Verlag Dreililien an Arnold Schönberg
26. Juli 1906
Lieber Herr Schönberg!
Auf Ihren Wunsch schicke ich Ihnen Ihre bei uns liegenden Arbei-
ten, und zwar das Streichquartett, sechs Orchester und acht Klavier-
lieder. Ich habe mich mehrfach mit den Sachen befasst, aber ich muss
gestehen, dass mein Standpunkt sich nicht wesentlich verändert hat.
Vielleicht ist es nötig sich in diese Kunst, die sehr schwer und herbe
ist, erst einzuleben. Ich möchte nun das Experiment machen mir vor-
erst einmal die Klavierlieder in tadelloser Ausführung vorsingen zu
lassen, mehrfach vorsingen zu lassen, um zu versuchen, ob ich dieser
Art der Melodik, die sich von der Melodik der grossen Liederkomponisten
aller Zeiten so wesentlich unterscheidet, nicht doch noch Geschmack
abgewinne. Einstweilen verstehe ich sie schlechterdings garnicht.
Das Quartett würde ich auch sehr gern einmal hören, und wenn es mir
irgendwie möglich sein wird, werde ich zur Uraufführung1 nach Wien
kommen. Sind die Stimmen schon ausgeschrieben? Es wäre nämlich möglich
hier in Berlin das Holländische Trio dafür zu interessieren; vorläufig
haben sie sich das Sextett ausgebeten.2 Oskar Fried trägt sich ernstlich
mit der Idee, Ihre sinfonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ auf-
zuführen.3 Nur klagt er darüber, dass die ungeheuren Schwierigkeiten des
ten, und zwar das Streichquartett, sechs Orchester und acht Klavier-
lieder. Ich habe mich mehrfach mit den Sachen befasst, aber ich muss
gestehen, dass mein Standpunkt sich nicht wesentlich verändert hat.
Vielleicht ist es nötig sich in diese Kunst, die sehr schwer und herbe
ist, erst einzuleben. Ich möchte nun das Experiment machen mir vor-
erst einmal die Klavierlieder in tadelloser Ausführung vorsingen zu
lassen, mehrfach vorsingen zu lassen, um zu versuchen, ob ich dieser
Art der Melodik, die sich von der Melodik der grossen Liederkomponisten
aller Zeiten so wesentlich unterscheidet, nicht doch noch Geschmack
abgewinne. Einstweilen verstehe ich sie schlechterdings garnicht.
Das Quartett würde ich auch sehr gern einmal hören, und wenn es mir
irgendwie möglich sein wird, werde ich zur Uraufführung1 nach Wien
kommen. Sind die Stimmen schon ausgeschrieben? Es wäre nämlich möglich
hier in Berlin das Holländische Trio dafür zu interessieren; vorläufig
haben sie sich das Sextett ausgebeten.2 Oskar Fried trägt sich ernstlich
mit der Idee, Ihre sinfonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ auf-
zuführen.3 Nur klagt er darüber, dass die ungeheuren Schwierigkeiten des
Werkes Extraproben und somit Extraausgaben nötig machen
werden, weshalb
wir ihm, vom Verlag aus wohl etwas werden entgegen kommen müssen. Ich
möchte Ihnen nun den Vorschlag machen, dass Sie mir die Ihnen heute
zurückgesandten Arbeiten nach vollzogener Redaktion noch einmal zur
Verfügung stellen und zwar mitsamt dem inzwischen vollendeten neuen
Werke. Sie können sich versichert halten, dass unsere definitive Ent-
scheidung dann sehr bald folgen wird.
wir ihm, vom Verlag aus wohl etwas werden entgegen kommen müssen. Ich
möchte Ihnen nun den Vorschlag machen, dass Sie mir die Ihnen heute
zurückgesandten Arbeiten nach vollzogener Redaktion noch einmal zur
Verfügung stellen und zwar mitsamt dem inzwischen vollendeten neuen
Werke. Sie können sich versichert halten, dass unsere definitive Ent-
scheidung dann sehr bald folgen wird.
Ihre Bekenntnisse haben mich sehr interessiert. Vielleicht stimmt
Ihre Analyse nicht ganz genau, denn ich bin vielmehr der Meinung, dass
Sie mit vollen, gar zu vollen Segeln auf den modernen Techniker
par excellence lossteuern, auf den Techniker mit der Strausschen Devise:
Es kommt nicht auf das was, sondern auf das wie an. Indem Sie an das
allein seligmachende technische Raffinement glauben, verlieren Sie
alle Naivität beim Schaffen, und Ihre Musik, die mir schon jetzt viel-
fach einen ergrübelten, ja sogar erquälten Eindruck macht, entfernt sich
immer mehr von dem, was ich gesungene Musik nenne. Ich sage Ihnen das
übrigens ganz ohne die Prätention damit irgend ein richtiges oder defi-
nitives Urteil zu fällen. Nehmen Sie mir das gesagte jedenfalls nicht
krumm.
