derzeit:
Pörtschach a/See
5.VIII.1927
Lieber Stein, was ich auf Ihre Rundfrage1 antworten würde,
habe ich schon skizziert. Ob und wann ich es ausarbeite,
ist aber ungewiss. Ich habe in der letzten Zeit mein
Stück oft und oft überarbeitet, aber fertig ist es noch
nicht. In den letzten Tagen war ich auch sehr deprimiert.
Ich habe die Dummheit begangen, es Herzka vorzulesen (zum
Glück nur den ersten Akt) und der hat die Geschmacklosig
keit gehabt, mir sein wirklich ganz laienhaftes und kon-
ventionelles Urteil darüber zu sagen. Er hat nicht ein
Wort davon verstanden und offenbar die Massstäbe daran
gelegt, die er an Balletpantomime[m]n von Wellesz, Hoffmanns-
thal
, Wassermann und Casella anlegt. So dumm es war, was er
sagte, so hat es doch den Effekt, mir zu zeigen dass auch
das nicht jedem gefallen kann. Und da ich in literarischen
Arbeiten nicht diese technische Sicherheit habe wie in
meinen musikalischen, so verstimmt es mich doch mehr. Ue-
brigens habe ich ja auch meine Musik schon seit Jahren
niemals jemandem mehr gezeigt, der sich ein Urteil darü-
ber anmasst. Herzka ist natürlich durch den Servilismus
seiner Verlagsautoren etwas präpotent worden und zeigt
sich jetzt sehr se[l]bstredend. Mein Zorn wird Sie vielleicht
überraschen. Vielleicht überrascht Sie aber noch mehr
die Tatsache, die ich, ihn zu begründen, anführe: dass ich
nämlich wirklich seither nicht mehr daran weitergearbei
tet habe! Vielleicht finden Sie das zimperlich von einem,
der sein Werk trotz dem Widerspruch der Welt hinausge-
stellt hat. Aber vielleicht erkennen Sie daran, dass

ich von dem Widerspruch eben tatsächlich jedesmal über-
rascht war, weil ich Zustimmung erwartet hatte.
Aber nun genug von den Sentimentalitäten: es war eine Dummheit,
es zu zeigen und ich will trachten, sie in Hinkunft zu
vermeiden.
Ich will sehen, ob ich Ihnen den Radio Aufsatz fertig
schreiben kann.
Besten Dank für Ihre Mitteilungen über meine nächst-
jährigen Aufführungen. Hoffentlich wird all das.
Sie wissen vielleicht, in welcher Weise die UE auf
meine Vorschl[a]äge, über die wir vor den Ferien verhan-
delt haben, reagiert hat. Unerhört! Es wird doch zum Krach
kommen müssen.
Ich weiss nicht, ob wir länger hier bleiben werden, aber
auch noch nicht, wann wir fortgehen und wohin.
Viele herzliche Grüsse, Ihne[n] und Ihrer Frau; auch von
meiner Frau; Ihr
derzeit:
Pörtschach a/See
5.VIII.1927
Lieber Stein, was ich auf Ihre Rundfrage1 antworten würde, habe ich schon skizziert. Ob und wann ich es ausarbeite, ist aber ungewiss. Ich habe in der letzten Zeit mein Stück oft und oft überarbeitet, aber fertig ist es noch nicht. In den letzten Tagen war ich auch sehr deprimiert. Ich habe die Dummheit begangen, es Herzka vorzulesen (zum Glück nur den ersten Akt) und der hat die Geschmacklosigkeit gehabt, mir sein wirklich ganz laienhaftes und konventionelles Urteil darüber zu sagen. Er hat nicht ein Wort davon verstanden und offenbar die Massstäbe daran gelegt, die er an Balletpantomimen von Wellesz, Hoffmannsthal, Wassermann und Casella anlegt. So dumm es war, was er sagte, so hat es doch den Effekt, mir zu zeigen dass auch das nicht jedem gefallen kann. Und da ich in literarischen Arbeiten nicht diese technische Sicherheit habe wie in meinen musikalischen, so verstimmt es mich doch mehr. Uebrigens habe ich ja auch meine Musik schon seit Jahren niemals jemandem mehr gezeigt, der sich ein Urteil darüber anmasst. Herzka ist natürlich durch den Servilismus seiner Verlagsautoren etwas präpotent worden und zeigt sich jetzt sehr selbstredend. Mein Zorn wird Sie vielleicht überraschen. Vielleicht überrascht Sie aber noch mehr die Tatsache, die ich, ihn zu begründen, anführe: dass ich nämlich wirklich seither nicht mehr daran weitergearbeitet habe! Vielleicht finden Sie das zimperlich von einem, der sein Werk trotz dem Widerspruch der Welt hinausgestellt hat. Aber vielleicht erkennen Sie daran, dass ich von dem Widerspruch eben tatsächlich jedesmal überrascht war, weil ich Zustimmung erwartet hatte. Aber nun genug von den Sentimentalitäten: es war eine Dummheit, es zu zeigen und ich will trachten, sie in Hinkunft zu vermeiden.
Ich will sehen, ob ich Ihnen den Radio Aufsatz fertig schreiben kann.
Besten Dank für Ihre Mitteilungen über meine nächstjährigen Aufführungen. Hoffentlich wird all das. Sie wissen vielleicht, in welcher Weise die UE auf meine Vorschläge, über die wir vor den Ferien verhandelt haben, reagiert hat. Unerhört! Es wird doch zum Krach kommen müssen.
Ich weiss nicht, ob wir länger hier bleiben werden, aber auch noch nicht, wann wir fortgehen und wohin.
Viele herzliche Grüsse, Ihnen und Ihrer Frau; auch von meiner Frau; Ihr

5. August 1927


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief, Kopie

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Erwin Stein, 5. August 1927, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.1354.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen