UE, Wien I. Karlsplatz 6
11.VII.1933
Lieb[r]er Herr Doktor Kalmus,
vor Allem möchte ich Sie bitten dafür zu sorgen,
dass man in der UE Folgendes zur Kenntnis nimmt:
1. Ich habe meine Berliner Wohnung aufgegeben1.
2. Vorläufig habe ich noch keine andere Wohnung
und somit auch keine fixe Adresse
3. Ich werde alle Bekannte ersuchen, falls sie nicht
genau wissen, wo ich bin, an die UE zu adressieren.
Und nun, um was ich die UE bitte:
4. Bitte seien Sie nun so freundlich, mir alles, was
bei Ihnen für mich eintrifft, nachzusenden.
5. Ich werde Ihnen immer rechtzeitig meine neue Adresse
angeben.
6. Bitte, kleben Sie wo es nötig ist (zu Lasten mei-
nes Kontos) die fehlende Portoergänzung auf.
7. Bitte öffnen Sie Telegramme und, wenn Sie sie
für wichtig halten, so bitte telegrafieren Sie
mir Sie auf meine Kosten nach. (Minderdringende,
zB Geburtstags oder sonstige Glückwünsche briefl.)
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir diese
Gefälligkeit erweisen wollten und bin eventuell auch ger-
ne bereit, derjenigen Ihrer Beamtinnen, die das besorgt,
eine gelegentliche kleine Entschädigung zu bezahlen.
Nun eine andere Sache:
Es wird immer schwerer sein Geld aus Deutschland
zu bekommen. Ich habe aber bei Ihnen nicht nur noch ein
kleines Guthaben aus der letzten Abrechnung; sondern, da
ich darauf zähle, dass in der diesmaligen Abrechnung schon
deshalb ein weit grösserer Saldo resultieren muss, weil
ja die Materialgebühren, die voriges Mal gefehlt haben, nun
auftreten werden, auch in dieser ein (prinzipiell schon
fälliges) Guthaben.
Es wäre mir nun sehr lieb, wenn Sie mir diese
meine Guthaben so bald als möglich zukommen lassen
könnten, da ich gerade augenblicklich den Transport meiner
Möbel, die ja in Berlin nicht länger verbleiben konnten,
bezahlen muss.
Nun muss ich mich noch entschuldigen, dass ich
Ihre Fragen wegen Amerika nicht beantwortet habe: es hat
hier bis jetzt, infolge der fieberhaften Tätigkeit der
hiesigen Emigranten, die jeder für sich eine Existenzmöglic[h-]
keit suchen, für mich alle Tage Verhandlungen gegeben, de-
nen man sich schon aus Mitgefühl (ohne doch helfen zu kön-

nen, nicht entziehen darf. Ausserdem beschäftigt mich
das Schicksal der noch in Deutschland lebenden Juden
unausgesetzt und ich werde wohl demnächst selbst eine
sehr grosse Aktion2 in die Wege leiten – hoffentlich;
die ersten Schritte hiezu sind bereits getan.
Aber – nämlich weiter wegen Amerika – es hat Ihnen
wohl inzwischen Stein mitgeteilt, was ich darüber geschrie-
ben
habe. Ich sollte noch als meine Forderung folgendes
hinzufügen:
Augenblicklich ist mein Vertrag mit Deutschland
noch nicht gelöst
3. Ob und in welcher Form und wann es
geschehen wird, ist fraglich. Wenn ich eine andere Stel-
lung annehme, könnte ich vielleicht von Deutschland
die Gehaltszahlung4 nicht mehr verlangen, da ich ja dann
nicht mehr „zur Verfügung“ stehe! So müsste also auf al-
le Fälle ausser dem Honorar eine Entschädigung für die-
se Gage gesich[s]ert sein und es dürfte weiters nicht ver-
gessen werden, dass meine Stellung eine Ehrenstellung
war, dass ich nur soviel Arbeit zu leisten brauchte, als ich
selbst (freiwillig) Lust hatte!!
Haben Sie denn noch etwas weiteres davon gehört[?]
Ich will Ihnen sagen, dass sich überall Interesse für mich
zeigt und alle Welt der Meinung ist, Amerika werde sich
die Gelegenheit, mich zu kriegen, nicht entgehen lassen.
Das scheint aber doch nicht so schnell zu gehn, wie ich
es gerne hätte.
Bitte antworten Sie mir recht bald und
seien
Sie, sowie alle meine Freunde bei der UE aufs herzlichste
gegrüsst. Ihr
UE, Wien I. Karlsplatz 6
11.VII.1933
Lieber Herr Doktor Kalmus,
vor Allem möchte ich Sie bitten dafür zu sorgen, dass man in der UE Folgendes zur Kenntnis nimmt:
1. Ich habe meine Berliner Wohnung aufgegeben1.
2. Vorläufig habe ich noch keine andere Wohnung und somit auch keine fixe Adresse
3. Ich werde alle Bekannte ersuchen, falls sie nicht genau wissen, wo ich bin, an die UE zu adressieren.
Und nun, um was ich die UE bitte:
4. Bitte seien Sie nun so freundlich, mir alles, was bei Ihnen für mich eintrifft, nachzusenden.
5. Ich werde Ihnen immer rechtzeitig meine neue Adresse angeben.
6. Bitte, kleben Sie wo es nötig ist (zu Lasten meines Kontos) die fehlende Portoergänzung auf.
7. Bitte öffnen Sie Telegramme und, wenn Sie sie für wichtig halten, so bitte telegrafieren Sie mir Sie auf meine Kosten nach. (Minderdringende, zB Geburtstags oder sonstige Glückwünsche briefl.)
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir diese Gefälligkeit erweisen wollten und bin eventuell auch gerne bereit, derjenigen Ihrer Beamtinnen, die das besorgt, eine gelegentliche kleine Entschädigung zu bezahlen.
Nun eine andere Sache:
Es wird immer schwerer sein Geld aus Deutschland zu bekommen. Ich habe aber bei Ihnen nicht nur noch ein kleines Guthaben aus der letzten Abrechnung; sondern, da ich darauf zähle, dass in der diesmaligen Abrechnung schon deshalb ein weit grösserer Saldo resultieren muss, weil ja die Materialgebühren, die voriges Mal gefehlt haben, nun auftreten werden, auch in dieser ein (prinzipiell schon fälliges) Guthaben.
Es wäre mir nun sehr lieb, wenn Sie mir diese meine Guthaben so bald als möglich zukommen lassen könnten, da ich gerade augenblicklich den Transport meiner Möbel, die ja in Berlin nicht länger verbleiben konnten, bezahlen muss.
Nun muss ich mich noch entschuldigen, dass ich Ihre Fragen wegen Amerika nicht beantwortet habe: es hat hier bis jetzt, infolge der fieberhaften Tätigkeit der hiesigen Emigranten, die jeder für sich eine Existenzmöglich keit suchen, für mich alle Tage Verhandlungen gegeben, denen man sich schon aus Mitgefühl (ohne doch helfen zu können, nicht entziehen darf. Ausserdem beschäftigt mich das Schicksal der noch in Deutschland lebenden Juden unausgesetzt und ich werde wohl demnächst selbst eine sehr grosse Aktion2 in die Wege leiten – hoffentlich; die ersten Schritte hiezu sind bereits getan.
Aber – nämlich weiter wegen Amerika – es hat Ihnen wohl inzwischen Stein mitgeteilt, was ich darüber geschrieben habe. Ich sollte noch als meine Forderung folgendes hinzufügen:
Augenblicklich ist mein Vertrag mit Deutschland noch nicht gelöst3. Ob und in welcher Form und wann es geschehen wird, ist fraglich. Wenn ich eine andere Stellung annehme, könnte ich vielleicht von Deutschland die Gehaltszahlung4 nicht mehr verlangen, da ich ja dann nicht mehr „zur Verfügung“ stehe! So müsste also auf alle Fälle ausser dem Honorar eine Entschädigung für diese Gage gesichert sein und es dürfte weiters nicht vergessen werden, dass meine Stellung eine Ehrenstellung war, dass ich nur soviel Arbeit zu leisten brauchte, als ich selbst (freiwillig) Lust hatte!!
Haben Sie denn noch etwas weiteres davon gehört? Ich will Ihnen sagen, dass sich überall Interesse für mich zeigt und alle Welt der Meinung ist, Amerika werde sich die Gelegenheit, mich zu kriegen, nicht entgehen lassen. Das scheint aber doch nicht so schnell zu gehn, wie ich es gerne hätte.
Bitte antworten Sie mir recht bald und
seien
Sie, sowie alle meine Freunde bei der UE aufs herzlichste
gegrüsst. Ihr
Arnold Schönberg

11. Juli 1933


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 11. Juli 1933, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.2377.

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