27/XII. 1913
Lieber Herr Direktor, Ich danke Ihnen vielmals für den gesandten Vor-
schuss von 500 Mark. Ich war sehr glücklich, als das Geld am 23. kam, denn
vorher war ich schon ganz verzweifelt. Es ist ja so traurig für mich, dass
soviele Menschen an mein Schicksal gebunden sind und von meinem
Einkommen abhängen. Vom Einkommen eines Menschen, dem die Art seiner
Anlagen Concessionen und Geldverdienen unmöglich macht. So etwas macht
sich zu Weihnachten doppelt fühlbar, wenn die, die unschuldig an mich
gebunden sind, Gefahr laufen um eine Freude zu kommen, die im kleinsten
Haus vorkommt. Das ist also glücklich vorüber.
Nun droht mir aber auch eine große Gefahr: am 1. Jänner habe ich
für mich und meine Mutter Zins zu zahlen (Nachher wirds wieder weiter-
gehen, denn da kommen wieder etwas Stundengelder und Dirigier-
honorare) Aber wie ich darüber wegkomme, weiß ich noch nicht. Und
deshalb bitte ich Sie nochmals, ob Sie mir nicht doch noch den Rest auf
1000 Mark geben und so anweisen können, dass ich ihn vor dem
1. Jänner habe. Schließlich gehen ja jetzt auf mein Conto jährlich schon
cirka 600–800 Mark ein, da ist ja das Risiko nicht so sehr
groß. Ich bin auch zu einer Regulierung meiner Verträge bereit,
wenn die dadurch nicht für mich ungünstiger werden.
Ich bin Ihnen lieber Herr Direktor für Ihre Hilfe sehr dankbar
und habe mir fest vorgenommen, Ihnen das nicht mehr zu ver-
gessen, auch wenn ich noch so sehr verstimmt sein sollte. Ich
beginne einzusehen, dass solche Plänkeleien, wie die unsrigen
in einem derartigen geschäftlichen Verhältnisse unvermeidlich
sind und habe mir vorgenommen, mich ganz an Ihre guten
Menschlichen Eigenschaften zu halten, wenn ich aus geschäftlichen
Gründen verstimmt sein muss.
Hoffentlich können Sie das nun noch machen.
Sehr danke ich für das angekündigte Mahler-Buch, das
aber noch nicht eingetroffen ist.
Meinen Brief über Pierrot haben Sie wohl inzwischen
erhatten.

