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Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
In sofortiger Beantwortung Ihres gesch. Gestrigen1 freue ich
mich, dass ich Sie noch Mittwoch in Berlin antreffe. Wir können
Vormittag alles in Ruhe besprechen und ich werde zwischen 9–10
Uhr bei Ihnen sein. Ich werde Ihnen auch persönlich mitteilen,
unter welchen Bedingungen ich in der Lage wäre, Ihnen noch einen
Vorschuss zu erteilen und es wird nur an Ihnen liegen, diese Be-
dingungen zu akzeptieren.
Ihr schöner Plan, mit Ihnen nach London2 zu fahren, ist leider
ganz und gar undurchführbar. Ich war jetzt zehn Tage von Wien weg
und stecke noch voll in Rückständen; zudem kann ich vor 13ten
abends von hier nicht abreisen und soll Samstag den 17. ds, wieder
zurück sein. In der Zwischenzeit soll ich verschiedene wichtige
Dinge in Berlin, Leipzig, Breslau, etc. erledigt haben. Da lässt
sich leider London nicht noch einschieben. Sie überschätzen es
sicherlich, wenn Sie glauben, dass manich eine Gurrelieder-Aufführung
in London leicht durchsetzen kann. Die Aufführung von derartigen
Vokalwerken in London ist fabelhaft schwierig zu erreichen und die
achte Symphonie von Mahler die schon in ganz kleinen deutschen

Städten gespielt wurde, hat noch gar keine Aussicht nach London
zu kommen. Trotzdem ist es ja sehr leicht möglich, dass die Gurre-
Lieder
in London bald herausgebracht werden können und ich bin über-
zeugt, dass Ihre persönliche Anwesenheit in London dazu riesig viel
beitragen kann. Ich könnte ja selbstverständlich die Sache fördern
wenn ich dort wäre, das kann und will ich aber auch durch Briefe
von Wien aus tun; aber irgend wie ausschlaggebend wäre meine per-
sönliche Anwesenheit dort gewiss nicht.
Bezüglich der halben Schönberg-Woche in Leipzig3 habe ich mir
von meinem dortigen Vertreter die Berichte der Zeitungen kommen
lassen. Wenngleich sie ja keineswegs massgebend sind, so möchte
ich doch sehen, wie die Leipziger Kritik sich nun vor den Gurre-
Liedern
4 zu Ihrem Kammermusik- und Lied-Schaffen stellt.
Dass die Kammersymphonie5 von einem erstklassigen Orchester
mit vier Proben nicht gut gemacht werden konnte, ist wirklich schade;
ich fürchte, dass es unter diesen Umständen sehr wenig gute Auffüh-
rungen jemals geben wird, denn welches Orchester kann bei dem heu-
tigen Betrieb 6–8 Proben für ein verhältnismässig kurzes Werk auf-
bringen!
Auf Wiedersehen also am Mittwoch und viele herzliche Grüsse
von Ihrem Ihnen in aufrichtiger Verehrung ergebenen

W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
In sofortiger Beantwortung Ihres gesch. Gestrigen1 freue ich mich, dass ich Sie noch Mittwoch in Berlin antreffe. Wir können Vormittag alles in Ruhe besprechen und ich werde zwischen 9–10 Uhr bei Ihnen sein. Ich werde Ihnen auch persönlich mitteilen, unter welchen Bedingungen ich in der Lage wäre, Ihnen noch einen Vorschuss zu erteilen und es wird nur an Ihnen liegen, diese Bedingungen zu akzeptieren.
Ihr schöner Plan, mit Ihnen nach London2 zu fahren, ist leider ganz und gar undurchführbar. Ich war jetzt zehn Tage von Wien weg und stecke noch voll in Rückständen; zudem kann ich vor 13ten abends von hier nicht abreisen und soll Samstag den 17. ds, wieder zurück sein. In der Zwischenzeit soll ich verschiedene wichtige Dinge in Berlin, Leipzig, Breslau, etc. erledigt haben. Da lässt sich leider London nicht noch einschieben. Sie überschätzen es sicherlich, wenn Sie glauben, dass ich eine Gurrelieder-Aufführung in London leicht durchsetzen kann. Die Aufführung von derartigen Vokalwerken in London ist fabelhaft schwierig zu erreichen und die achte Symphonie von Mahler die schon in ganz kleinen deutschen Städten gespielt wurde, hat noch gar keine Aussicht nach London zu kommen. Trotzdem ist es ja sehr leicht möglich, dass die Gurre-Lieder in London bald herausgebracht werden können und ich bin überzeugt, dass Ihre persönliche Anwesenheit in London dazu riesig viel beitragen kann. Ich könnte ja selbstverständlich die Sache fördern wenn ich dort wäre, das kann und will ich aber auch durch Briefe von Wien aus tun; aber irgend wie ausschlaggebend wäre meine persönliche Anwesenheit dort gewiss nicht.
Bezüglich der halben Schönberg-Woche in Leipzig3 habe ich mir von meinem dortigen Vertreter die Berichte der Zeitungen kommen lassen. Wenngleich sie ja keineswegs massgebend sind, so möchte ich doch sehen, wie die Leipziger Kritik sich nun vor den Gurre-Liedern4 zu Ihrem Kammermusik- und Lied-Schaffen stellt.
Dass die Kammersymphonie5 von einem erstklassigen Orchester mit vier Proben nicht gut gemacht werden konnte, ist wirklich schade; ich fürchte, dass es unter diesen Umständen sehr wenig gute Aufführungen jemals geben wird, denn welches Orchester kann bei dem heutigen Betrieb 6–8 Proben für ein verhältnismässig kurzes Werk aufbringen!
Auf Wiedersehen also am Mittwoch und viele herzliche Grüsse von Ihrem Ihnen in aufrichtiger Verehrung ergebenen
Hertzka

9. Jänner 1914


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 9. Jänner 1914, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17516.

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