W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Ihr Schreiben1 vom 9. ds. kam vorgestern in meinen Besitz, es
dauert also noch immer viele Tage, bis Briefe aus Berlin uns er-
reichen. Schon lange bevor Ihr Brief kam, sind Ihnen von meinem
Leipziger Vertreter 100 Mark überwiesen worden. Die restlichen
100 Mark werden Sie in den allerersten Oktober-Tagen erhalten.
Ich sehe es natürlich vollständig ein, dass Sie Geld dringendst
benötigen. Sie teilen diese Situation mit beinahe sämtlichen andern
Menschen und ich hoffe, dass Sie deswegen weil Ihnen dieser Betrag
nicht auf die Minute, wie Sie dies wünschten, zugehen konnte, nicht
an meiner Freundschaft für Sie zweifeln werden.
Die von Ihnen gewünschten je 5 Exemplare von George-Lieder und
Pierrot, kleine Partitur gehen Ihnen gleichzeitig zu. Von der grossen
Partitur „Pierrot“ ist unsere Auflage2 nicht sehr gross und da Sie
schon 1 Exemplar erhalten haben, so glaube ich, dass Sie zunächst
mit den beiden gesandten Exemplaren Ihr Auslangen finden werden.
Was die Monodram-Korrektur betrifft, so glaube ich, dass es
doch das Beste wäre, wenn Sie dieselbe weiterlesen, denn nachdem
Sie jetzt weder Stunden noch Konzerte haben, so kann diese Arbeit
Sie nicht in anderen, wichtigeren Sachen stören. Korrigiert muss
die Partitur doch unbedingt werden, selbst wenn die Fertigstellung
derselben auch erst nach Monaten erfolgen würde.

Die Zustände in Oesterreich sind ruhig, auf allen Gebieten
von Kunst und Geschäft vollkommen stagnierend, aber sonst zuver-
sichtlich voll Vertrauen auf eine schöne Zukunft. Es herrschen
üb[e]rall grösste Ordnung und Eintracht und wenn bei uns auch nicht
alles so am Schnürl geht wie draussen und mancherlei Organisation,
(insbesondere die Roten-Kreuz-Angelegenheiten) noch nicht ganz klappt,
so kann man doch im grossen Ganzen mit dem was Oesterreich in den
letzten 7 Wochen geleistet hat, zufrieden sein. Seit etwa 10 Tagen
macht sich die Invasion aus Galizien und der Bukowina3 bemerkbar.
Aus den vom Feinde besetzten Gegenden strömt Reich und Arm zu. Alles,
auch das Schwerste wird aber ruhig hingenommen, verhältnismässig
leicht ertragen und man hat die Empfindung einer absoluten Kräfti-
gung und Stärkung von Körper, Geist und Gemüt. Zimperlichkeit, Weh-
leidigkeit oder hysterisches Mitleidsgefühl ist überall verschwunden.
Schmerz und Leid werden als Selbstverständliches, ohne Jammern und viel
Trostbedürfnis ertragen. Die Verwundeten sind alle in freudigster
Stimmung. Die übergrosse Mehrzahl der in Wien befindlichen Verwun-
deten sind leichte Fälle, die rasch heilen. Beinahe alle wollen sie
wieder so bald als möglich in die Front. Das sind gewiss gute Zeichen
für die Moral der Truppen. Mit politischen Prophezeihungen wollen wir
uns lieber nicht beschäftigen. Einen Sieg haben wir errungen, der wich-
tiger ist als Vieles, was noch kommen kann: Oesterreich hat gezeigt,
dass es zwar ein Konglomerat-Staat ist, aber trotzdem nicht zusammen-
bröckelt und der unerhört gewaltigen Uebermacht kräftig standhält. Eben
weil Russland geglaubt hat, unser morsches Vaterland mit einem hefti-
gen Anprall niederrennen zu können, und seine ganze Kraft in einem

wuchtigen Stoss konzentriert hatte, muss der Umstand, dass dieser
Stoss uns merklich geschwächt hat, Hoffnung geben, dass der
weitere Verlauf für uns noch günstiger wird. Wie haben hier alle
felsenfestes Vertrauen, denn wir müssen siegen und wir werden
siegen!
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen warm ergebener
N. S.
Sie werden von nun ab, von Zeit zu Zeit
Wiener Zeitungen von mir zugeschickt
erhalten.

W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Ihr Schreiben1 vom 9. ds. kam vorgestern in meinen Besitz, es dauert also noch immer viele Tage, bis Briefe aus Berlin uns erreichen. Schon lange bevor Ihr Brief kam, sind Ihnen von meinem Leipziger Vertreter 100 Mark überwiesen worden. Die restlichen 100 Mark werden Sie in den allerersten Oktober-Tagen erhalten.
Ich sehe es natürlich vollständig ein, dass Sie Geld dringendst benötigen. Sie teilen diese Situation mit beinahe sämtlichen andern Menschen und ich hoffe, dass Sie deswegen weil Ihnen dieser Betrag nicht auf die Minute, wie Sie dies wünschten, zugehen konnte, nicht an meiner Freundschaft für Sie zweifeln werden.
Die von Ihnen gewünschten je 5 Exemplare von George-Lieder und Pierrot, kleine Partitur gehen Ihnen gleichzeitig zu. Von der grossen Partitur „Pierrot“ ist unsere Auflage2 nicht sehr gross und da Sie schon 1 Exemplar erhalten haben, so glaube ich, dass Sie zunächst mit den beiden gesandten Exemplaren Ihr Auslangen finden werden.
Was die Monodram-Korrektur betrifft, so glaube ich, dass es doch das Beste wäre, wenn Sie dieselbe weiterlesen, denn nachdem Sie jetzt weder Stunden noch Konzerte haben, so kann diese Arbeit Sie nicht in anderen, wichtigeren Sachen stören. Korrigiert muss die Partitur doch unbedingt werden, selbst wenn die Fertigstellung derselben auch erst nach Monaten erfolgen würde.
Die Zustände in Oesterreich sind ruhig, auf allen Gebieten von Kunst und Geschäft vollkommen stagnierend, aber sonst zuversichtlich voll Vertrauen auf eine schöne Zukunft. Es herrschen überall grösste Ordnung und Eintracht und wenn bei uns auch nicht alles so am Schnürl geht wie draussen und mancherlei Organisation, (insbesondere die Roten-Kreuz-Angelegenheiten) noch nicht ganz klappt, so kann man doch im grossen Ganzen mit dem was Oesterreich in den letzten 7 Wochen geleistet hat, zufrieden sein. Seit etwa 10 Tagen macht sich die Invasion aus Galizien und der Bukowina3 bemerkbar. Aus den vom Feinde besetzten Gegenden strömt Reich und Arm zu. Alles, auch das Schwerste wird aber ruhig hingenommen, verhältnismässig leicht ertragen und man hat die Empfindung einer absoluten Kräftigung und Stärkung von Körper, Geist und Gemüt. Zimperlichkeit, Wehleidigkeit oder hysterisches Mitleidsgefühl ist überall verschwunden. Schmerz und Leid werden als Selbstverständliches, ohne Jammern und viel Trostbedürfnis ertragen. Die Verwundeten sind alle in freudigster Stimmung. Die übergrosse Mehrzahl der in Wien befindlichen Verwundeten sind leichte Fälle, die rasch heilen. Beinahe alle wollen sie wieder so bald als möglich in die Front. Das sind gewiss gute Zeichen für die Moral der Truppen. Mit politischen Prophezeihungen wollen wir uns lieber nicht beschäftigen. Einen Sieg haben wir errungen, der wichtiger ist als Vieles, was noch kommen kann: Oesterreich hat gezeigt, dass es zwar ein Konglomerat-Staat ist, aber trotzdem nicht zusammenbröckelt und der unerhört gewaltigen Uebermacht kräftig standhält. Eben weil Russland geglaubt hat, unser morsches Vaterland mit einem heftigen Anprall niederrennen zu können, und seine ganze Kraft in einem wuchtigen Stoss konzentriert hatte, muss der Umstand, dass dieser Stoss uns merklich geschwächt hat, Hoffnung geben, dass der weitere Verlauf für uns noch günstiger wird. Wie haben hier alle felsenfestes Vertrauen, denn wir müssen siegen und wir werden siegen!
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen warm ergebener
Emil Hertzka
N. S.
Sie werden von nun ab, von Zeit zu Zeit Wiener Zeitungen von mir zugeschickt erhalten.

18. September 1914


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 18. September 1914, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17565.

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