Arnold Schönberg an Universal-Edition
zwischen 26. September und 13. Oktober 1913
Lieber Herr Direktor, Sie fragen nach den künstlerischen Be-
dingungen für die kinematografische Wiedergabe meiner „glücklichen
Hand“. Ich kann Ihnen zunächst wenig Details sagen, die werden sich erst
aus der Materialbearbeitung ergeben. Aber Allgemeines, u. zw.
dingungen für die kinematografische Wiedergabe meiner „glücklichen
Hand“. Ich kann Ihnen zunächst wenig Details sagen, die werden sich erst
aus der Materialbearbeitung ergeben. Aber Allgemeines, u. zw.
I. An der Musik wird nichts geändert!
II. Wenn ich an der Dichtung Verbesserungen für notwendig
finde, werde ich allein sie machen und kein Mensch darf
das Recht haben, sie von mir zu verlangen.
finde, werde ich allein sie machen und kein Mensch darf
das Recht haben, sie von mir zu verlangen.
III. Soviel Proben, als ich für nötig finde! Das lässt
sich nicht vorherbestimmen, sondern es muss solange pro-
biert werden, bis es so geht wie der „Pierrot lunaire“
sich nicht vorherbestimmen, sondern es muss solange pro-
biert werden, bis es so geht wie der „Pierrot lunaire“
IV. Aufführungen dürfen nur in einer von mir
zugelassenen Besetzung erfolgen, womöglich nur in der
Originalbesetzung. Aber ich bin bereit eventuell mehrere
Besetzungen selbst zu studieren, respektive sie von meinen
Freunden unter meiner Leitung studieren zu lassen.
zugelassenen Besetzung erfolgen, womöglich nur in der
Originalbesetzung. Aber ich bin bereit eventuell mehrere
Besetzungen selbst zu studieren, respektive sie von meinen
Freunden unter meiner Leitung studieren zu lassen.
V. Die Aufführungen dürfen nur mit einem von mir
oder meinen Vertrauensmännern studierten und geleiteten
Orchestern (in vollständiger Besetzung) oder (wenn diese mecha-
nischen Orgeln das halten, was ich von ihnen erhoffe) mit Orgel
(z. B. Aeolian Orgel1) stattfinden. Und zwar soll in den großen
Städten immer Orchester sein. Wann und unter welchen Bedin-
gungen Orgel sein soll, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Denn das hängt
doch zu sehr davon ab, wie diese Orgel ist. Wenn sie mich be-
friedigt, werde ich keine Schwierigkeiten machen. Im Gegenteil:
ich verspreche mir von diesen Instrumenten mit ihren herrlichen
Bässen und den unzähligen genau fixierten Klangfarben das
Großartigste.
oder meinen Vertrauensmännern studierten und geleiteten
Orchestern (in vollständiger Besetzung) oder (wenn diese mecha-
nischen Orgeln das halten, was ich von ihnen erhoffe) mit Orgel
(z. B. Aeolian Orgel1) stattfinden. Und zwar soll in den großen
Städten immer Orchester sein. Wann und unter welchen Bedin-
gungen Orgel sein soll, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Denn das hängt
doch zu sehr davon ab, wie diese Orgel ist. Wenn sie mich be-
friedigt, werde ich keine Schwierigkeiten machen. Im Gegenteil:
ich verspreche mir von diesen Instrumenten mit ihren herrlichen
Bässen und den unzähligen genau fixierten Klangfarben das
Großartigste.
VI. Ueber die Dekorative Ausstattung habe ich mir
folgendes gedacht:
folgendes gedacht:
Die schon der Dichtung zugrundeliegende Unwirklich-
keit der Vorgänge, dürfte bei der Verfilmung (pfui
keit der Vorgänge, dürfte bei der Verfilmung (pfui
Teufel) noch besser herauszubekommen sein. Das is
für mich einer jener Umstände, die mich am meisten dazu
bestimmen. Wenn z. Bsp. am Film der Becher plötzlich nicht
da ist, so als ob er nie dagewesen wäre, so als ob man ihn
bloß vergessen hätte, so ist das noch ganz anders, als auf der
Bühne, wo man ihn irgendwie künstlich wegschaffen
muss. Und so giebt es 1000 Dinge, die hier einfach zu lösen
sind, während die Bühne bloß notdürftige Behelfe hat.
für mich einer jener Umstände, die mich am meisten dazu
bestimmen. Wenn z. Bsp. am Film der Becher plötzlich nicht
da ist, so als ob er nie dagewesen wäre, so als ob man ihn
bloß vergessen hätte, so ist das noch ganz anders, als auf der
Bühne, wo man ihn irgendwie künstlich wegschaffen
muss. Und so giebt es 1000 Dinge, die hier einfach zu lösen
sind, während die Bühne bloß notdürftige Behelfe hat.
Mein wichtigster Wunsch ist also hier, das Gegenteil
von dem, was das Kino sonst anstrebt. Ich will:
von dem, was das Kino sonst anstrebt. Ich will:
Höchste Unwirklichkeit!
Das ganze soll (nicht wie ein Traum) sondern wie
Akkorde wirken. Wie Musik. Es darf nie als
Symbol, oder als Sinn, als Gedanke, sondern bloß als
Spiel mit den Erscheinungen von Farben und Formen
wirken. Sowie Musik sich nie einen Sinn mit sich
herumschleppt, wenigstens nicht in ihrer Erscheinungs-
form, obwohl sie ihn ihrem Wesen nach hat, so soll
das bloß fürs Auge klingen und jeder soll meinet-
wegen ähnliches dabei denken oder empfinden, wie
bei Musik.
Akkorde wirken. Wie Musik. Es darf nie als
Symbol, oder als Sinn, als Gedanke, sondern bloß als
Spiel mit den Erscheinungen von Farben und Formen
wirken. Sowie Musik sich nie einen Sinn mit sich
herumschleppt, wenigstens nicht in ihrer Erscheinungs-
form, obwohl sie ihn ihrem Wesen nach hat, so soll
das bloß fürs Auge klingen und jeder soll meinet-
wegen ähnliches dabei denken oder empfinden, wie
bei Musik.
Ich denke mir also folgendes.
Ein Maler (etwa I. Kokoschka oder II
Kan-
dinsky oder III. Roller) entwirft alle Haupt-
scenen. Danach werden die Bilder dann gestellt
und das Spiel einstudiert. Wenn dann die Scenen
alle genau nach dem Tempo der Musik fertig sind,
wird es aufgenommen und der Film soll dann
nach den Angaben meiner Dichtung von dem
Maler koloriert werden (eventuell bloß unter
seiner Leitung). Nun glaube ich aber, dass für
das Farbenspiel und für andere Stellen wo
sehr starke Farbenwirkungen erfordert werden,
das bloße Kolorieren nicht genügen [wird]. An solchen
Stellen müssten außerdem von farbigen Reflektoren
dinsky oder III. Roller) entwirft alle Haupt-
scenen. Danach werden die Bilder dann gestellt
und das Spiel einstudiert. Wenn dann die Scenen
alle genau nach dem Tempo der Musik fertig sind,
wird es aufgenommen und der Film soll dann
nach den Angaben meiner Dichtung von dem
Maler koloriert werden (eventuell bloß unter
seiner Leitung). Nun glaube ich aber, dass für
das Farbenspiel und für andere Stellen wo
sehr starke Farbenwirkungen erfordert werden,
das bloße Kolorieren nicht genügen [wird]. An solchen
Stellen müssten außerdem von farbigen Reflektoren
Licht auf die Scene
geworfen werden.
Eine Frage scheint mir auch noch die Anfangs
und Schlussscene, die „fast vollständig
dunkel“ sein soll. Ob das der Kinomatograf
kann weiß ich nicht, da es ja kein „dunkles
Licht“ giebt. Aber dafür wird es wohl Lösungen
geben. Eventuell könnten diese [...]
[...]
und Schlussscene, die „fast vollständig
dunkel“ sein soll. Ob das der Kinomatograf
kann weiß ich nicht, da es ja kein „dunkles
Licht“ giebt. Aber dafür wird es wohl Lösungen
geben. Eventuell könnten diese [...]
[...]
Was die Musik betrifft:
Die 6 Männer und die 6 Frauen
müssten
natürlich wirklich da sein, ebenso wie der
Mann. Ich meine: die müssen wirklich
singen und sprechen. Natürlich hinter der
Bühne oder im Orchester, bei der Orgel oder
sonst wo. Das findet sich.
natürlich wirklich da sein, ebenso wie der
Mann. Ich meine: die müssen wirklich
singen und sprechen. Natürlich hinter der
Bühne oder im Orchester, bei der Orgel oder
sonst wo. Das findet sich.
Das müssten natürlich hervorragend gute
Kräfte sein. Aber das macht ja verhältnismäßig
wenig Kosten. Ich meine z Bsp. von den 6 Männern
ist einer (der I.) ein guter Solist, die übrigen gute Choristen
ebenso die Frauen!
Kräfte sein. Aber das macht ja verhältnismäßig
wenig Kosten. Ich meine z Bsp. von den 6 Männern
ist einer (der I.) ein guter Solist, die übrigen gute Choristen
ebenso die Frauen!
Den Mann kann für die Aufnahme jemand
[einer] spielen, der nicht zu singen braucht. Es soll
also ein hervorragender Schauspieler genommen
werden.
[einer] spielen, der nicht zu singen braucht. Es soll
also ein hervorragender Schauspieler genommen
werden.
Sonst weiß ich einstweilen noch
nichts Näheres. Alles übrige wird beim
Probieren klar werden.
nichts Näheres. Alles übrige wird beim
Probieren klar werden.
Was sehr Wichtiges: Trachten Sie eine Berliner
Gesellschaft zu interessieren. Schon damit ich alle
Proben selbst machen kann.
Gesellschaft zu interessieren. Schon damit ich alle
Proben selbst machen kann.
Herzl Grüße
Schönberg
Hoffentlich höre ich bald etwas
Aeolian Orgel
Im Gebäude des Choralionsaals
in Berlin, Uraufführungsort von
Pierrot lunaire op. 21, befand sich
der deutsche Firmensitz der Choralion Company, Vertriebspartner der
Aeolian Organ & Music Company. Diese stellte u. a. mechanische
Orgeln her. Der Choralionsaal war mit einer Aeolian-Pfeifenorgel
ausgestattet (43 klingende Stimmen, 109 Register, Echowerk) (Busoni-Wolzogen 1910;
ASCI
PH8751).
Lieber Herr Direktor, Sie fragen nach den künstlerischen Bedingungen für die kinematografische Wiedergabe meiner „glücklichen Hand“. Ich kann Ihnen zunächst
wenig Details sagen, die werden sich erst
aus der Materialbearbeitung ergeben. Aber Allgemeines, u. zw.
I. An der Musik wird nichts geändert!
II. Wenn ich an der Dichtung Verbesserungen für notwendig finde, werde ich allein
sie machen und kein Mensch darf das Recht haben, sie von mir zu
verlangen.
III. Soviel Proben, als ich für nötig finde! Das lässt sich nicht
vorherbestimmen, sondern es muss solange probiert werden, bis es so geht wie der „Pierrot
lunaire“
IV. Aufführungen dürfen nur in einer von mir zugelassenen Besetzung
erfolgen, womöglich nur in der Originalbesetzung. Aber ich bin bereit
eventuell mehrere Besetzungen selbst zu studieren, respektive sie von
meinen Freunden unter meiner Leitung studieren zu lassen.
V. Die Aufführungen dürfen nur mit einem von mir oder meinen
Vertrauensmännern studierten und geleiteten Orchestern (in vollständiger
Besetzung) oder (wenn diese mechanischen Orgeln das halten, was ich von ihnen erhoffe) mit Orgel
(z. B. Aeolian Orgel1) stattfinden. Und zwar soll in den großen Städten immer Orchester
sein. Wann und unter welchen Bedingungen Orgel sein soll, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Denn
das hängt doch zu sehr davon ab, wie diese Orgel ist. Wenn sie mich befriedigt, werde ich keine Schwierigkeiten machen. Im Gegenteil:
ich verspreche mir von diesen Instrumenten mit ihren herrlichen Bässen
und den unzähligen genau fixierten Klangfarben das Großartigste.
VI. Ueber die Dekorative Ausstattung habe ich mir folgendes gedacht:
Die schon der Dichtung zugrundeliegende Unwirklichkeit der Vorgänge, dürfte bei der Verfilmung (pfui Teufel) noch besser herauszubekommen sein. Das is für
mich einer jener Umstände, die mich am meisten dazu bestimmen. Wenn z. Bsp.
am Film der Becher plötzlich nicht da ist, so als ob er nie dagewesen wäre,
so als ob man ihn bloß vergessen hätte, so ist das noch ganz anders, als
auf der Bühne, wo man ihn irgendwie künstlich wegschaffen muss. Und so
giebt es 1000 Dinge, die hier einfach zu lösen sind, während die Bühne bloß
notdürftige Behelfe hat.
Mein wichtigster Wunsch ist also hier, das Gegenteil von dem, was das Kino
sonst anstrebt. Ich will:
Höchste Unwirklichkeit!
Das ganze soll (nicht wie ein Traum) sondern wie Akkorde wirken. Wie Musik.
Es darf nie als Symbol, oder als Sinn, als Gedanke, sondern bloß als
Spiel mit den Erscheinungen von Farben und Formen wirken. Sowie Musik
nie einen Sinn mit sich herumschleppt,
wenigstens nicht in ihrer Erscheinungsform, obwohl sie ihn ihrem Wesen nach
hat, so soll das bloß fürs Auge klingen und jeder soll meinetwegen ähnliches dabei denken oder empfinden, wie bei
Musik.
Ich denke mir also folgendes.
Ein Maler (etwa I. Kokoschka oder II
Kandinsky oder III. Roller) entwirft alle Hauptscenen. Danach werden die Bilder dann gestellt und das
Spiel einstudiert. Wenn dann die Scenen alle genau nach dem Tempo der Musik
fertig sind, wird es aufgenommen und der Film soll dann nach den
Angaben meiner Dichtung von dem Maler koloriert werden (eventuell bloß
unter seiner Leitung). Nun glaube ich aber, dass für das Farbenspiel und für andere Stellen wo sehr starke
Farbenwirkungen erfordert werden, das bloße Kolorieren nicht genügen
wird. An solchen Stellen müssten
außerdem von farbigen Reflektoren Licht auf die Scene
geworfen werden.
Eine Frage scheint mir auch noch die Anfangs und Schlussscene, die „fast vollständig dunkel“ sein soll. Ob das der
Kinomatograf kann weiß ich nicht, da es ja kein „dunkles Licht“ giebt.
Aber dafür wird es wohl Lösungen geben.
Was die Musik betrifft:
Die 6 Männer und die 6 Frauen
müssten natürlich wirklich da sein, ebenso wie der Mann. Ich meine:
die müssen wirklich singen und sprechen. Natürlich hinter der Bühne
oder im Orchester, bei der Orgel oder sonst wo. Das findet sich.
Das müssten natürlich hervorragend gute Kräfte sein. Aber das macht ja verhältnismäßig
wenig Kosten. Ich meine z Bsp. von den 6 Männern ist einer (der I.) ein guter Solist, die übrigen gute Choristen ebenso die Frauen!
Den Mann kann für die Aufnahme jemand
spielen, der nicht zu singen braucht. Es soll also ein
hervorragender Schauspieler genommen werden.
Sonst weiß ich einstweilen noch nichts Näheres. Alles übrige wird beim
Probieren klar werden.
Was sehr Wichtiges: Trachten Sie eine Berliner
Gesellschaft zu interessieren. Schon damit ich alle Proben selbst
machen kann.
Herzl Grüße
Schönberg
Hoffentlich höre ich bald etwas
Aeolian Orgel
Im Gebäude des Choralionsaals
in Berlin, Uraufführungsort von
Pierrot lunaire op. 21, befand sich
der deutsche Firmensitz der Choralion Company, Vertriebspartner der
Aeolian Organ & Music Company. Diese stellte u. a. mechanische
Orgeln her. Der Choralionsaal war mit einer Aeolian-Pfeifenorgel
ausgestattet (43 klingende Stimmen, 109 Register, Echowerk) (Busoni-Wolzogen 1910;
ASCI
PH8751).
zwischen 26. September 1913 und 13. Oktober 1913 (unsicher)
Datierung laut
ASGA B 6/3
, S. 271
Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection
Wien
Archiv
Universal Edition Collection
Brief, Kopie
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Universal-Edition, zwischen 26. September und 13. Oktober 1913, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.28.