Verlag Dreililien an Arnold Schönberg
26. Februar 1904
Lieber Herr Schönberg
Zweifeln Sie nicht an
der Liebe und Treue des
Verlages Dreililien! Das
Sextett bitte ich Sie uns
formell einzureichen, wozu
gehört, dass Sie das Manu-
skript1 einsenden. Dann
werden wir uns erklären,
ob und wann wir es
drucken werden. Dass
Mahler sich für Sie in-
teressiert2, freut mich
aufrichtig. Indessen
– bauen Sie nicht zu
viel auf ihn. Er ist nicht
ganz zuverlässig. Er that
auch eine lange Zeit so,
als ob er sich sehr lebhaft
für mich interessierte3, aber
ich habe keinen Profit
davon gehabt. – Was Sie
über den Ansorge-Verein
und über das Konzertpubli-
kum im Allgemeinen sagen4
der Liebe und Treue des
Verlages Dreililien! Das
Sextett bitte ich Sie uns
formell einzureichen, wozu
gehört, dass Sie das Manu-
skript1 einsenden. Dann
werden wir uns erklären,
ob und wann wir es
drucken werden. Dass
Mahler sich für Sie in-
teressiert2, freut mich
aufrichtig. Indessen
– bauen Sie nicht zu
viel auf ihn. Er ist nicht
ganz zuverlässig. Er that
auch eine lange Zeit so,
als ob er sich sehr lebhaft
für mich interessierte3, aber
ich habe keinen Profit
davon gehabt. – Was Sie
über den Ansorge-Verein
und über das Konzertpubli-
kum im Allgemeinen sagen4
ist sehr richtig. Uebrigens –
Dehmel liest hier nächstens
und Lieder (Texte von ihm)
werden gesungen u. a. eins
von Ihnen5, über das sich
Ansorge, der begleiten wird,
sehr enthusiastisch geäussert
hat, nachdem er Sie früher
abgelehnt hatte! Na also.
Ihre symph. Dichtung
wollen wir doch auf
alle Fälle für nächsten
Winter vorbereiten, d. h.
con amore das Material
fertigstellen lassen.
Dehmel liest hier nächstens
und Lieder (Texte von ihm)
werden gesungen u. a. eins
von Ihnen5, über das sich
Ansorge, der begleiten wird,
sehr enthusiastisch geäussert
hat, nachdem er Sie früher
abgelehnt hatte! Na also.
Ihre symph. Dichtung
wollen wir doch auf
alle Fälle für nächsten
Winter vorbereiten, d. h.
con amore das Material
fertigstellen lassen.
Eben ihre Karte6 erhalten.
Fragen Sie doch, bei Eberle
an, was so eine kleine
Partitur kosten würde
pro Platte etc. resp. lassen
Sie die Partitur, bevor
Sie sie uns schicken d. h.
ihre Stich- und Druckkosten
vorher berechnen mit der
Angabe, dass ein Interesse
unsererseits vorläge. Sonst
macht er Ihnen Amateur-
preise[.] Die Vorberechn. könnte
er ja auch an uns direkt
schicken.
Fragen Sie doch, bei Eberle
an, was so eine kleine
Partitur kosten würde
pro Platte etc. resp. lassen
Sie die Partitur, bevor
Sie sie uns schicken d. h.
ihre Stich- und Druckkosten
vorher berechnen mit der
Angabe, dass ein Interesse
unsererseits vorläge. Sonst
macht er Ihnen Amateur-
preise[.] Die Vorberechn. könnte
er ja auch an uns direkt
schicken.
Beste Grüsse
Ihres
Manuskript
Nachgewiesene Quellen:
Autographe Reinschrift (ASGA B 22, Quelle B); Partitur, verschollen (ASGA B 22, Quelle D*).
Dass
Mahler sich für Sie interessiert
Gustav
Mahler und Arnold
Schönberg lernten sich spätestens bei der
halböffentlichen Aufführung der Verklärten Nacht
op. 4 am 19. Februar 1904,
Veranstaltung des Wiener
Tonkünstlervereins im Festsaal des Kaufmännischen Vereins,
kennen. Vermutlich wurden Mahler
und Schönberg einander bereits bei
einer der vorangegangenen Proben in den Räumen der Hofoper vorgestellt (Muxeneder 2010, S. 220).
als ob er sich sehr lebhaft für mich interessierte
Gustav Mahler und Max Marschalk traten erstmals 1895 miteinander in Verbindung. Es enwickelte
sich eine Freundschaft mit regem Gedankenaustausch, in dem Mahler auch Einblick in Schaffensprozesse
gab. Zu einer Zusammenarbeit im Sinne Marschalks als Verleger, aber auch als Komponist, der
Mahler für eine Aufführung
seiner Bühnenwerke zu gewinnen trachtete, kam es indes nicht: „In sehr
geschickt formulierten Antworten wich Mahler aus, indem er einerseits auf Schwachpunkte in
Marschalks Arbeiten hinwies,
dies aber auch mit Hinweisen auf seine eigenen Fehler in früheren Werken
verband. Mahler achtete darauf,
Marschalk nicht zu verärgern,
weil er ihn als wohlwollenden Kritiker für seine Zwecke benötigte, und
zeigte Interesse, woran der ‚Liebe Freund‘ jeweils arbeitete.“ Mit
Mahlers Berufung an die
Wiener Hofoper wurden die Kontakte
seltener (Brenner-Kubik
2014, S. 164f.; Mahler 1922, S. 4f.).
Was Sie über den Ansorge-Verein
und über das Konzertpublikum im Allgemeinen sagen
Arnold Schönbergs Aussagen sind
nicht überliefert; ein Brief an Heinrich
Schenker bespricht den Konservatismus der „Musikstadt“
Wien, jedoch der
„merkwürdige Erfolg des jüngst-gegründeten Ansorge-Vereines drängt uns nun die Ansicht auf, daß in
Wien doch Wandel zum Bessern
geschehen könnte, daß sich in Wien doch ein Publicum für moderne Musik finden und
erziehen ließe“ (Arnold Schönberg et al. an Heinrich Schenker, Jänner
1904; ASCC 6619).
Dehmel liest hier nächstens und
Lieder (Texte von ihm) werden gesungen u. a. eins von
Ihnen
Karte
Lieber Herr Schönberg
Zweifeln Sie nicht an der Liebe und Treue des
Verlages Dreililien! Das
Sextett bitte ich Sie uns formell
einzureichen, wozu gehört, dass Sie das Manuskript1 einsenden. Dann werden wir uns erklären, ob und wann wir es
drucken werden. Dass
Mahler sich für Sie interessiert2, freut mich aufrichtig. Indessen – bauen Sie nicht zu viel
auf ihn. Er ist nicht ganz zuverlässig. Er that auch eine lange Zeit
so, als ob er sich sehr lebhaft für mich interessierte3, aber ich habe keinen Profit davon gehabt. – Was Sie über den Ansorge-Verein
und über das Konzertpublikum im Allgemeinen sagen4
ist sehr richtig. Uebrigens –
Dehmel liest hier nächstens und
Lieder (Texte von ihm) werden gesungen u. a. eins von
Ihnen5, über das sich
Ansorge, der begleiten wird, sehr
enthusiastisch geäussert hat, nachdem er Sie früher abgelehnt hatte!
Na also. Ihre symph. Dichtung
wollen wir doch auf alle Fälle für nächsten Winter vorbereiten,
d. h. con amore das Material fertigstellen lassen.
Eben ihre Karte6 erhalten. Fragen Sie doch, bei Eberle
an, was so eine kleine Partitur kosten würde
pro Platte etc. resp. lassen Sie die Partitur, bevor Sie sie uns
schicken d. h. ihre Stich- und Druckkosten vorher berechnen mit der
Angabe, dass ein Interesse unsererseits vorläge. Sonst macht er
Ihnen Amateurpreise. Die Vorberechn. könnte
er ja auch an uns direkt schicken.
Manuskript
Nachgewiesene Quellen:
Autographe Reinschrift (ASGA B 22, Quelle B); Partitur, verschollen (ASGA B 22, Quelle D*).
Dass
Mahler sich für Sie interessiert
Gustav
Mahler und Arnold
Schönberg lernten sich spätestens bei der
halböffentlichen Aufführung der Verklärten Nacht
op. 4 am 19. Februar 1904,
Veranstaltung des Wiener
Tonkünstlervereins im Festsaal des Kaufmännischen Vereins,
kennen. Vermutlich wurden Mahler
und Schönberg einander bereits bei
einer der vorangegangenen Proben in den Räumen der Hofoper vorgestellt (Muxeneder 2010, S. 220).
als ob er sich sehr lebhaft für mich interessierte
Gustav Mahler und Max Marschalk traten erstmals 1895 miteinander in Verbindung. Es enwickelte
sich eine Freundschaft mit regem Gedankenaustausch, in dem Mahler auch Einblick in Schaffensprozesse
gab. Zu einer Zusammenarbeit im Sinne Marschalks als Verleger, aber auch als Komponist, der
Mahler für eine Aufführung
seiner Bühnenwerke zu gewinnen trachtete, kam es indes nicht: „In sehr
geschickt formulierten Antworten wich Mahler aus, indem er einerseits auf Schwachpunkte in
Marschalks Arbeiten hinwies,
dies aber auch mit Hinweisen auf seine eigenen Fehler in früheren Werken
verband. Mahler achtete darauf,
Marschalk nicht zu verärgern,
weil er ihn als wohlwollenden Kritiker für seine Zwecke benötigte, und
zeigte Interesse, woran der ‚Liebe Freund‘ jeweils arbeitete.“ Mit
Mahlers Berufung an die
Wiener Hofoper wurden die Kontakte
seltener (Brenner-Kubik
2014, S. 164f.; Mahler 1922, S. 4f.).
Was Sie über den Ansorge-Verein
und über das Konzertpublikum im Allgemeinen sagen
Arnold Schönbergs Aussagen sind
nicht überliefert; ein Brief an Heinrich
Schenker bespricht den Konservatismus der „Musikstadt“
Wien, jedoch der
„merkwürdige Erfolg des jüngst-gegründeten Ansorge-Vereines drängt uns nun die Ansicht auf, daß in
Wien doch Wandel zum Bessern
geschehen könnte, daß sich in Wien doch ein Publicum für moderne Musik finden und
erziehen ließe“ (Arnold Schönberg et al. an Heinrich Schenker, Jänner
1904; ASCC 6619).
Dehmel liest hier nächstens und
Lieder (Texte von ihm) werden gesungen u. a. eins von
Ihnen
Karte
26. Februar 1904
The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Brief
Zitierhinweis:
Verlag Dreililien an Arnold Schönberg, 26. Februar 1904, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.12380.