Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Ihr liebes Schreiben vom 16. d. M. ist bis auf die Harmo-
nielehre
-Angelegenheit durch meine[n] vorhergehenden Brief grössten-
teils erledigt. Einzelnes, das nicht beantwortet wurde, kann ich
heute dahin erledigen, dass die Londoner Aufführung der „Gurre-
lieder
“ mit Wood leider nicht zustande kommt. Auf meine Anfrage
in London, haben mir Breitkopf & Härtel’s die mitfolgend kopierte
lakonische Antwort Wood’s übermittelt. Die Gründe dieser höchst be-
dauerlichen Tatsache sind mir unbekannt. Vielleicht können Sie
diesbezüglich etwas Näheres erfahren? Mit Amsterdam stehe ich in
Unterhandlungen; hoffentlich führen diese zu einem Resultat1.
Was nun Ihr Schreiben vom 21. d. M. betrifft, so bestätige
ich vor allem den Empfang der „Gurrelieder“-Partitur2. Die Monodram-
Partitur3 ist eben eingetroffen.
Ihr dringender Wunsch, dass die Gurrelieder-Partitur un-
bedingt gestochen werde, ist mir ja verständlich, aber die drei
Gründe, die Sie anführen, sind nicht „stich“haltig, denn
1.) wird die Möglichkeit der Verbreitung der Gurrelieder dadurch,
dass die Partitur gestochen wird und nicht autographiert, absolut
nicht eingeschränkt. Gerade das Gegenteil könnte zutreffen u. z.

dass ich, falls ich die Partitur stechen lasse, die Partitur und
die Materiale im allgemeinen viel teurer halten müsste, als bei
der autographischen Herstellung,
2.) wäre Ihr Erträgnis kein geringereres, denn jede Aufführung,
die überhaupt erzielbar wäre, würde ebenso durch die gestochene
als auch durch die autographierte Partitur erzielt werden können,
3.) würde es Ihrem Ansehen gewiss nicht schaden, wenn keine ge-
stochene grosse und eine zweite kleine Partitur erscheinen würde,
denn abgesehen davon, dass Ihr Ansehen von derartigen Kleinig-
keiten nicht abhängt, hat es noch nie dem Ansehen eines Werkes
geschadet, wenn es in der ersten Auflage nur als Autographie er-
schienen ist. Dies trifft auf Bühnenwerke ebenso zu, wie auf
grosse Chorwerke, wie Gurrelieder etc. Auch Schreker’sFerner
Klang
“ ist, wie Sie sich ja selbst überzeugen konnten, nicht ge-
stochen, sondern nur autographiert und macht seinen Weg ohne dass
irgend ein Ansehen darunter leiden würde. Auch Wagners Opern etc sind ursprünglich nur autografis[ch]
erschienen[.]
Nachdem eine Studien-
Partitur zu einem erschwinglichen Preis seit der Uraufführung
vorhanden ist und auch vielfach verkauft wurde, kann deswegen,
dassweil nicht auch noch eine gestochene Studien-Partitur vorliegt,
von einer Schädigung Ihrerseits gewiss nicht gesprochen werden.
Das die Londoner Aufführung nun ins Wasser fiel, die
Amsterdamer-Aufführung4 noch nicht fix ist, ebensowenig die Prager5
und die Berliner6, oder die Leipziger Wiederholung7, so bleibt eigent-
lich für das nächste Jahr als einzige sichere Aufführung8 die
Münchner. Nachdem aber zwei komplette Aufführungs-Materiale vor-
liegen, die nur sorgfältig in Ordnung gebracht werden müssen, so
muss ich mit einer Entscheidung in der Material-Herstellungs-An-
gelegenheit noch zuwarten, weil all die Gründe, die ich Ihnen in

