D/Ei
Herrn
Mödling bei Wien
Verehrter Meister Schönberg!
Ich hoffte in der ganzen letzten Zeit auf
Ihren bereits zweimal angekündigten1 Besuch und habe deswegen
nicht sofort auf Ihre Mitteilung geantwortet.
1. Ihre Zustimmung zu Gurrelieder in Frank-
furt
2 habe ich sofort Herrn Paul Bekker weitergegeben, ebenso
Ihre Anfrage wegen Erwartung.
2. Herrn Heinzen sende ich Ihrer Anregung
gemäss ein Exemplar der Harmonielehre.
3. An Herrn Curt Wegner nach Gmunden sende
ich ein billiges Exemplar der Harmonielehre, sobald die Buch-
druckerei diese billigen Exemplare endlich abliefert. Es ist
ein Jammer wie langsam das alles geht und welche Kraftvergeu-
dung nötig ist, um die primitivsten Dinge durchzuführen.*
4. Ihre Anfrage, was ich mit Tischer & Ja-
genberg
und Marschalk „abgemacht“ habe, ist mir nicht verständ-
lich. Eine Abmachung mit Marschalk ist von mir gar nicht ins
Auge gefasst worden, eine solche mit Dr. Tischer konnte nicht
getroffen werden, weil dieser die Abtretung der Platten und Vor-
räte an Ihre Zustimmung knüpfte, dass von den ihm von uns aus-
zubezahlenden Betrage er an Sie keine Abgabe zu leisten ge-

habt hätte. Nachdem Sie diese Zustimmung nicht geben konnten,
und auch auf dem Standpunkt stehen, dass Herr Dr. Tischer kein
Recht auf den Chor mehr besitzt, durfte ich die Angelegenheit
nicht noch dadurch komplizieren, dass ich diese „Rechte“ selbst
erworben hätte. Sie werden es begreifen, dass ich in diese An-
gelegenheit nicht noch als Dritter hineingezogen werden will.
Es ist unerlässlich, dass diese Sache vorerst zwischen Ihnen
und Dr. Tischer geklärt wird. Wenn Sie tatsächlich über Ihr Ur-
heberrecht oder Verlagsrecht wieder frei verfügen, dann stellt
sich die ganze Angelegenheit anders dar. Das gleiche wäre ja
auch bei Marschalk der Fall.
Wenn ich nicht zu Ihnen herauskommen kann, obwohl
ich das riesig gerne täte, so hat das selbstverständlich nicht
darin seine Ursache, dass meine Zeit wertvoll oder gar wert-
voller als die Ihrige wäre, sondern darin, dass ich keine habe,
oder besser gesagt über dieselbe nicht verfügen kann und
darf. Sie sind ein freier Mann, der tun und lassen kann, was
ihm beliebt. Ich bin dagegen „vogelfrei“ und von hundert Men-
schen abhängig, die wenn es ihnen beliebt, mir so viel Zeit
stehlen, als Sie brauchen, um mich mit ihren Angelegenheiten
zu beschäftigen. Sie sehen also, dass Vergleiche zwischen uns
so tief zu meinen Ungunsten ausfallen, dass es besser ist,
nicht daran zu rühren.
Ich würde mich aber doch sehr freuen, Sie noch
vor Ihrer Abreise in die Schweiz zu sehen und wäre Ihnen sehr
dankbar, wenn Sie doch einmal hereinkommen könnten.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr in Verehrung ergebener

D/Ei
Herrn
Mödling bei Wien
Verehrter Meister Schönberg!
Ich hoffte in der ganzen letzten Zeit auf Ihren bereits zweimal angekündigten1 Besuch und habe deswegen nicht sofort auf Ihre Mitteilung geantwortet.
1. Ihre Zustimmung zu Gurrelieder in Frankfurt2 habe ich sofort Herrn Paul Bekker weitergegeben, ebenso Ihre Anfrage wegen Erwartung.
2. Herrn Heinzen sende ich Ihrer Anregung gemäss ein Exemplar der Harmonielehre.
3. An Herrn Curt Wegner nach Gmunden sende ich ein billiges Exemplar der Harmonielehre, sobald die Buchdruckerei diese billigen Exemplare endlich abliefert. Es ist ein Jammer wie langsam das alles geht und welche Kraftvergeudung nötig ist, um die primitivsten Dinge durchzuführen.
4. Ihre Anfrage, was ich mit Tischer & Jagenberg und Marschalk „abgemacht“ habe, ist mir nicht verständlich. Eine Abmachung mit Marschalk ist von mir gar nicht ins Auge gefasst worden, eine solche mit Dr. Tischer konnte nicht getroffen werden, weil dieser die Abtretung der Platten und Vorräte an Ihre Zustimmung knüpfte, dass von den ihm von uns auszubezahlenden Betrage er an Sie keine Abgabe zu leisten gehabt hätte. Nachdem Sie diese Zustimmung nicht geben konnten, und auch auf dem Standpunkt stehen, dass Herr Dr. Tischer kein Recht auf den Chor mehr besitzt, durfte ich die Angelegenheit nicht noch dadurch komplizieren, dass ich diese „Rechte“ selbst erworben hätte. Sie werden es begreifen, dass ich in diese Angelegenheit nicht noch als Dritter hineingezogen werden will. Es ist unerlässlich, dass diese Sache vorerst zwischen Ihnen und Dr. Tischer geklärt wird. Wenn Sie tatsächlich über Ihr Urheberrecht oder Verlagsrecht wieder frei verfügen, dann stellt sich die ganze Angelegenheit anders dar. Das gleiche wäre ja auch bei Marschalk der Fall.
Wenn ich nicht zu Ihnen herauskommen kann, obwohl ich das riesig gerne täte, so hat das selbstverständlich nicht darin seine Ursache, dass meine Zeit wertvoll oder gar wertvoller als die Ihrige wäre, sondern darin, dass ich keine habe, oder besser gesagt über dieselbe nicht verfügen kann und darf. Sie sind ein freier Mann, der tun und lassen kann, was ihm beliebt. Ich bin dagegen „vogelfrei“ und von hundert Menschen abhängig, die wenn es ihnen beliebt, mir so viel Zeit stehlen, als Sie brauchen, um mich mit ihren Angelegenheiten zu beschäftigen. Sie sehen also, dass Vergleiche zwischen uns so tief zu meinen Ungunsten ausfallen, dass es besser ist, nicht daran zu rühren.
Ich würde mich aber doch sehr freuen, Sie noch vor Ihrer Abreise in die Schweiz zu sehen und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie doch einmal hereinkommen könnten.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr in Verehrung ergebener Emil Hertzka

20. November 1922


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 20. November 1922, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17633.

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