Zehlendorf am 16. November 1912
Lieber Herr Direktor Herzka,
Ich schicke Ihnen heute die
korrigierten Stimmen von „Pelleas und Melisande
und das Fehlerverzeichnis1! Da die Ausbesserung
in den Materialen für Amsterdam2 undMann-
heim
3 sehr dringend ist und es zu spät
werden würde, wenn das erst über Sie gienge,
habe ich von meinem Bruder das Fehlerver-
zeichnis mit zwei Durchschriften copieren
lassen. Eines davon sende ich nach Mann-
heim
, das andere nach Amsterdam mit
dem Auftrag die Fehler darnach zu ver-
bessern. Das Original dieser Copie lege
ich den korrigierten Stimmen bei, sodass Sie
2 Fehlerverzeichnisse haben, die Sie eventuell

für Frankfurt , Wien4 und Petersburg5 be-
nutzen können. Selbstverständlich bitte ich
Sie, die anderen Fehlerverzeichnisse von
Amsterdam und Mannheim einzufordern.
Gleichzeitig sende ich Ihnen noch ein
von mir angefertigtes Verzeichnis der
Fehler in der Partitur, die zum Teil
bei der Gelegenheit gefunden wurden.
Wollen Sie das auch copieren lassen
und gleichfalls an die betreffenden Städte
senden. Nach Amsterdam und Mannheim
habe ich Durchschriften selbst gesendet.
An der Herstellung der Kopien des
Fehlerverzeichnisses hat mein Bruder
nahezu 12 Stunden gearbeitet. Es ist
also nötig, dass Sie ihm dafür ein
Extrahonorar geben, das ich Sie selbst zu
bemessen bitte.
Wollen Sie nun so freundlich

sein, das Honorar für meinen Bruder
umgehend an mich zu senden. –
Ihren gestrigen Brief6 werde ich
Nachmittag separat beantworten.
Mit herzlichen Grüßen
Arnold Schönberg
Ps. Das Fehlerverzeichnis hat sich rentiert!
Es sind über 350 Fehler! Davon 60 schwere!!
Notenfehler! Das ist reichlich eine Probe!
Mir wird eben eine Stunde abgesagt, also
kann ich Ihnen gleich antworten.
Leider kann ich hier in Berlin die Gurre-Lieder
Partitur in so kurzer Zeit nicht kopieren lassen7. Ich
selbst kenne keinen einzigen Kopisten. Dagegen habe
ich einmal einen gesucht (resp. Frau Zehme) und da
hat einer endlich die Arbeit übernommen, hat
uns 3 Wochen hingehalten und sie dann un-
berührt zurückgegeben! Dieses Risiko kann ich

natürlich nicht übernehmen.
Die Arbeit ist kolossal umfa[ng]reich Ich
schätze cirka 1000–1500 Seiten (wenigstens)
Dazu brauch man gering 3–4 sehr flinke Copisten!
Mein Bruder ist vorläufig für schnelle Sachen
nicht zu verwenden. Er arbeitet sehr gewissenhaft,
aber ebenso langsam! Er ist eher für Kalligrafie
geeignet, als für Schnellschrift. Ich glaube er
würde in der verfügbaren Zeit keine 200
Seiten schreiben. Und das genügt doch nicht!
Ich habe jedenfalls alles mögliche sofort per
Telefon versucht. Eine Auskunft die ich er-
hielt muss ich Ihnen mitteilen. Von Simrock,
an den ich mich unter Berufung auf Sie wandte:
er suche selbst seit 8 Tagen Copisten. Obwohl er
viele (die überbeschäftigt sind[)], habe[)] sei es ihm
bis jetzt noch nicht gelungen einen zu bekommen.
Nach dieser Auskunft habe ich Ihnen telegrafiert!
– Nun habe ich aber eine andere Idee.
Trachten Sie in Wien noch ein bis zwei
Copisten zu bekommen. Eventuell vom Ton-

künstlerorchester, oder von der
Volksoper (Hofoper??) oder Konzertverein und
tun Sie außerdem folgendes.
Lassen Sie Berg zu sich kommen und
sagen Sie ihm, die Aufführung8 der Gurre-
Lieder
sei in Frage gestellt. Ob er und
folgende * meiner Schüler und Freunde (vielleicht
weiß jeder noch einen dazu!!) jeder einen
Theil (cirka 150–200 Seiten Stimmen)
übernehmen will. Versprechen Sie ihm
und einigen anderen ein Frei-Exemplar der
Partitur oder des Auszuges und ein gutes
Honorar. Wenn man jedem ein paar
Seiten der Partitur (10–20) giebt, müsste
[es] möglich sein. Vielleicht macht es auch
der eine oder andere aus der Studien
partitur. Man muss eben jedem
nur einen möglichst kleinen Theil zu-
muten, womöglich sogar nur 100–150 Seiten.
Das sind 10 Seiten täglich. Vielleicht
gehts so. Die Namen der Betreffenden

