Schl/Be
Wien, 22. November 1946.
Mr.
Los Angeles 24,
California.
Sehr verehrter Meister!
Ich möchte Ihnen heute über zwei Aufführungen1 des Pierrot
lunaire
berichten, die wir kürzlich in Wien gehabt haben.
Die Aufführungen waren sehr gut vorbereitet, Apostel hat
mit dem Ensemble, das aus Peter Solymos (Klavier), Peter
Szervansky
(Geige), Friedrich Wildgans (Klarinette),
Ludwig Pfersmann (Flöte), Eva Czako (Cello) bestand, 30
Proben gemacht, Annemarie Hegner, die im übrigen meine
Frau ist, hat das Werk seit einem 3/4 Jahr studiert, so
dass sie es bei der Aufführung auswendig sprechen konnte.
Bei den beiden Aufführungen ergaben sich zwei Beobachtungen,
zu denen ich gerne Ihren Rat hätte. Bei der ersten Auffüh-
rung ordnete sich die Rezitation ganz in die Musik ein, so
dass sie wie eine von sechs musikalischen Stimmen wirkte.
Bei der zweiten Aufführung trat die Rezitation mehr in den
Vordergrund und konzentrierte die Aufmerksamkeit auf sich.
Bei der ersten Aufführung war durch die Unterordnung das
Wort nicht so deutlich verständlich, wie bei der zweiten.
Die Wirkung auf das Publikum bei der zweiten Aufführung war
ungleich unmittelbarer und stärker, obwohl auch die erste
Aufführung einen sehr starken Erfolg gehabt hat.
Es handelt sich nun um die grundsätzliche Frage: soll bei
der Wiedergabe die Deutlichkeit und Plastik im Vordergrund
stehen? Durch eine solche Wiedergabe wird der musikalische
Eindruck hinter dem durch das Wort vermittelten treten. Mir
hatte an sich die erste Darstellung besser gefallen, weil
bei dieser der gesamt-musikalische Eindruck stärker war.
Polnauer und Ratz, deren Urteil mir am massgebendsten ist,
haben trotzdem die zweite Aufführung vorgezogen. Sie sagen
übrigens, dass bei keiner der bisherigen Wiedergaben die
Rezitation so genau der Partitur entsprochen hatte, wie
bei den beiden jetzigen Aufführungen.
Für uns alle war es beglückend, wieder einen engen Kontakt
mit diesem Werk zu bekommen, insbesondere für meine Frau,
deren herzlichster Wunsch es wäre, dass Sie diese Aufführung
hören und letzte Korrekturen an der Wiedergabe vornehmen
könnten. Sie hat in einem Interview, das wir leider nicht
mitschicken können, geäussert, dass sie von ihrer Arbeit
erst endgültig befriedigt wäre, wenn sie Gelegenheit hätte,
das Werk in Ihrer Gegenwart aufzuführen. Uebrigens wurde sie
sofort nach den Aufführungen nach Paris, in die Schweiz und
zu einer ziemlich umfangreichen Tournee nach Italien einge-
laden, zu der zum Teil auch das Ensemble mitfahren soll.

In Lugano wird der Dirigent des dortigen Radio, Othmar Nussio
die Aufführung mit seinem Ensemble veranstalten. Vielleicht
wird es möglich sein, dass Sie die dortige Aufführung, die
durch Radio übertragen wird, hören können. Sie soll am 18.
Februar stattfinden.
Vor dem Pierrot wurde die „Verklärte Nacht“ durch das Vegh-
Quartett
gespielt, in einer Aufführung, die einfach voll-
endet war. Sie hätten damit gewiss eine ganz grosse Freude
gehabt.
Herzlichst
ergebenst
Schlee
Verbindlichste Grüsse
B. Rothe

Schl/Be
Wien, 22. November 1946.
Mr.
Los Angeles 24,
California.
Sehr verehrter Meister!
Ich möchte Ihnen heute über zwei Aufführungen1 des Pierrot lunaire berichten, die wir kürzlich in Wien gehabt haben. Die Aufführungen waren sehr gut vorbereitet, Apostel hat mit dem Ensemble, das aus Peter Solymos (Klavier), Peter Szervansky (Geige), Friedrich Wildgans (Klarinette), Ludwig Pfersmann (Flöte), Eva Czako (Cello) bestand, 30 Proben gemacht, Annemarie Hegner, die im übrigen meine Frau ist, hat das Werk seit einem 3/4 Jahr studiert, so dass sie es bei der Aufführung auswendig sprechen konnte.
Bei den beiden Aufführungen ergaben sich zwei Beobachtungen, zu denen ich gerne Ihren Rat hätte. Bei der ersten Aufführung ordnete sich die Rezitation ganz in die Musik ein, so dass sie wie eine von sechs musikalischen Stimmen wirkte.
Bei der zweiten Aufführung trat die Rezitation mehr in den Vordergrund und konzentrierte die Aufmerksamkeit auf sich. Bei der ersten Aufführung war durch die Unterordnung das Wort nicht so deutlich verständlich, wie bei der zweiten. Die Wirkung auf das Publikum bei der zweiten Aufführung war ungleich unmittelbarer und stärker, obwohl auch die erste Aufführung einen sehr starken Erfolg gehabt hat.
Es handelt sich nun um die grundsätzliche Frage: soll bei der Wiedergabe die Deutlichkeit und Plastik im Vordergrund stehen? Durch eine solche Wiedergabe wird der musikalische Eindruck hinter dem durch das Wort vermittelten treten. Mir hatte an sich die erste Darstellung besser gefallen, weil bei dieser der gesamt-musikalische Eindruck stärker war.
Polnauer und Ratz, deren Urteil mir am massgebendsten ist, haben trotzdem die zweite Aufführung vorgezogen. Sie sagen übrigens, dass bei keiner der bisherigen Wiedergaben die Rezitation so genau der Partitur entsprochen hatte, wie bei den beiden jetzigen Aufführungen.
Für uns alle war es beglückend, wieder einen engen Kontakt mit diesem Werk zu bekommen, insbesondere für meine Frau, deren herzlichster Wunsch es wäre, dass Sie diese Aufführung hören und letzte Korrekturen an der Wiedergabe vornehmen könnten. Sie hat in einem Interview, das wir leider nicht mitschicken können, geäussert, dass sie von ihrer Arbeit erst endgültig befriedigt wäre, wenn sie Gelegenheit hätte, das Werk in Ihrer Gegenwart aufzuführen. Uebrigens wurde sie sofort nach den Aufführungen nach Paris, in die Schweiz und zu einer ziemlich umfangreichen Tournee nach Italien eingeladen, zu der zum Teil auch das Ensemble mitfahren soll.
In Lugano wird der Dirigent des dortigen Radio, Othmar Nussio die Aufführung mit seinem Ensemble veranstalten. Vielleicht wird es möglich sein, dass Sie die dortige Aufführung, die durch Radio übertragen wird, hören können. Sie soll am 18. Februar stattfinden.
Vor dem Pierrot wurde die „Verklärte Nacht“ durch das Vegh-Quartett gespielt, in einer Aufführung, die einfach vollendet war. Sie hätten damit gewiss eine ganz grosse Freude gehabt.
Herzlichst ergebenst Schlee
Verbindlichste Grüsse
B. Rothe

22. November 1946


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 22. November 1946, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17732.

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