kurz reden,
das einem auffällt. Also: in loser, aphoristischer Form! Das wäre ja
etwas Neues.“ (Arnold Schönberg an Alban Berg, 4. Dezember
1912; ASCC 299).
denen
Von Karl Schenker sind drei Fotos erhalten, wovon Schönberg eines jedoch als „das
scheusslichste, das an mich erinnert“ bezeichnete (Portraits,
aufgenommen von Karl Schenker in Berlin, 1912; ASCI 1416; ASCI 1795; ASCI 1479). Von Hugo
Erfurth existieren vier Portraits, aufgenommen in
Dresden, 1912;
ASCI PH1481=PH1422; ASCI PH1480 = PH4858; ASCI PH8715; ASCI PH1801).
12/11. 1912
Lieber Herr Direktor, heute erhielt ich die Gurre-Lieder-Partitur „und hab’
mich sehr gefreuet.“1 Ich will nun rasch die Gelegenheit benutzen um Ihnen
dafür nochmals sehr sehr zu danken! Ich sehe an
der freudigen Bewegtheit Ihres letzten Briefes2, dass diese Sache Ihnen selbst sehr nahe geht, dass Sie selbst
mit großer Wärme an dieses Werk denken und dass Sie sich in des Autors
Freude so lebhaft hineingefühlt haben, dass sie zu Ihrer eigenen wird. Das tut mir
sehr wohl und verdoppelt das angenehme Gefühl, das diese Bescherung
hervorruft.
Die Partitur sieht auch (insbesondere der I. u II Theil) sehr gut,
ausgezeichnet aus. Auch den III.
Theil finde ich nicht so schlimm. Schade nur,
dass ich nicht wusste, als ich die Partitur auf dem engen Notenpapier
vollendete, wie das vervielfältigt werden wird. Ich hätte mir viele Mühe
erspart und meine Augen geschont, wenn ich auf den großen Blättern
weiter geschrieben hätte und die Sache wäre dann durchaus tadellos. Uebrigens aber, wie gesagt, ist es auch so sehr
schön!
Nun zu Ihrer Idee der
Subskription
für 50 Mark möchte ich folgendes sagen. Der Gesamtbetrag scheint mir
doch etwas zu hoch und wird viele Minderbemittelte abschrecken. Es sei
denn Sie könnten es ermöglichen, dass er in 5–6 Raten gezahlt werden darf.
Aber auch sonst glaube ich, sollten Sie jenen, die sich sukzessive
einzelne Partituren kaufen wollen, keine Hindernisse in den Weg stellen.
Ich verkenne nicht, dass es für Sie wichtig wäre, bald einen größeren
Absatz zu erzielen um die hohen Kosten hereinzubringen. Dem steht aber doch mein künstlerisches
Interesse ein wenig entgegen: dass möglichst viele der Partituren bald
in vielen Händen seien. Deshalb bin ich auch dafür, dass Sie die Ausgabe
sowol der Partituren als auch des Auszuges
nichtmehr hinausschieben. Insbesondere halte ich aber das Erscheinen3 des Auszuges deshalb für wichtig, weil doch nicht genügend viele
Leute die Partitur lesen können um sie zu kaufen ohne dass eine Aufführung
der unmittelbare Anlass dazu ist!! Aber vielleicht
täusche ich mich darin. Ich wollte jedenfalls meine
Meinung erwähnen und überlasse Ihnen die Sache ganz nach ihrem
Ermessen. – Allerdings: ich hätte gern alles gleich heraus und billige
Preise!!
Die Verlautbarung der Subskription in die Programme der Pierrot-Abende aufzunehmen, dürfte zu spät sein;
denn der 1. Abschnitt
der
Tournee4 der Fr. Zehme endet bereits
am
22. November. Außerdem sind die Programme5
bereits für die ganze Tournee gedruckt. –
I. von der Kammersinfonie muss ich noch eine
Korrektur lesen. Aber ich fahre am 24. nach
Amsterdam6 und bleibe bis zum
1/12 dort!!! folglich müsste ich die
Korrektur spätestens am 18. oder 19. haben um sie noch vorher fertig zu
bringen!
II. Zu Gurre Liedern:
Bitte schicken Sie jedenfalls sofort einige Exemplare
der Partitur an folgende mir nahestehende Dirigenten:
III. Vielleicht könnten Sie dem Klemperer auch schreiben, wenn er etwas in seinen Konzerten von mir
bringen will, müssten es ja nicht die Orchesterstücke sein. Sondern, empfehlen Sie ihm:
Pelleas, die Kammersymphonie und die
Orchesterlieder (Uraufführung!!!)
IV. Was nun die Korrekturen der Pelleasstimmen
durch meinen Bruder anbelangt, so
ist die morgen oder übermorgen fertig. Sie war sehr
nötig, denn er hat neben zahllosen kleinen Fehlern, eine
stattliche Anzahl
schwerer gefunden und auch einiges in der Partitur
(Liste von letzteren lasse ich Ihnen schicken, damit sie beim Neudruck
korrigiert wird). Es wäre nun meinem Bruder angenehm, wenn Sie ihm auch das zugesagte Honorar
(60 Mark) senden wollten (an meine Adresse!)
V. Sie wollten ja auch ihn beim Stimmenausschreiben für die Gurre-Lieder beschäftigen. Wenn das geschehen soll, so bitte ich Sie um umgehenden
Auftrag und Zumaß der Arbeit.
VI. Mein Bruder wird Ihnen in einigen Tagen eine Probeseite senden:
Kaligrafie um Sie davon zu überzeugen, dass er imstande ist, die
Kammersinfonie-Stimmen für das Straube-Verfahren zu schreiben. Die Anfertigung dieser Stimmen ist
nötig für die Aufführung8 in
Wien am 23/II.
VII. Kann ich ihn eventuell in der Zwischenzeit das Material der Orchesterlieder anfangen lassen? Das wird doch auch einmal
(hoffentlich bald) benötigt werden. Jetzt könnte er es in Ruhe
tun.
VIII. Ihre Frage wegen eines Führers
für die Gurre
Lieder! Ich selbst kann das keinesfalls
machen! Sowas macht man nicht selbst. Ich kann dafür nur Berg
oder Webern empfehlen. Sonst niemanden. Keinesfalls Specht9 (mit dem bin ich fertig)
Dann aber: das muss ein so guter Musiker machen, wie diese beiden.
Natürlich wäre mir auch Herr von Wöß
sehr sehr erwünscht; aber der hat wohl zuviel zu
tun und Berg
kann ja Arbeit sehr gut brauchen! Bitte
also:
Berg10! (eventuell Webern)
Bitte beantworten Sie meine Fragen!!
Ich sende Ihnen noch eine versprochene Fotografie. Ich hätte Ihnen gerne
eine schönere geschickt (von Schenker in Berlin oder Hugo Erfurt
in Dresden, die wundervoll sind!!)
aber von
denen11 besitze ich keine Duplikate.
Viele herzliche Grüße Ihr
Arnold Schönberg
„und hab’
mich sehr gefreuet.“
Franz Schubert, Winterreise D 911: Der
greise Kopf.
Briefes
Erscheinen
Lieferdatum: 25. Februar 1913, Auflage: 498 (Buchon 2015, Bd. 5,
S. 660).
Tournee
Schönbergs Kalender enthält 15
Einträge zur ersten Tournee von Pierrot
Lunaire op. 21 (Unterstreichungen kennzeichnen eigene
Dirigate), davon fanden statt:
9. Oktober 1912, Berlin, Choralion-Saal, Aufführung für geladene
Gäste;
16. Oktober 1912, Berlin, Choralion-Saal;
19. Oktober 1912, Hamburg, Musikhalle;
24. Oktober 1912, Dresden,
Künstlerhaus;
31. Oktober 1912, Breslau, Kammermusiksaal;
2. November 1912, Wien, Bösendorfer-Saal;
5. November 1912, München, Bayerischer Hof;
11. November 1912, Stuttgart, Oberes Museum; 14. November
1912, Karlsruhe;
15. November 1912, Mannheim, Kasinosaal; 17. November 1912, Frankfurt am Main; 22. November 1912, Greiz
Zwei
Wiederholungsaufführungen in Berlin am 1. und
8. Dezember kamen kurzfristig
hinzu (Kalendereinträge ASCI
DC12043; ASCI
DC12044; ASCI
DC12045; ASCI
DC12046; ASGA B 24/1, S. 223).
Programme
Programm, 1912 (ASCI
CP5529).
Amsterdam
Artur Bodanzky
Artur Bodanzky bekundete Anfang
Dezember die Absicht, die Gurre-Lieder im nächsten Jahr aufzuführen; vermutlich trug Schönberg ihm danach die Uraufführung
an. Bodanzky antwortete, dass
eine Aufführung in Mannheim
nur in Kooperation mit Karlsruhe möglich wäre und sprach sich
dagegen aus, „Schreker so vor
den Kopf zu stoßen.“ (Artur Bodanzky an Arnold Schönberg, 14.
Dezember 1912; ASCC 20264; Artur Bodanzky an Arnold Schönberg, 5.
Dezember 1912; ASCC 20262).