sind: (außer 1) Berg)
2) Paul Königer (XIII Kup[p]elwiesergasse 27)
3) Karl Linke (XV Sechshauserstraße 36/38)
4) Josef Polnauer (VX. Sechshauserstraße 10)
5) Schmidt (ein Schüler von Berg, der ka[nn]
sehr viel machen, da er Zeit hat
und sicher sehr geschickt und ver-
lässlich ist!!)
6) Heller und die Sie ja kennen (Berg weiß Adressen)
7) Galizenstein
8. Vielleicht ist auch Dr Rudolf Rèti
dafür zu haben. (das weiß ich aber nicht!)
Am meisten wird Schmidt machen
können. Ich hoffe, dass der 25–30
Seiten täglich zustande bringt.

  • kurzsichtig ist.
  • Heller und Galizenstein sind vielleicht weniger
    fleißig aber 10 Seiten kann jeder leisten.
  • Linke hat wenig Zeit kann aber
    auch etwas tun!
So dass man auf cirka 60–80
Seiten mindestens täglich rechnen kann
(vielleicht sogar bis 90). Das macht
nach cirka 14 Tagen cirka 800–1000
Seiten. Wenn Sie dann für den
Rest Kopisten finden, gehts vielleicht doch.
Es wäre sehr traurig, wenn die
[A]ufführung der Gurrelieder daran
scheitern sollte!! Sie haben die vollständige
Partitur seit einem vollen Jahr bei sich9!!
Ich werde hier in Berlin noch trachten
Kopisten zu bekommen. Geht es dann
lasse ich einen Theil hier machen. Aber

rechnen könne Sie darauf nicht.
Und nun: damit nicht das-
selbe mit den Stimmen der
Kammersynphonie passiert, die ja
für Wien (23. Februar) gebraucht werden,
bitte ich Sie mir den Auftrag für
meinen Bruder für die Stimmen
des Quartetts der Kammersinfonie
und vielleicht auch gleich für das
Material der Orchesterlieder zu geben.

Nicht wahr: das darf doch nicht mehr
vorkommen!!!
Hoffentlich scheitert die Sache nicht.
Bitte um umgehenden Bericht.
Herzl Gruß Schönberg
Zehlendorf am 16. November 1912
Lieber Herr Direktor Herzka,
Ich schicke Ihnen heute die korrigierten Stimmen von „Pelleas und Melisande“ und das Fehlerverzeichnis1! Da die Ausbesserung in den Materialen für Amsterdam2 undMannheim3 sehr dringend ist und es zu spät werden würde, wenn das erst über Sie gienge, habe ich von meinem Bruder das Fehlerverzeichnis mit zwei Durchschriften copieren lassen. Eines davon sende ich nach Mannheim, das andere nach Amsterdam mit dem Auftrag die Fehler darnach zu verbessern. Das Original dieser Copie lege ich den korrigierten Stimmen bei, sodass Sie 2 Fehlerverzeichnisse haben, die Sie eventuell für Frankfurt , Wien4 und Petersburg5 benutzen können. Selbstverständlich bitte ich Sie, die anderen Fehlerverzeichnisse von Amsterdam und Mannheim einzufordern.
Gleichzeitig sende ich Ihnen noch ein von mir angefertigtes Verzeichnis der Fehler in der Partitur, die zum Teil bei der Gelegenheit gefunden wurden. Wollen Sie das auch copieren lassen und gleichfalls an die betreffenden Städte senden. Nach Amsterdam und Mannheim habe ich Durchschriften selbst gesendet.
An der Herstellung der Kopien des Fehlerverzeichnisses hat mein Bruder nahezu 12 Stunden gearbeitet. Es ist also nötig, dass Sie ihm dafür ein Extrahonorar geben, das ich Sie selbst zu bemessen bitte.
Wollen Sie nun so freundlich sein, das Honorar für meinen Bruder umgehend an mich zu senden. – Ihren gestrigen Brief6 werde ich Nachmittag separat beantworten.
Mit herzlichen Grüßen
Arnold Schönberg
Ps. Das Fehlerverzeichnis hat sich rentiert! Es sind über 350 Fehler! Davon 60 schwere!! Notenfehler! Das ist reichlich eine Probe!
Mir wird eben eine Stunde abgesagt, also kann ich Ihnen gleich antworten.
Leider kann ich hier in Berlin die Gurre-Lieder Partitur in so kurzer Zeit nicht kopieren lassen7. Ich selbst kenne keinen einzigen Kopisten. Dagegen habe ich einmal einen gesucht (resp. Frau Zehme) und da hat einer endlich die Arbeit übernommen, hat uns 3 Wochen hingehalten und sie dann unberührt zurückgegeben! Dieses Risiko kann ich natürlich nicht übernehmen.
Die Arbeit ist kolossal umfangreich Ich schätze cirka 1000–1500 Seiten (wenigstens) Dazu brauch man gering 3–4 sehr flinke Copisten! Mein Bruder ist vorläufig für schnelle Sachen nicht zu verwenden. Er arbeitet sehr gewissenhaft, aber ebenso langsam! Er ist eher für Kalligrafie geeignet, als für Schnellschrift. Ich glaube er würde in der verfügbaren Zeit keine 200 Seiten schreiben. Und das genügt doch nicht! Ich habe jedenfalls alles mögliche sofort per Telefon versucht. Eine Auskunft die ich erhielt muss ich Ihnen mitteilen. Von Simrock, an den ich mich unter Berufung auf Sie wandte: er suche selbst seit 8 Tagen Copisten. Obwohl er viele (die überbeschäftigt sind), habe sei es ihm bis jetzt noch nicht gelungen einen zu bekommen. Nach dieser Auskunft habe ich Ihnen telegrafiert!
– Nun habe ich aber eine andere Idee. Trachten Sie in Wien noch ein bis zwei Copisten zu bekommen. Eventuell vom Ton künstlerorchester, oder von der Volksoper (Hofoper??) oder Konzertverein und tun Sie außerdem folgendes.
Lassen Sie Berg zu sich kommen und sagen Sie ihm, die Aufführung8 der Gurre-Lieder sei in Frage gestellt. Ob er und folgende meiner Schüler und Freunde (vielleicht weiß jeder noch einen dazu!!) jeder einen Theil (cirka 150–200 Seiten Stimmen) übernehmen will. Versprechen Sie ihm und einigen anderen ein Frei-Exemplar der Partitur oder des Auszuges und ein gutes Honorar. Wenn man jedem ein paar Seiten der Partitur (10–20) giebt, müsste es möglich sein. Vielleicht macht es auch der eine oder andere aus der Studienpartitur. Man muss eben jedem nur einen möglichst kleinen Theil zumuten, womöglich sogar nur 100–150 Seiten. Das sind 10 Seiten täglich. Vielleicht gehts so. Die Namen der Betreffenden sind: (außer 1) Berg)
2) Paul Königer (XIII Kupelwiesergasse 27)
3) Karl Linke (XV Sechshauserstraße 36/38)
4) Josef Polnauer (VX. Sechshauserstraße 10)
5) Schmidt (ein Schüler von Berg, der kann
sehr viel machen, da er Zeit hat
und sicher sehr geschickt und ver
lässlich ist!!)
6) Heller und die Sie ja kennen (Berg weiß Adressen)
7) Galizenstein
8. Vielleicht ist auch Dr Rudolf Rèti
dafür zu haben. (das weiß ich aber nicht!)
Am meisten wird Schmidt machen können. Ich hoffe, dass der 25–30 Seiten täglich zustande bringt.
  • Berg vielleicht (15–20)
  • Koniger ebenso 15–20
  • Polnauer etwas weniger, weil er sehr kurzsichtig ist.
  • Heller und Galizenstein sind vielleicht weniger fleißig aber 10 Seiten kann jeder leisten.
  • Linke hat wenig Zeit kann aber auch etwas tun!
So dass man auf cirka 60–80 Seiten mindestens täglich rechnen kann (vielleicht sogar bis 90). Das macht nach cirka 14 Tagen cirka 800–1000 Seiten. Wenn Sie dann für den Rest Kopisten finden, gehts vielleicht doch.
Es wäre sehr traurig, wenn die Aufführung der Gurrelieder daran scheitern sollte!! Sie haben die vollständige Partitur seit einem vollen Jahr bei sich9!!
Ich werde hier in Berlin noch trachten Kopisten zu bekommen. Geht es dann lasse ich einen Theil hier machen. Aber rechnen könne Sie darauf nicht.
Und nun: damit nicht dasselbe mit den Stimmen der Kammersynphonie passiert, die ja für Wien (23. Februar) gebraucht werden, bitte ich Sie mir den Auftrag für meinen Bruder für die Stimmen des Quartetts der Kammersinfonie und vielleicht auch gleich für das Material der Orchesterlieder zu geben. Nicht wahr: das darf doch nicht mehr vorkommen!!!
Hoffentlich scheitert die Sache nicht. Bitte um umgehenden Bericht.
Herzl Gruß Schönberg

16. November 1912



Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 16. November 1912, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.7016.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen