11. Dezember 1948
Herrn Alfred Schlee, Verwalter
Musikvereinsgebäude
Wien, Vienna/Austria
Lieber Herr Schlee:
Vor einigen Tagen rief mich aus San Francisco
Herr Winter, Ihr ehemaliger Oberverrechnungsrat an. Er
teilte mir mit, dass man ihn wegen des Todes von Frau
yella Herzka in der Universal Edition braucht und
fragte mich, ob er etwas für mich dort machen könne.
Selbst wenn mich meine Geistesgegenwart vollkommen im Stich
gelassen hätte, würde ich Herrn Winter nicht als
meinen Boten gewählt haben. Und so kann ich Ihnen mit-
teilen, dass Herr Winter nicht in meinem Namen zu
sprechen berechtigt ist. Ich habe ihm keine wie immer
gearteten Aufträge, Vollmachten oder Botschaften
über-
geben. Wenn irgendeine mich betreffende Frage aufkommen
sollte, so müssen Sie daher sich direkt an mich wenden.
Ich hoffe das ist klar!
Ich habe mit Vergnügen von den vielen Konzerttourneen1
gelese[n], über die Sie mir berichten [.] Rufer ist ja sicht-
lich von diesen Aufführungen nicht begeistert. Aber ich
kann das ja aus der Ferne nicht beurteilen. Wäre es nicht
möglich mir eine Drat- oder Band-Rekordierung zu
schicken? Dann könnte ich wohl urteilen.
Sie wissen wohl, dass ich das Stück immer selbst dirigiert
habe. Einmal hat mir auch Rudolf Kolisch vorgeschlagen,
es ohne Dirigenten zu machen. Aber in dem Fall diri-
giert dann irgendwie einer der Musiker und das ist ja
doch kaum besser als ein wirklicher und unparteiischer
Dirigent, der sich bemüht die richtigen Tempi und ihre Modi-
fikationen anzugeben und die Verbindung mit der gesprochenen
also nicht in Tönen mitteilbaren Partie klaglos herzustellen[.]
Deshalb habe ich auch Kolischs Vorschlag abgelehnt.
Ich würde gerne erfahren, wie es meinen Freunden: Erwin
Ratz
, Dr. Polnauer, Apostel und anderen geht. Sind Sie
in Kontakt mit diesen? Arbeitet einer von Ihnen
noch in der UE?
Ich habe Frau Herzka ja kaum gekannt, meine Trauer
über Ihren Tod ist daher nur formell. Wie alt war sie[,]?
Es verlassen mich ja jetzt schon so viele meiner
Altersklasse, dass ich gar nicht weiss, wer noch da ist.
So z. B. bin ich sehr besorgt um zwei nahestehende in
England befindliche Freunde; Hans Nachod (der Tenor, der
die Uraufführung2 und soviele andere Aufführungen der
Gurrelieder gesungen hat) und Dr. Oskar Adler, nebst Dr.
Bach und Zemlinsky einer meiner ältesten Freunde.
Haben Sie jemand in England der darüber Auskunft geben kann?
Nun Schluss für heute. Geben Sie meine besten Grüsse Frl.
Rothe.
11. Dezember 1948
Herrn Alfred Schlee, Verwalter
Musikvereinsgebäude
Wien, Vienna/Austria
Lieber Herr Schlee:
Vor einigen Tagen rief mich aus San Francisco Herr Winter, Ihr ehemaliger Oberverrechnungsrat an. Er teilte mir mit, dass man ihn wegen des Todes von Frau yella Herzka in der Universal Edition braucht und fragte mich, ob er etwas für mich dort machen könne.
Selbst wenn mich meine Geistesgegenwart vollkommen im Stich gelassen hätte, würde ich Herrn Winter nicht als meinen Boten gewählt haben. Und so kann ich Ihnen mitteilen, dass Herr Winter nicht in meinem Namen zu sprechen berechtigt ist. Ich habe ihm keine wie immer gearteten Aufträge, Vollmachten oder Botschaften übergeben. Wenn irgendeine mich betreffende Frage aufkommen sollte, so müssen Sie daher sich direkt an mich wenden.
Ich hoffe das ist klar!
Ich habe mit Vergnügen von den vielen Konzerttourneen1 gelesen, über die Sie mir berichten . Rufer ist ja sichtlich von diesen Aufführungen nicht begeistert. Aber ich kann das ja aus der Ferne nicht beurteilen. Wäre es nicht möglich mir eine Drat- oder Band-Rekordierung zu schicken? Dann könnte ich wohl urteilen.
Sie wissen wohl, dass ich das Stück immer selbst dirigiert habe. Einmal hat mir auch Rudolf Kolisch vorgeschlagen, es ohne Dirigenten zu machen. Aber in dem Fall dirigiert dann irgendwie einer der Musiker und das ist ja doch kaum besser als ein wirklicher und unparteiischer Dirigent, der sich bemüht die richtigen Tempi und ihre Modifikationen anzugeben und die Verbindung mit der gesprochenen also nicht in Tönen mitteilbaren Partie klaglos herzustellen. Deshalb habe ich auch Kolischs Vorschlag abgelehnt.
Ich würde gerne erfahren, wie es meinen Freunden: Erwin Ratz, Dr. Polnauer, Apostel und anderen geht. Sind Sie in Kontakt mit diesen? Arbeitet einer von Ihnen noch in der UE?
Ich habe Frau Herzka ja kaum gekannt, meine Trauer über Ihren Tod ist daher nur formell. Wie alt war sie? Es verlassen mich ja jetzt schon so viele meiner Altersklasse, dass ich gar nicht weiss, wer noch da ist. So z. B. bin ich sehr besorgt um zwei nahestehende in England befindliche Freunde; Hans Nachod (der Tenor, der die Uraufführung2 und soviele andere Aufführungen der Gurrelieder gesungen hat) und Dr. Oskar Adler, nebst Dr. Bach und Zemlinsky einer meiner ältesten Freunde. Haben Sie jemand in England der darüber Auskunft geben kann?
Nun Schluss für heute. Geben Sie meine besten Grüsse Frl. Rothe.

11. Dezember 1948


Ort erschlossen

The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief, Kopie

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 11. Dezember 1948, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.4834.

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