10. IV. 1927
Lieber Herr Schönberg! Vielen Dank für Ihre Briefe. Dr.Adler
hat den Brief noch am selben Tag bekommen, an dem ich ihn er-
hielt. Ihre Zustimm[e]ung zur Pariser Gurre-Lieder Aufführung1
habe ich weitergegeben. Man hat an Deutsch geschrieben, es ist
aber noch keine Antwort von ihm da. – Schade dass Sie das Inter-
view
nicht weitergemacht haben. Es wäre sehr lustig geworden.
Ueber das rasende Tempo dieser Zeit möchte ich auch einmal schrei-
ben. Man müsste es einmal metronomisieren. Dann würde sich zeigen
dass die Zähleinheiten nicht schneller aufeinander folgen als
früher. Aber die Gschaftlhuberei der Hundertachtundzwanzigstel!
Leider wird Ihr Heft nicht so, wie ich es gehofft habe. Einige
Leute, die mir wichtig waren, haben mich zuletzt im Stich gelassen.
Und ich hatte nicht genug vorgesorgt. Jetzt wüsste ich, wie ich
es hätte anfangen sollen und hoffe, dass das 2. Schönberg-Heft von
Pult und Taktstock besser werden wird. Das erste2 wird in cca. 10
Tagen erscheinen. – Ich werde jetzt die Suite studieren und freue
mich schon sehr darauf. Auf das 2Stück „Stück“ bin ich sehr begierig.
Wann haben Sie eigentlich die Absicht, nach Wien zu kommen? –
Wegen der Kontrabässe im Fis moll Quartett habe ich Webern schon
gefragt. Er erinnert sich, dass Sie solche verwendet haben, aber
sehr diskret. Ich werde mir das Exemplar, das Berg hat, ansehn und
Ihnen darüber berichten. – Wegen der Pelleas-Partitur werde ich
mit Hertzka reden. Vorher aber mir die Möglichkeiten der Reduktion
genau überlegen. Zunächst halte ich sie nicht für unmöglich und
leichter wie bei den Gurre Liedern. Die Reduktion den Kapellmeistern
zu überlassen halte ich für ungünstig; nicht nur weil man dann
nicht weiss, was daraus wird. Die Leute beschränken sich meist auf

ein paar Einzüge, wenn ihnen 2–3 Instrumente fehlen. Hier, wo es
sich doch um cca. 10 Bläserstimmen weniger handelt, wäre selbst eine schlech-
te Arbeit so gross, dass die im Betrieb stehenden Kapellmeister
kaum Zeit dazu fänden. Ich werde die Partitur nochmals studieren
und Ihnen von dem Resultat, zu dem ich komme, berichten. – Die
Pelleas Aufführung3 hab ich bei Kolisch gehört, der Ihnen ja viel-
leicht schon darüber berichtet hat. Er hatte sich einen ganz grossen
Radioapparat ausgeliehen. Es waren [waren] aber so viel Störungen,
dass man nur selten überhaupt etwas und nur wenige Stellen klar
hören konnte. Deutlich war die F Dur Partie mit den beiden heftigen
Takten vorher, ein grosser Teil des Adagio, und der grösste Teil
der Coda, namentlich die letzten Takte fast frei von Geräuschen.
Man hatte den Eindruck, dass es eine sehr gute Aufführung gewesen
sein muss. – In der Beethovenwoche war mir beinahe das Interessan-
teste, einmal wirklich einen Vergleich zwischen Webern und – Wein-
gartner
ziehen zu können. Webern dirigierte in einem Arbeiter Kon-
zert
4 die Chorphantasie mit Steuermann am Klavier; achtfünf Tage später
hörte ich sie
5 mit demselben Orchester und Franz Schmidt als Pianisten
unter Weingartner. Dieser Qualitätsunterschied war so ungeheuerlich,
dass er selbst den Orchestermusikern, mit denen ich gesprochen hab
aufgefallen ist. Das eine Mal Musik, das andere Mal ein Brei.
Bei uns zuhause ist alles in Ordnung. Die Kleine gedeiht sehr gut.
Sie ist bald ein halbes Jahr alt. Meine Frau lässt Sie beide viel-
mals herzlichst grüssen. Auch von mir viele Grüsse an Ihre liebe
Frau.
Ich bin stets in Verehrung
Ihr

Stein
10. IV. 1927
Lieber Herr Schönberg! Vielen Dank für Ihre Briefe. Dr.Adler hat den Brief noch am selben Tag bekommen, an dem ich ihn erhielt. Ihre Zustimmung zur Pariser Gurre-Lieder Aufführung1 habe ich weitergegeben. Man hat an Deutsch geschrieben, es ist aber noch keine Antwort von ihm da. – Schade dass Sie das Interview nicht weitergemacht haben. Es wäre sehr lustig geworden. Ueber das rasende Tempo dieser Zeit möchte ich auch einmal schreiben. Man müsste es einmal metronomisieren. Dann würde sich zeigen dass die Zähleinheiten nicht schneller aufeinander folgen als früher. Aber die Gschaftlhuberei der Hundertachtundzwanzigstel! Leider wird Ihr Heft nicht so, wie ich es gehofft habe. Einige Leute, die mir wichtig waren, haben mich zuletzt im Stich gelassen. Und ich hatte nicht genug vorgesorgt. Jetzt wüsste ich, wie ich es hätte anfangen sollen und hoffe, dass das 2. Schönberg-Heft von Pult und Taktstock besser werden wird. Das erste2 wird in cca. 10 Tagen erscheinen. – Ich werde jetzt die Suite studieren und freue mich schon sehr darauf. Auf das „Stück“ bin ich sehr begierig. Wann haben Sie eigentlich die Absicht, nach Wien zu kommen? –
Wegen der Kontrabässe im Fis moll Quartett habe ich Webern schon gefragt. Er erinnert sich, dass Sie solche verwendet haben, aber sehr diskret. Ich werde mir das Exemplar, das Berg hat, ansehn und Ihnen darüber berichten. – Wegen der Pelleas-Partitur werde ich mit Hertzka reden. Vorher aber mir die Möglichkeiten der Reduktion genau überlegen. Zunächst halte ich sie nicht für unmöglich und leichter wie bei den Gurre Liedern. Die Reduktion den Kapellmeistern zu überlassen halte ich für ungünstig; nicht nur weil man dann nicht weiss, was daraus wird. Die Leute beschränken sich meist auf ein paar Einzüge, wenn ihnen 2–3 Instrumente fehlen. Hier, wo es sich doch um cca. 10 Bläserstimmen weniger handelt, wäre selbst eine schlechte Arbeit so gross, dass die im Betrieb stehenden Kapellmeister kaum Zeit dazu fänden. Ich werde die Partitur nochmals studieren und Ihnen von dem Resultat, zu dem ich komme, berichten. – Die Pelleas Aufführung3 hab ich bei Kolisch gehört, der Ihnen ja vielleicht schon darüber berichtet hat. Er hatte sich einen ganz grossen Radioapparat ausgeliehen. Es waren aber so viel Störungen, dass man nur selten überhaupt etwas und nur wenige Stellen klar hören konnte. Deutlich war die F Dur Partie mit den beiden heftigen Takten vorher, ein grosser Teil des Adagio, und der grösste Teil der Coda, namentlich die letzten Takte fast frei von Geräuschen. Man hatte den Eindruck, dass es eine sehr gute Aufführung gewesen sein muss. – In der Beethovenwoche war mir beinahe das Interessanteste, einmal wirklich einen Vergleich zwischen Webern und – Weingartner ziehen zu können. Webern dirigierte in einem Arbeiter Konzert4 die Chorphantasie mit Steuermann am Klavier; fünf Tage später hörte ich sie5 mit demselben Orchester und Franz Schmidt als Pianisten unter Weingartner. Dieser Qualitätsunterschied war so ungeheuerlich, dass er selbst den Orchestermusikern, mit denen ich gesprochen hab aufgefallen ist. Das eine Mal Musik, das andere Mal ein Brei.
Bei uns zuhause ist alles in Ordnung. Die Kleine gedeiht sehr gut. Sie ist bald ein halbes Jahr alt. Meine Frau lässt Sie beide vielmals herzlichst grüssen. Auch von mir viele Grüsse an Ihre liebe Frau.
Ich bin stets in Verehrung Ihr
Stein

10. April 1927


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 10. April 1927, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17083.

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