Ihre Analyse nicht ganz genau, denn ich bin vielmehr der Meinung, dass
Sie mit vollen, gar zu vollen Segeln auf den modernen Techniker
par excellence lossteuern, auf den Techniker mit der Strausschen Devise:
Es kommt nicht auf das was, sondern auf das wie an. Indem Sie an das
allein seligmachende technische Raffinement glauben, verlieren Sie
alle Naivität beim Schaffen, und Ihre Musik, die mir schon jetzt viel-
fach einen ergrübelten, ja sogar erquälten Eindruck macht, entfernt sich
immer mehr von dem, was ich gesungene Musik nenne. Ich sage Ihnen das
übrigens ganz ohne die Prätention damit irgend ein richtiges oder defi-
nitives Urteil zu fällen. Nehmen Sie mir das gesagte jedenfalls nicht
krumm.
Indem ich Ihnen angenehme Ferien wünsche
verbleibe ich mit besten
Grüssen
Ihr
Uraufführung
vorläufig haben sie sich das Sextett ausgebeten.
„Pelleas und Melisande“ aufzuführen.
Lieber Herr Schönberg!
Auf Ihren Wunsch schicke ich Ihnen Ihre bei uns liegenden Arbeiten, und zwar das Streichquartett, sechs Orchester und acht
Klavierlieder. Ich habe mich mehrfach mit den Sachen
befasst, aber ich muss gestehen, dass mein Standpunkt sich nicht wesentlich
verändert hat. Vielleicht ist es nötig sich in diese Kunst, die sehr schwer
und herbe ist, erst einzuleben. Ich möchte nun das Experiment machen mir
vorerst einmal die Klavierlieder in tadelloser Ausführung vorsingen
zu lassen, mehrfach vorsingen zu lassen, um zu versuchen, ob ich dieser Art der Melodik, die sich von der
Melodik der grossen Liederkomponisten aller Zeiten so wesentlich
unterscheidet, nicht doch noch Geschmack abgewinne. Einstweilen verstehe
ich sie schlechterdings garnicht. Das Quartett würde ich auch sehr gern einmal hören, und wenn es mir
irgendwie möglich sein wird, werde ich zur Uraufführung1 nach Wien
kommen. Sind die Stimmen schon ausgeschrieben? Es wäre nämlich möglich
hier in Berlin das Holländische Trio dafür zu interessieren; vorläufig haben sie sich das Sextett ausgebeten.2
Oskar Fried trägt sich ernstlich mit
der Idee, Ihre sinfonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ aufzuführen.3 Nur klagt er darüber, dass die ungeheuren Schwierigkeiten des Werkes Extraproben und somit Extraausgaben nötig machen
werden, weshalb wir ihm, vom Verlag aus wohl etwas werden entgegen kommen
müssen. Ich möchte Ihnen nun den Vorschlag machen, dass Sie mir die Ihnen
heute zurückgesandten Arbeiten nach vollzogener Redaktion noch einmal zur
Verfügung stellen und zwar mitsamt dem inzwischen vollendeten neuen
Werke. Sie können sich versichert halten, dass
unsere definitive Entscheidung dann sehr bald folgen wird.
Ihre Bekenntnisse haben mich sehr interessiert. Vielleicht stimmt Ihre
Analyse nicht ganz genau, denn ich bin vielmehr der Meinung, dass Sie mit
vollen, gar zu vollen Segeln auf den modernen Techniker par excellence
lossteuern, auf den Techniker mit der Strausschen Devise: Es kommt nicht auf das was, sondern auf
das wie an. Indem Sie an das allein seligmachende technische Raffinement
glauben, verlieren Sie alle Naivität beim Schaffen, und Ihre Musik, die mir
schon jetzt vielfach einen ergrübelten, ja
sogar erquälten Eindruck macht, entfernt sich immer mehr von dem, was ich
gesungene Musik nenne. Ich sage Ihnen das übrigens ganz ohne die Prätention
damit irgend ein richtiges oder definitives Urteil zu fällen. Nehmen Sie mir das gesagte jedenfalls nicht
krumm.
Uraufführung
vorläufig haben sie sich das Sextett ausgebeten.
„Pelleas und Melisande“ aufzuführen.
26. Juli 1906
The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Brief
Zitierhinweis:
Verlag Dreililien an Arnold Schönberg, 26. Juli 1906, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.12390.