Aufführung
Die Planung begann im April 1912 mit der
Bestellung von Alban Berg zum
Berater des Akademischen Verbands für
Literatur und Musik unter der Leitung des neuen
Obmanns Erhard Buschbeck (Alban Berg an Arnold Schönberg, 23. April
1912; ASCC 19767). Im Herbst 1912
wandte sich zudem Richard
Specht mit der Idee an Schönberg „im ersten Merkerkonzert, das
voraussichtlich im November stattfinden wird, […] Ihre Kammersymphonie oder – eventuell! –
‚Pelleas und
Melisande‘?! zu neuer Geltung zu bringen“ (Richard
Specht an Arnold Schönberg, 24. September 1912; ASCC 14265). Beide Unternehmungen ließen sich aufgrund
mangelnder Saal- und Orchesterkapazitäten im November 1912 nicht realisieren. Im Dezember 1912 entschied Schönberg, von einer reinen Schönberg-Aufführung abzugehen und
andere Werke – insbesondere Anton Webern,
Sechs Stücke für großes Orchester op. 6 – zu
programmieren, um „die Aufmerksamkeit des Publikums auf mein
Dirigieren zu lenken“ (Arnold Schönberg an Erhard Buschbeck, 13.
Dezember 1912; ASCC 7685). Mehrere in Aussicht genommene Termine konnten
nicht realisiert werden. Am zunächst angepeilten 23. Februar 1913 fand schließlich die
Uraufführung der Gurre-Lieder statt:
23. Februar 1913, Wien, Großer Musikvereinssaal, Philharmonischer Chor.
Im Fall des 8. Jänner 1913
beschuldigte Buschbeck u. a. Emil
Hertzka der Hintertreibung, „daß der Verleger der
Werke die Aufführung – unter der Leitung des Komponisten –
hintertreibt, ist doch immerhin selbst für Wiener Verhältnisse etwas Neues und
Merkwürdiges“ (Erhard Buschbeck an Arnold Schönberg 18. Dezember
1912; ASCC 10368). Aus Arnold Schönberg an Alban Berg, 7.
Jänner 1913 (ASCC 309), geht die Programmplanung mit Werken von
Webern, Berg, Schönberg und Gustav
Mahler hervor; im März
erfolgt die letztendliche Disposition durch Einbezug eines Zemlinskys-Werks (Arnold Schönberg an
Alexander Zemlinsky 8. März 1913; ASCC 324) sowie die Festlegung von Proben und
Aufführungstermin (Erhard Buschbeck an Arnold Schönberg, 17. März
1913; ASCC 10370).
Specht
Richard Specht und Josef Venantius Wöss verfassten
thematische Analysen für die UE, u. a.
von Werken von Gustav Mahler,
Richard Strauss und Franz Schreker (Buchon 2015, Bd. 5, S. 739f.,
899).
Berg
Alban Berg zögerte zunächst, da
er grundsätzliche Zweifel an Qualität und Zielsetzung von
thematischen Analysen hatte, exemplifiziert an Richard Spechts Stil in dessen Analyse der 8. Sinfonie von Gustav Mahler: wenn man „die
Notenbeispiele wegließe, so könnte der Text ebensogut für ein Werk
von Delius oder dgl. stehn“.
Eine theoretische Analyse würde aber den gebotenen Umfang sprengen
(Alban Berg an Arnold Schönberg, 23./24. November 1912; ASCC 19812). Zwischenzeitlich verständigte sich Berg mit Emil Hertzka auf eine Thementafel, nicht restlos
überzeugt „ob das von den Gurreliedern geht“ (Alban Berg an Arnold Schönberg,
23./24. November 1912; ASCC 19813). Schönberg empfahl schließlich „[e]in Verzeichnis der
wichtigsten Themen, in der Reihenfolge der einzelnen Stücke. Aber
dann die hauptsächlichsten Stellen angeben an denen diese Themen
wiederkehren. Vielleicht einige charakteristische Formen, die sie
annehmen anführen. Vielleicht den Versuch gewisse charakteristische
Stimmungen mit einfachen unschwülstigen
(also etwas kühlen) Worten schildern. An charakteristischen Stellen
vielleicht einmal auch vom Bau sprechen. Vielleicht also nicht so
streng gebunden, dass immer alles gesagt werden muss, sondern
jedesmal nur das, was einem besonders auffällt und worüber man etwas zu sagen weiß. Also keinesfalls über
alles reden, bloß weil es die Reihenfolge verlangt. Also nichts
philologisches. Sondern vielleicht aphoristisch, ungezwungen,
unzusammenhängend, in ungebauten Absätzen über dasjenige kurz reden,
das einem auffällt. Also: in loser, aphoristischer Form! Das wäre ja
etwas Neues.“ (Arnold Schönberg an Alban Berg, 4. Dezember
1912; ASCC 299).
denen
Von Karl Schenker sind drei Fotos erhalten, wovon Schönberg eines jedoch als „das
scheusslichste, das an mich erinnert“ bezeichnete (Portraits,
aufgenommen von Karl Schenker in Berlin, 1912; ASCI 1416; ASCI 1795; ASCI 1479). Von Hugo
Erfurth existieren vier Portraits, aufgenommen in
Dresden, 1912;
ASCI PH1481=PH1422; ASCI PH1480 = PH4858; ASCI PH8715; ASCI PH1801).
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Universal-Edition, 12. November 1912, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.7015.