meinem letzten Schreiben darlegte, bestehen und Sie können von mir
nicht verlangen, dass ich mich bei meinen Entschliessungen nur
ausschliesslich und allein von dem einzigen Gedanken leiten lasse,
ob dieselben Ihre Interessen fördern, ohne Rücksicht auf die In-
teressen unseres Verlages resp. unserer Gesellschaft. Dass Sie und
Ihr Schaffen von mir in jedem Fall ohnedies jedem anderen vorge-
zogen werden, müssen Sie doch schon selbst bemerkt haben
. Von den
Vorwürfen, die ich mir deswegen hier schon von allen Seiten habe
zugezogen habe, will ich gar nicht sprechen.
In Angelegenheit der von einer Hannoveraner-Konzert-
Direktion
beabsichtigten Gründung einer Schönberg-Gesellschaft,
verhalte ich mich ablehnend, denn ich bin ganz Ihrer Ansicht,
dass eine solche Ihnen weit mehr schaden könnte, als nützen. Es
gibt gewiss Dinge, die sich nicht künstlich rasch in die Höhe treiben
lassen; gewiss wäre es das Ideal, eine geldkräftige Organisation
zu besitzen, die Ihre Werke weitesten Kreisen zugänglich macht.
Aber damit das irgendwie nennenswert zum Ausdruck komme, müsste
diese Organisation über die Zinsen von vielen hunderttausenden
Kronen verfügen können und zu einer derartigen Organisation ist
momentan nicht die geringste Aussicht vorhanden. Ich schreibe heute
Herrn Bernstein, dass ich seine Idee derzeit für unzweckmässig und
undurchführbar halte, dass ich ihm aber für sein Interesse als Ver-
leger wärmstens danke und ihm nahe lege, in Hannover eine Auffüh-
rung der Gurrelieder zu ermöglichen oder aber Sie, da Sie sich als
ausserordentlich hervorragender Dirigent erwiesen haben, dadurch zu
fördern, dass er Sie nach dieser Richtung hin, durch Engagements
unterstütze
. –
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener Beiliegend Brief Bernstein
retour.
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Ihr liebes Schreiben vom 16. d. M. ist bis auf die Harmonielehre-Angelegenheit durch meinen vorhergehenden Brief grösstenteils erledigt. Einzelnes, das nicht beantwortet wurde, kann ich heute dahin erledigen, dass die Londoner Aufführung der „Gurrelieder“ mit Wood leider nicht zustande kommt. Auf meine Anfrage in London, haben mir Breitkopf & Härtel’s die mitfolgend kopierte lakonische Antwort Wood’s übermittelt. Die Gründe dieser höchst bedauerlichen Tatsache sind mir unbekannt. Vielleicht können Sie diesbezüglich etwas Näheres erfahren? Mit Amsterdam stehe ich in Unterhandlungen; hoffentlich führen diese zu einem Resultat1.
Was nun Ihr Schreiben vom 21. d. M. betrifft, so bestätige ich vor allem den Empfang der „Gurrelieder“-Partitur2. Die Monodram- Partitur3 ist eben eingetroffen.
Ihr dringender Wunsch, dass die Gurrelieder-Partitur unbedingt gestochen werde, ist mir ja verständlich, aber die drei Gründe, die Sie anführen, sind nicht „stich“haltig, denn
1.) wird die Möglichkeit der Verbreitung der Gurrelieder dadurch, dass die Partitur gestochen wird und nicht autographiert, absolut nicht eingeschränkt. Gerade das Gegenteil könnte zutreffen u. z. dass ich, falls ich die Partitur stechen lasse, die Partitur und die Materiale im allgemeinen viel teurer halten müsste, als bei der autographischen Herstellung,
2.) wäre Ihr Erträgnis kein geringeres, denn jede Aufführung, die überhaupt erzielbar wäre, würde ebenso durch die gestochene als auch durch die autographierte Partitur erzielt werden können, 3.) würde es Ihrem Ansehen gewiss nicht schaden, wenn keine gestochene grosse und eine zweite kleine Partitur erscheinen würde, denn abgesehen davon, dass Ihr Ansehen von derartigen Kleinigkeiten nicht abhängt, hat es noch nie dem Ansehen eines Werkes geschadet, wenn es in der ersten Auflage nur als Autographie erschienen ist. Dies trifft auf Bühnenwerke ebenso zu, wie auf grosse Chorwerke, wie Gurrelieder etc. Auch Schreker’sFerner Klang“ ist, wie Sie sich ja selbst überzeugen konnten, nicht gestochen, sondern nur autographiert und macht seinen Weg ohne dass irgend ein Ansehen darunter leiden würde. Auch Wagners Opern etc sind ursprünglich nur autografisch erschienen. Nachdem eine Studien-Partitur zu einem erschwinglichen Preis seit der Uraufführung vorhanden ist und auch vielfach verkauft wurde, kann deswegen, weil nicht auch noch eine gestochene Studien-Partitur vorliegt, von einer Schädigung Ihrerseits gewiss nicht gesprochen werden.
Da die Londoner Aufführung nun ins Wasser fiel, die Amsterdamer-Aufführung4 noch nicht fix ist, ebensowenig die Prager5 und die Berliner6, oder die Leipziger Wiederholung7, so bleibt eigentlich für das nächste Jahr als einzige sichere Aufführung8 die Münchner. Nachdem aber zwei komplette Aufführungs-Materiale vorliegen, die nur sorgfältig in Ordnung gebracht werden müssen, so muss ich mit einer Entscheidung in der Material-Herstellungs-Angelegenheit noch zuwarten, weil all die Gründe, die ich Ihnen in meinem letzten Schreiben darlegte, bestehen und Sie können von mir nicht verlangen, dass ich mich bei meinen Entschliessungen nur ausschliesslich und allein von dem einzigen Gedanken leiten lasse, ob dieselben Ihre Interessen fördern, ohne Rücksicht auf die Interessen unseres Verlages resp. unserer Gesellschaft. Dass Sie und Ihr Schaffen von mir in jedem Fall ohnedies jedem anderen vorgezogen werden, müssen Sie doch schon selbst bemerkt haben. Von den Vorwürfen, die ich mir deswegen hier schon von allen Seiten zugezogen habe, will ich gar nicht sprechen.
In Angelegenheit der von einer Hannoveraner-Konzert-Direktion beabsichtigten Gründung einer Schönberg-Gesellschaft, verhalte ich mich ablehnend, denn ich bin ganz Ihrer Ansicht, dass eine solche Ihnen weit mehr schaden könnte, als nützen. Es gibt Dinge, die sich nicht künstlich rasch in die Höhe treiben lassen; gewiss wäre es das Ideal, eine geldkräftige Organisation zu besitzen, die Ihre Werke weitesten Kreisen zugänglich macht. Aber damit das irgendwie nennenswert zum Ausdruck komme, müsste diese Organisation über die Zinsen von vielen hunderttausenden Kronen verfügen können und zu einer derartigen Organisation ist momentan nicht die geringste Aussicht vorhanden. Ich schreibe heute Herrn Bernstein, dass ich seine Idee derzeit für unzweckmässig und undurchführbar halte, dass ich ihm aber für sein Interesse als Verleger wärmstens danke und ihm nahe lege, in Hannover eine Aufführung der Gurrelieder zu ermöglichen oder aber Sie, da Sie sich als ausserordentlich hervorragender Dirigent erwiesen haben, dadurch zu fördern, dass er Sie nach dieser Richtung hin, durch Engagements unterstütze. –
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener
Emil Hertzka
Beiliegend Brief Bernstein
retour.

24. April 1914



The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 24. April 1914, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17533.

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