Ich möchte Sie bitten, meine letzterschienenen Werke
wieder ein bischen in Musikzeitungen anzukündigen. Ich
habe seit der Harmonielehre keine derartigen Ankündigungen
gesehen.
Ich glaube die Kammersymph., die Gurrlieder, und die Orchesterlieder Partituren und die
neuen Clavierstücke würden besser abgesetzt werden, wenn
man überall vom Erscheinen wüsste.
Könnten Sie das nicht veranlassen?
Wäre es nicht gut, wenn Sie einen Specialkata-
log meiner Werke machten und den einigen Musikzeitungen
beilegten. Es könnten außer den schon erschienenen, auch
die „demnächst erscheinenden“ drin sein, also
(hoffentlich) alle.
Mir ist die Verschiebung der Münchener-Aufführung1
gar nicht unangenehm: Ich glaube, diese Aufführung hätte
mehr geschadet, als genützt, denn die dortige Kritik ist
sehr gegen mich (Louis!!)2 Nach der Leipziger3 wird sie
dann nicht mehr schaden können; denn ich habe das Gefühl,
dass die ein sehr großer Erfolg wird. Größer, als der
Wiener
4! Es sind alle Anzeichen dafür da! Vor Allem:
Die Begeisterung des Orchesters!! Dann aber auch die
Propaganda mancher Leipziger Musiker! Es scheint
kolossal viel davon gesprochen zu werden.
Im Jänner soll Nikisch die Kammersymphonie machen5!
Ich bin neugierig. Das würde sehr nützen, da Nikisch’ Programme
für viele Dirigenten vorbildlich sind.
Hoffentlich bekomme ich bald Antwort.
Viele herzliche
Grüße Ihr
Arnold Schönberg
27/XII. 1913
Lieber Herr Direktor, Ich danke Ihnen vielmals für den gesandten Vorschuss von 500 Mark. Ich war sehr glücklich, als das Geld am 23. kam, denn vorher war ich schon ganz verzweifelt. Es ist ja so traurig für mich, dass soviele Menschen an mein Schicksal gebunden sind und von meinem Einkommen abhängen. Vom Einkommen eines Menschen, dem die Art seiner Anlagen Concessionen und Geldverdienen unmöglich macht. So etwas macht sich zu Weihnachten doppelt fühlbar, wenn die, die unschuldig an mich gebunden sind, Gefahr laufen um eine Freude zu kommen, die im kleinsten Haus vorkommt. Das ist also glücklich vorüber.
Nun droht mir aber auch eine große Gefahr: am 1. Jänner habe ich für mich und meine Mutter Zins zu zahlen (Nachher wirds wieder weitergehen, denn da kommen wieder etwas Stundengelder und Dirigierhonorare) Aber wie ich darüber wegkomme, weiß ich noch nicht. Und deshalb bitte ich Sie nochmals, ob Sie mir nicht doch noch den Rest auf 1000 Mark geben und so anweisen können, dass ich ihn vor dem 1. Jänner habe. Schließlich gehen ja jetzt auf mein Conto jährlich schon cirka 600–800 Mark ein, da ist ja das Risiko nicht so sehr groß. Ich bin auch zu einer Regulierung meiner Verträge bereit, wenn die dadurch nicht für mich ungünstiger werden.
Ich bin Ihnen lieber Herr Direktor für Ihre Hilfe sehr dankbar und habe mir fest vorgenommen, Ihnen das nicht mehr zu vergessen, auch wenn ich noch so sehr verstimmt sein sollte. Ich beginne einzusehen, dass solche Plänkeleien, wie die unsrigen in einem derartigen geschäftlichen Verhältnisse unvermeidlich sind und habe mir vorgenommen, mich ganz an Ihre guten Menschlichen Eigenschaften zu halten, wenn ich aus geschäftlichen Gründen verstimmt sein muss.
Hoffentlich können Sie das nun noch machen.
Sehr danke ich für das angekündigte Mahler-Buch, das aber noch nicht eingetroffen ist.
Meinen Brief über Pierrot haben Sie wohl inzwischen erhatten.
Ich möchte Sie bitten, meine letzterschienenen Werke wieder ein bischen in Musikzeitungen anzukündigen. Ich habe seit der Harmonielehre keine derartigen Ankündigungen gesehen.
Ich glaube die Kammersymph., die Gurrlieder, und die Orchesterlieder Partituren und die neuen Clavierstücke würden besser abgesetzt werden, wenn man überall vom Erscheinen wüsste.
Könnten Sie das nicht veranlassen?
Wäre es nicht gut, wenn Sie einen Specialkatalog meiner Werke machten und den einigen Musikzeitungen beilegten. Es könnten außer den schon erschienenen, auch die „demnächst erscheinenden“ drin sein, also (hoffentlich) alle.
Mir ist die Verschiebung der Münchener-Aufführung1 gar nicht unangenehm: Ich glaube, diese Aufführung hätte mehr geschadet, als genützt, denn die dortige Kritik ist sehr gegen mich (Louis!!)2 Nach der Leipziger3 wird sie dann nicht mehr schaden können; denn ich habe das Gefühl, dass die ein sehr großer Erfolg wird. Größer, als der Wiener4! Es sind alle Anzeichen dafür da! Vor Allem: Die Begeisterung des Orchesters!! Dann aber auch die Propaganda mancher Leipziger Musiker! Es scheint kolossal viel davon gesprochen zu werden.
Im Jänner soll Nikisch die Kammersymphonie machen5! Ich bin neugierig. Das würde sehr nützen, da Nikisch’ Programme für viele Dirigenten vorbildlich sind.
Hoffentlich bekomme ich bald Antwort.
Viele herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg

27. Dezember 1913


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief, Kopie

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 27. Dezember 1913, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.366.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen