19./8. 1912
Lieber Herr Direktor: Die Fragen Ihres Briefes1 vom 12./8.
beantwortend. Vor Allem die Gurrelieder-Textfrage:
Ich habe bei der Composition (vor 10 Jahren) eine Uebersetzung
von Prof. Arnold benützt (das betreffende Buch2 ist mir seither
abhanden „gestohlen“ worden) die in mancher Hinsicht von
der bei Fischer3 erschienen[en] verbesserten ebenfalls Arnold-schen
abweicht. Als Diese Uebersetzung fand ich in einem dünnen
Büchlein, dessen Verlag ich nicht kenne. Als nun vor cirka 3
Jahren der erste Theil der Gurre Lieder vorgeführt wurde, schrieb4
mir nach dem Concert5 Herr Prof. Arnold, ich möge doch seinen
Uebersetzer-Namen erwähnen und die Verbesserungen
berücksichtigen, die in der Neuauflage stehen. Ersteres
sagte ich natürlich zu. Dagegen musste ich das zweite
ablehnen. Denn vor Allem schienen mir die
Verbesserungen absolut genommen, keine Verbesserungen
sondern eher das Gegenteil. Größtenteils ist die erste
Fassung natürlicher, einfacher. Dann aber, und das ent-
scheidet: es ergaben sich rhytmische Änderungen, die
wenn ich meine Melodie demnach zurechtschneidern wollte,
absolut die Einheitlichkeit des dortstehenden musikalischen
Gedankens stören würde. Wer meine Art der Text-

behandlung kennt, weiß, dass es für de[n] Bau meiner
Melodie absolut nicht gleichgültig ist, ob eine Silbe
mehr oder weniger da ist und ob ein starkbetontes
Hauptwort an der oder jener Stelle steht. Und da ja
jede Uebersetzung unvollkommen bleibt, könnte ich mich
wegen der kleinen Verbesserungen unbedingt nicht entschließen,
meine Melodien (solche gab es nämlich damals bei
mir) zu verschlechtern. Meiner Arbeit6 liegt also die
erste Fassung zugrunde. Welches nun das Verhältnis
zum Verlag Fischer7 ist, vermag ich nicht zu beurteilen
und überlasse das ganz Ihnen. Meines Wissens habe
ich diesen ersten Text ohne jede Änderung (höchstens
Flüchtigkeitsfehler) benützt. Bitte setzen Sie sich also
mit Herrn Prof Arnold und mit dem betreffenden Ver-
leger ins Einvernehmen. Ich kanns nicht tun und habe
weder Zeit noch Geschick dazu.
Was „Pierrot lunaire“ anbelangt, so lautet der
für Sie wichtige Paragraph8 folgendermaßen:
II. Herr A. S. räumt Frau A. Z. das alleinige Aufführungs-
recht dieser Komposition bis zum 30/4. 1915 für alle Länder
ein, soferne sie bis zu diesem Zeitpunkt Manuskript
bleiben, andernfalls wird Herr S. (das bin ich) diese

Schutzfrist du[rch] Vereinbarung mit dem betreffenden Ver-
leger bis zu diesem Zeitpunkt zu wahren bemüht sein.
Dann unter IV.
Fr. Z verpflichtet sich innerhalb der Schutzfrist an mindestens
30 Abenden …. aufzuführen
VI. Sämtliche Verlagsrechte bleiben ausschließlich
Eigentum des Herrn Sch.
Wie Sie sehen habe ich Ihre Rechte in keiner
Weise tangiert!
Die Schutzfrist möchte ich
Frau Zehme unbedingt wahren wollen. Das heißt:
solange Sie die Aufführungen auf der entsprechenden
Künstlerischen Höhe hält. Und ich finde, dass wir da-
bei auch keinen Schaden haben. Denn mehr als
30 Aufführungen9 in 3 Jahren, wird es ja doch nicht
geben. – Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung darüber.
Sie schreiben, dass die Vervielfältigung und das
Stimmenausschreiben der Gurre-Lieder langsam geht.
Bitte teilen Sie mir mit, wie weit Sie halten.

Dann muss ich Sie dringend bitten: Lassen Sie die
Partitur der Gurre-Lieder drucken. Eventuell so
wie Sie wollten: fotografisch10. Es ist eine zu große
Sorge für mich, dass diese Partitur verlorengehen

könnte und ich weiß wirklich nicht, wie Sie mir
einen solchen Schaden ersetzen könnten. Ich kann die
Sache keinesfalls wiederherstellen! Und der Schaden
ist nicht nur ein materieller, den könnten Sie ersetzen.
Obwohl er sich nur schwer bemessen ließe. Denn
noch größer als der Schaden, den ich durch die Ausblei-
benden Aufführungen und Verkäufe erlitte, ist der,
den der Verlust eines so großen Erfolges, wie ich ihn
für die Gurrelieder erwarte, für meine anderen Werke
bedeutet. Ich bin sicher, dass dieser Erfolg [...] der
Verbreitung meiner anderen Werke sehr nützen wird.
Das lässt sich gar nicht ermessen. Und wie wollten
Sie mich da schadlos halten. Aber wie gesagt: größer
noch ist der geistige Verlust. Dieses Werk ist der
Schlüssel zu meiner ganzen Entwicklung. Es zeigt
mich von Seiten, von denen ich mich später nicht mehr
zeige oder doch auf einer anderen Basis. Es erklärt,
wie alles später so kommen musste und das ist für mein
Werk enorm wichtig: dass man den Menschen
und seine Entwicklung von hier ab verfolgen kann!
– Aber nun sehen Sie doch wohl an der Pelleas-
Partitur, von der Sie tro[t]z des enorm hohen Preises,
doch schon eine über Erwartung große Zahl verkauft
haben, dass diese Partitur, wenn Sie einen
halbwegs annehmbaren Preis hat, sehr gekauft werden

würde. Viel[lei]cht greifen auch Sie diese Idee
auf und machen von denselben Platten (so wie
Peters bei den Orchesterstücken
11) eine kleiner
zugeschnittene Studienausgabe12. Oder aber, da
ja der Unterschied nur ein formaler ist: Sie
machen nur eine einzige billige Ausgabe
(etwa 25 Mark). Die Partitur wird allge-
mein verkauft, aber das Aufführungsrecht
ist damit nicht erworben. Das muss besonders
vom Verlag erworben werden und da schlagen
Sie eben dann beim Aufführungsrecht das
zu, was Sie sonst für die „große“ Partitur mehr
verlangen. Da ist doch dann diese teure
2. Ausgabe überflüssig und die Musikfreunde
und jungen Künstler bekommen für billiges
Geld eine anständig lesbare große Par-
titur. Das ist für die Verbreitung unbedingt
nötig. Und ich bin sicher, Sie würden nicht schlecht
dabei fahren.
Und damit komme ich zu etwas, wozu mir
der Rechnungs-Auszug Anlass giebt, den ich letzt-
hin erhielt. Dem entnehme ich nämlich, dass

Alles was von mir bis jetzt gedruc[kt] ist über
Erwarten gut geht. Ja sogar die Orchesterlieder,
die ja sicher weniger Hoffnung erwecken und
die noch unaufgeführt sind, deren Partitur nicht
veröffentlicht ist, sogar die gehen ein bischen!
Das bestätigt, dass meine Behauptung richtig
war: meine Sachen müssten nur gedruckt
werden um zu gehen. Ich bin sicher, dass meine
Noten mir bereits Erträgnisse liefern würden,
wenn alles da wäre. Das können Sie doch nicht
bezweifeln, wenn Sie sich vorstellen, dass 4 Werke die gedruckt sind13, in einem halben Jahr fast 1400 Mark eingebracht haben.
Da Sie noch 7 ungedruckte (aber bei weitem
größere Werke) von mir besitzen müsste man
nach diesem Schlüssel annehmen, dass dafür im
Halbjahr durchschnittlich 2000–3000 Mark mindestens
eingehen (wohl aber mehr, da es sich um größere und
dankbarere Werke handelt) so dass mein Anteil dann
cirka 500 Mark halb, resp 1000 Mark jährlich
wäre, wodurch meine Konto in kürzester Zeit
schuldenfrei und Ihre Druckausgaben amorti-
siert sein müssten. Sie sind doch ein groß

zügiger M[e]nsch und haben etwas hervorgebracht,
was in Oes[te]rreich eine Seltenheit ist. Warum
verschließen Sie sich dem und nehmen die
ganze Angelegenheit nicht energisch in die
Hand?
Ich wollte ich erführe endlich darüber
Beruhigendes. Ich glaube, wenn Sie wollten,
könnte ich bald von meinen Kompositionen,
wenn schon nicht leben, so doch einen
sehr nennenswerten Zuschuss haben.
Sie sind Ende August in Berlin. Dann
werden wir uns wohl sehen und darüber
sprechen.
Heute noch bitte ich Sie Schreker meinen
herzlichen Glückwunsch zu seinem Erfolg14 zu
übermitteln. Ich las im Berl. Tagbl.
Herzl Grüße auch Ihnen Ihr Arnold Schönberg
19./8. 1912
Lieber Herr Direktor: Die Fragen Ihres Briefes1 vom 12./8. beantwortend. Vor Allem die Gurrelieder-Textfrage:
Ich habe bei der Composition (vor 10 Jahren) eine Uebersetzung von Prof. Arnold benützt (das betreffende Buch2 ist mir seither abhanden „gestohlen“ worden) die in mancher Hinsicht von der bei Fischer3 erschienenen verbesserten ebenfalls Arnold-schen abweicht. Diese Uebersetzung fand ich in einem dünnen Büchlein, dessen Verlag ich nicht kenne. Als nun vor cirka 3 Jahren der erste Theil der Gurre Lieder vorgeführt wurde, schrieb4 mir nach dem Concert5 Herr Prof. Arnold, ich möge doch seinen Uebersetzer-Namen erwähnen und die Verbesserungen berücksichtigen, die in der Neuauflage stehen. Ersteres sagte ich natürlich zu. Dagegen musste ich das zweite ablehnen. Denn vor Allem schienen mir die Verbesserungen absolut genommen, keine Verbesserungen sondern eher das Gegenteil. Größtenteils ist die erste Fassung natürlicher, einfacher. Dann aber, und das entscheidet: es ergaben sich rhytmische Änderungen, die wenn ich meine Melodie demnach zurechtschneidern wollte, absolut die Einheitlichkeit des dortstehenden musikalischen Gedankens stören würde. Wer meine Art der Text behandlung kennt, weiß, dass es für den Bau meiner Melodie absolut nicht gleichgültig ist, ob eine Silbe mehr oder weniger da ist und ob ein starkbetontes Hauptwort an der oder jener Stelle steht. Und da ja jede Uebersetzung unvollkommen bleibt, könnte ich mich wegen der kleinen Verbesserungen unbedingt nicht entschließen, meine Melodien (solche gab es nämlich damals bei mir) zu verschlechtern. Meiner Arbeit6 liegt also die erste Fassung zugrunde. Welches nun das Verhältnis zum Verlag Fischer7 ist, vermag ich nicht zu beurteilen und überlasse das ganz Ihnen. Meines Wissens habe ich diesen ersten Text ohne jede Änderung (höchstens Flüchtigkeitsfehler) benützt. Bitte setzen Sie sich also mit Herrn Prof Arnold und mit dem betreffenden Verleger ins Einvernehmen. Ich kanns nicht tun und habe weder Zeit noch Geschick dazu.
Was „Pierrot lunaire“ anbelangt, so lautet derfür Sie wichtige Paragraph8 folgendermaßen:
II. Herr A. S. räumt Frau A. Z. das alleinige Aufführungsrecht dieser Komposition bis zum 30/4. 1915 für alle Länder ein, soferne sie bis zu diesem Zeitpunkt Manuskript bleiben, andernfalls wird Herr S. (das bin ich) diese Schutzfrist durch Vereinbarung mit dem betreffenden Verleger bis zu diesem Zeitpunkt zu wahren bemüht sein.
Dann unter IV. Fr. Z verpflichtet sich innerhalb der Schutzfrist an mindestens 30 Abenden …. aufzuführen
VI. Sämtliche Verlagsrechte bleiben ausschließlich Eigentum des Herrn Sch.
Wie Sie sehen habe ich Ihre Rechte in keiner Weise tangiert! Die Schutzfrist möchte ich Frau Zehme unbedingt wahren wollen. Das heißt: solange Sie die Aufführungen auf der entsprechenden Künstlerischen Höhe hält. Und ich finde, dass wir dabei auch keinen Schaden haben. Denn mehr als 30 Aufführungen9 in 3 Jahren, wird es ja doch nicht geben. – Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung darüber.
Sie schreiben, dass die Vervielfältigung und das Stimmenausschreiben der Gurre-Lieder langsam geht. Bitte teilen Sie mir mit, wie weit Sie halten. Dann muss ich Sie dringend bitten: Lassen Sie die Partitur der Gurre-Lieder drucken. Eventuell so wie Sie wollten: fotografisch10. Es ist eine zu große Sorge für mich, dass diese Partitur verlorengehen könnte und ich weiß wirklich nicht, wie Sie mir einen solchen Schaden ersetzen könnten. Ich kann die Sache keinesfalls wiederherstellen! Und der Schaden ist nicht nur ein materieller, den könnten Sie ersetzen. Obwohl er sich nur schwer bemessen ließe. Denn noch größer als der Schaden, den ich durch die Ausbleibenden Aufführungen und Verkäufe erlitte, ist der, den der Verlust eines so großen Erfolges, wie ich ihn für die Gurrelieder erwarte, für meine anderen Werke bedeutet. Ich bin sicher, dass dieser Erfolg der Verbreitung meiner anderen Werke sehr nützen wird. Das lässt sich gar nicht ermessen. Und wie wollten Sie mich da schadlos halten. Aber wie gesagt: größer noch ist der geistige Verlust. Dieses Werk ist der Schlüssel zu meiner ganzen Entwicklung. Es zeigt mich von Seiten, von denen ich mich später nicht mehr zeige oder doch auf einer anderen Basis. Es erklärt, wie alles später so kommen musste und das ist für mein Werk enorm wichtig: dass man den Menschen und seine Entwicklung von hier ab verfolgen kann! – Aber nun sehen Sie doch wohl an der Pelleas-Partitur, von der Sie trotz des enorm hohen Preises, doch schon eine über Erwartung große Zahl verkauft haben, dass diese Partitur, wenn Sie einen halbwegs annehmbaren Preis hat, sehr gekauft werden würde. Vielleicht greifen auch Sie diese Idee auf und machen von denselben Platten (so wie Peters bei den Orchesterstücken11) eine kleiner zugeschnittene Studienausgabe12. Oder aber, da ja der Unterschied nur ein formaler ist: Sie machen nur eine einzige billige Ausgabe (etwa 25 Mark). Die Partitur wird allgemein verkauft, aber das Aufführungsrecht ist damit nicht erworben. Das muss besonders vom Verlag erworben werden und da schlagen Sie eben dann beim Aufführungsrecht das zu, was Sie sonst für die „große“ Partitur mehr verlangen. Da ist doch dann diese teure 2. Ausgabe überflüssig und die Musikfreunde und jungen Künstler bekommen für billiges Geld eine anständig lesbare große Partitur. Das ist für die Verbreitung unbedingt nötig. Und ich bin sicher, Sie würden nicht schlecht dabei fahren.
Und damit komme ich zu etwas, wozu mir der Rechnungs-Auszug Anlass giebt, den ich letzthin erhielt. Dem entnehme ich nämlich, dass Alles was von mir bis jetzt gedruckt ist über Erwarten gut geht. Ja sogar die Orchesterlieder, die ja sicher weniger Hoffnung erwecken und die noch unaufgeführt sind, deren Partitur nicht veröffentlicht ist, sogar die gehen ein bischen! Das bestätigt, dass meine Behauptung richtig war: meine Sachen müssten nur gedruckt werden um zu gehen. Ich bin sicher, dass meine Noten mir bereits Erträgnisse liefern würden, wenn alles da wäre. Das können Sie doch nicht bezweifeln, wenn Sie sich vorstellen, dass 4 Werke die gedruckt sind13, in einem halben Jahr fast 1400 Mark eingebracht haben.
Da Sie noch 7 ungedruckte (aber bei weitem größere Werke) von mir besitzen müsste man nach diesem Schlüssel annehmen, dass dafür im Halbjahr durchschnittlich 2000–3000 Mark mindestens eingehen (wohl aber mehr, da es sich um größere und dankbarere Werke handelt) so dass mein Anteil dann cirka 500 Mark halb, resp 1000 Mark jährlich wäre, wodurch meine Konto in kürzester Zeit schuldenfrei und Ihre Druckausgaben amortisiert sein müssten. Sie sind doch ein groß zügiger Mensch und haben etwas hervorgebracht, was in Oesterreich eine Seltenheit ist. Warum verschließen Sie sich dem und nehmen die ganze Angelegenheit nicht energisch in die Hand?
Ich wollte ich erführe endlich darüber Beruhigendes. Ich glaube, wenn Sie wollten, könnte ich bald von meinen Kompositionen, wenn schon nicht leben, so doch einen sehr nennenswerten Zuschuss haben.
Sie sind Ende August in Berlin. Dann werden wir uns wohl sehen und darüber sprechen.
Heute noch bitte ich Sie Schreker meinen herzlichen Glückwunsch zu seinem Erfolg14 zu übermitteln. Ich las im Berl. Tagbl.
Herzl Grüße auch Ihnen Ihr Arnold Schönberg

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 19. August 1912, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.6512.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen