Arnold Schönberg an Universal-Edition
19. August 1912
19./8. 1912
Lieber Herr Direktor: Die Fragen Ihres Briefes1 vom 12./8.
beantwortend. Vor Allem die Gurrelieder-Textfrage:
beantwortend. Vor Allem die Gurrelieder-Textfrage:
Ich habe bei der Composition (vor 10 Jahren) eine Uebersetzung
von Prof. Arnold benützt (das betreffende Buch2 ist mir seither
abhanden „gestohlen“ worden) die in mancher Hinsicht von
der bei Fischer3 erschienen[en] verbesserten ebenfalls Arnold-schen
abweicht. Als Diese Uebersetzung fand ich in einem dünnen
Büchlein, dessen Verlag ich nicht kenne. Als nun vor cirka 3
Jahren der erste Theil der Gurre Lieder vorgeführt wurde, schrieb4
mir nach dem Concert5 Herr Prof. Arnold, ich möge doch seinen
Uebersetzer-Namen erwähnen und die Verbesserungen
berücksichtigen, die in der Neuauflage stehen. Ersteres
sagte ich natürlich zu. Dagegen musste ich das zweite
ablehnen. Denn vor Allem schienen mir die
Verbesserungen absolut genommen, keine Verbesserungen
sondern eher das Gegenteil. Größtenteils ist die erste
Fassung natürlicher, einfacher. Dann aber, und das ent-
scheidet: es ergaben sich rhytmische Änderungen, die
wenn ich meine Melodie demnach zurechtschneidern wollte,
absolut die Einheitlichkeit des dortstehenden musikalischen
Gedankens stören würde. Wer meine Art der Text-
von Prof. Arnold benützt (das betreffende Buch2 ist mir seither
abhanden „gestohlen“ worden) die in mancher Hinsicht von
der bei Fischer3 erschienen[en] verbesserten ebenfalls Arnold-schen
abweicht. Als Diese Uebersetzung fand ich in einem dünnen
Büchlein, dessen Verlag ich nicht kenne. Als nun vor cirka 3
Jahren der erste Theil der Gurre Lieder vorgeführt wurde, schrieb4
mir nach dem Concert5 Herr Prof. Arnold, ich möge doch seinen
Uebersetzer-Namen erwähnen und die Verbesserungen
berücksichtigen, die in der Neuauflage stehen. Ersteres
sagte ich natürlich zu. Dagegen musste ich das zweite
ablehnen. Denn vor Allem schienen mir die
Verbesserungen absolut genommen, keine Verbesserungen
sondern eher das Gegenteil. Größtenteils ist die erste
Fassung natürlicher, einfacher. Dann aber, und das ent-
scheidet: es ergaben sich rhytmische Änderungen, die
wenn ich meine Melodie demnach zurechtschneidern wollte,
absolut die Einheitlichkeit des dortstehenden musikalischen
Gedankens stören würde. Wer meine Art der Text-
behandlung
kennt, weiß, dass es für de[n] Bau meiner
Melodie absolut nicht gleichgültig ist, ob eine Silbe
mehr oder weniger da ist und ob ein starkbetontes
Hauptwort an der oder jener Stelle steht. Und da ja
jede Uebersetzung unvollkommen bleibt, könnte ich mich
wegen der kleinen Verbesserungen unbedingt nicht entschließen,
meine Melodien (solche gab es nämlich damals bei
mir) zu verschlechtern. Meiner Arbeit6 liegt also die
erste Fassung zugrunde. Welches nun das Verhältnis
zum Verlag Fischer7 ist, vermag ich nicht zu beurteilen
und überlasse das ganz Ihnen. Meines Wissens habe
ich diesen ersten Text ohne jede Änderung (höchstens
Flüchtigkeitsfehler) benützt. Bitte setzen Sie sich also
mit Herrn Prof Arnold und mit dem betreffenden Ver-
leger ins Einvernehmen. Ich kanns nicht tun und habe
weder Zeit noch Geschick dazu.
Melodie absolut nicht gleichgültig ist, ob eine Silbe
mehr oder weniger da ist und ob ein starkbetontes
Hauptwort an der oder jener Stelle steht. Und da ja
jede Uebersetzung unvollkommen bleibt, könnte ich mich
wegen der kleinen Verbesserungen unbedingt nicht entschließen,
meine Melodien (solche gab es nämlich damals bei
mir) zu verschlechtern. Meiner Arbeit6 liegt also die
erste Fassung zugrunde. Welches nun das Verhältnis
zum Verlag Fischer7 ist, vermag ich nicht zu beurteilen
und überlasse das ganz Ihnen. Meines Wissens habe
ich diesen ersten Text ohne jede Änderung (höchstens
Flüchtigkeitsfehler) benützt. Bitte setzen Sie sich also
mit Herrn Prof Arnold und mit dem betreffenden Ver-
leger ins Einvernehmen. Ich kanns nicht tun und habe
weder Zeit noch Geschick dazu.
Schutzfrist
du[rch] Vereinbarung mit dem betreffenden
Ver-
leger bis zu diesem Zeitpunkt zu wahren bemüht sein.
leger bis zu diesem Zeitpunkt zu wahren bemüht sein.
Dann unter IV.
Fr. Z verpflichtet sich innerhalb der Schutzfrist an mindestens
30 Abenden …. aufzuführen
Fr. Z verpflichtet sich innerhalb der Schutzfrist an mindestens
30 Abenden …. aufzuführen
Wie Sie sehen habe ich Ihre Rechte in keiner
Weise tangiert! Die Schutzfrist möchte ich
Frau Zehme unbedingt wahren wollen. Das heißt:
solange Sie die Aufführungen auf der entsprechenden
Künstlerischen Höhe hält. Und ich finde, dass wir da-
bei auch keinen Schaden haben. Denn mehr als
30 Aufführungen9 in 3 Jahren, wird es ja doch nicht
geben. – Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung darüber.
Weise tangiert! Die Schutzfrist möchte ich
Frau Zehme unbedingt wahren wollen. Das heißt:
solange Sie die Aufführungen auf der entsprechenden
Künstlerischen Höhe hält. Und ich finde, dass wir da-
bei auch keinen Schaden haben. Denn mehr als
30 Aufführungen9 in 3 Jahren, wird es ja doch nicht
geben. – Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung darüber.
Sie schreiben, dass die Vervielfältigung und das
Stimmenausschreiben der Gurre-Lieder langsam geht.
Bitte teilen Sie mir mit, wie weit Sie halten.
Dann muss ich Sie dringend bitten: Lassen Sie die
Partitur der Gurre-Lieder drucken. Eventuell so
wie Sie wollten: fotografisch10. Es ist eine zu große
Sorge für mich, dass diese Partitur verlorengehen
Stimmenausschreiben der Gurre-Lieder langsam geht.
Bitte teilen Sie mir mit, wie weit Sie halten.
Dann muss ich Sie dringend bitten: Lassen Sie die
Partitur der Gurre-Lieder drucken. Eventuell so
wie Sie wollten: fotografisch10. Es ist eine zu große
Sorge für mich, dass diese Partitur verlorengehen
könnte und ich weiß wirklich nicht, wie Sie mir
einen solchen Schaden ersetzen könnten. Ich kann die
Sache keinesfalls wiederherstellen! Und der Schaden
ist nicht nur ein materieller, den könnten Sie ersetzen.
Obwohl er sich nur schwer bemessen ließe. Denn
noch größer als der Schaden, den ich durch die Ausblei-
benden Aufführungen und Verkäufe erlitte, ist der,
den der Verlust eines so großen Erfolges, wie ich ihn
für die Gurrelieder erwarte, für meine anderen Werke
bedeutet. Ich bin sicher, dass dieser Erfolg [...] der
Verbreitung meiner anderen Werke sehr nützen wird.
Das lässt sich gar nicht ermessen. Und wie wollten
Sie mich da schadlos halten. Aber wie gesagt: größer
noch ist der geistige Verlust. Dieses Werk ist der
Schlüssel zu meiner ganzen Entwicklung. Es zeigt
mich von Seiten, von denen ich mich später nicht mehr
zeige oder doch auf einer anderen Basis. Es erklärt,
wie alles später so kommen musste und das ist für mein
Werk enorm wichtig: dass man den Menschen
und seine Entwicklung von hier ab verfolgen kann!
– Aber nun sehen Sie doch wohl an der Pelleas-
Partitur, von der Sie tro[t]z des enorm hohen Preises,
doch schon eine über Erwartung große Zahl verkauft
haben, dass diese Partitur, wenn Sie einen
halbwegs annehmbaren Preis hat, sehr gekauft werden
einen solchen Schaden ersetzen könnten. Ich kann die
Sache keinesfalls wiederherstellen! Und der Schaden
ist nicht nur ein materieller, den könnten Sie ersetzen.
Obwohl er sich nur schwer bemessen ließe. Denn
noch größer als der Schaden, den ich durch die Ausblei-
benden Aufführungen und Verkäufe erlitte, ist der,
den der Verlust eines so großen Erfolges, wie ich ihn
für die Gurrelieder erwarte, für meine anderen Werke
bedeutet. Ich bin sicher, dass dieser Erfolg [...] der
Verbreitung meiner anderen Werke sehr nützen wird.
Das lässt sich gar nicht ermessen. Und wie wollten
Sie mich da schadlos halten. Aber wie gesagt: größer
noch ist der geistige Verlust. Dieses Werk ist der
Schlüssel zu meiner ganzen Entwicklung. Es zeigt
mich von Seiten, von denen ich mich später nicht mehr
zeige oder doch auf einer anderen Basis. Es erklärt,
wie alles später so kommen musste und das ist für mein
Werk enorm wichtig: dass man den Menschen
und seine Entwicklung von hier ab verfolgen kann!
– Aber nun sehen Sie doch wohl an der Pelleas-
Partitur, von der Sie tro[t]z des enorm hohen Preises,
doch schon eine über Erwartung große Zahl verkauft
haben, dass diese Partitur, wenn Sie einen
halbwegs annehmbaren Preis hat, sehr gekauft werden
würde. Viel[lei]cht greifen
auch Sie diese Idee
auf und machen von denselben Platten (so wie
Peters bei den Orchesterstücken11) eine kleiner
zugeschnittene Studienausgabe12. Oder aber, da
ja der Unterschied nur ein formaler ist: Sie
machen nur eine einzige billige Ausgabe
(etwa 25 Mark). Die Partitur wird allge-
mein verkauft, aber das Aufführungsrecht
ist damit nicht erworben. Das muss besonders
vom Verlag erworben werden und da schlagen
Sie eben dann beim Aufführungsrecht das
zu, was Sie sonst für die „große“ Partitur mehr
verlangen. Da ist doch dann diese teure
2. Ausgabe überflüssig und die Musikfreunde
und jungen Künstler bekommen für billiges
Geld eine anständig lesbare große Par-
titur. Das ist für die Verbreitung unbedingt
nötig. Und ich bin sicher, Sie würden nicht schlecht
dabei fahren.
auf und machen von denselben Platten (so wie
Peters bei den Orchesterstücken11) eine kleiner
zugeschnittene Studienausgabe12. Oder aber, da
ja der Unterschied nur ein formaler ist: Sie
machen nur eine einzige billige Ausgabe
(etwa 25 Mark). Die Partitur wird allge-
mein verkauft, aber das Aufführungsrecht
ist damit nicht erworben. Das muss besonders
vom Verlag erworben werden und da schlagen
Sie eben dann beim Aufführungsrecht das
zu, was Sie sonst für die „große“ Partitur mehr
verlangen. Da ist doch dann diese teure
2. Ausgabe überflüssig und die Musikfreunde
und jungen Künstler bekommen für billiges
Geld eine anständig lesbare große Par-
titur. Das ist für die Verbreitung unbedingt
nötig. Und ich bin sicher, Sie würden nicht schlecht
dabei fahren.
Und damit komme ich zu etwas, wozu mir
der Rechnungs-Auszug Anlass giebt, den ich letzt-
hin erhielt. Dem entnehme ich nämlich, dass
der Rechnungs-Auszug Anlass giebt, den ich letzt-
hin erhielt. Dem entnehme ich nämlich, dass
Alles was von mir bis jetzt gedruc[kt] ist über
Erwarten gut geht. Ja sogar die Orchesterlieder,
die ja sicher weniger Hoffnung erwecken und
die noch unaufgeführt sind, deren Partitur nicht
veröffentlicht ist, sogar die gehen ein bischen!
Das bestätigt, dass meine Behauptung richtig
war: meine Sachen müssten nur gedruckt
werden um zu gehen. Ich bin sicher, dass meine
Noten mir bereits Erträgnisse liefern würden,
wenn alles da wäre. Das können Sie doch nicht
bezweifeln, wenn Sie sich vorstellen, dass 4 Werke die gedruckt sind13, in einem halben Jahr fast 1400 Mark eingebracht haben.
Erwarten gut geht. Ja sogar die Orchesterlieder,
die ja sicher weniger Hoffnung erwecken und
die noch unaufgeführt sind, deren Partitur nicht
veröffentlicht ist, sogar die gehen ein bischen!
Das bestätigt, dass meine Behauptung richtig
war: meine Sachen müssten nur gedruckt
werden um zu gehen. Ich bin sicher, dass meine
Noten mir bereits Erträgnisse liefern würden,
wenn alles da wäre. Das können Sie doch nicht
bezweifeln, wenn Sie sich vorstellen, dass 4 Werke die gedruckt sind13, in einem halben Jahr fast 1400 Mark eingebracht haben.
Da Sie noch 7 ungedruckte
(aber bei weitem
größere Werke) von mir besitzen müsste man
nach diesem Schlüssel annehmen, dass dafür im
Halbjahr durchschnittlich 2000–3000 Mark mindestens
eingehen (wohl aber mehr, da es sich um größere und
dankbarere Werke handelt) so dass mein Anteil dann
cirka 500 Mark halb, resp 1000 Mark jährlich
wäre, wodurch meine Konto in kürzester Zeit
schuldenfrei und Ihre Druckausgaben amorti-
siert sein müssten. Sie sind doch ein groß
größere Werke) von mir besitzen müsste man
nach diesem Schlüssel annehmen, dass dafür im
Halbjahr durchschnittlich 2000–3000 Mark mindestens
eingehen (wohl aber mehr, da es sich um größere und
dankbarere Werke handelt) so dass mein Anteil dann
cirka 500 Mark halb, resp 1000 Mark jährlich
wäre, wodurch meine Konto in kürzester Zeit
schuldenfrei und Ihre Druckausgaben amorti-
siert sein müssten. Sie sind doch ein groß
zügiger M[e]nsch und haben
etwas hervorgebracht,
was in Oes[te]rreich eine Seltenheit ist. Warum
verschließen Sie sich dem und nehmen die
ganze Angelegenheit nicht energisch in die
Hand?
was in Oes[te]rreich eine Seltenheit ist. Warum
verschließen Sie sich dem und nehmen die
ganze Angelegenheit nicht energisch in die
Hand?
Ich wollte ich erführe endlich darüber
Beruhigendes. Ich glaube, wenn Sie wollten,
könnte ich bald von meinen Kompositionen,
wenn schon nicht leben, so doch einen
sehr nennenswerten Zuschuss haben.
Beruhigendes. Ich glaube, wenn Sie wollten,
könnte ich bald von meinen Kompositionen,
wenn schon nicht leben, so doch einen
sehr nennenswerten Zuschuss haben.
Heute noch bitte ich Sie Schreker meinen
herzlichen Glückwunsch zu seinem Erfolg14 zu
übermitteln. Ich las im Berl. Tagbl.
herzlichen Glückwunsch zu seinem Erfolg14 zu
übermitteln. Ich las im Berl. Tagbl.
Herzl Grüße auch Ihnen Ihr
Arnold Schönberg
Briefes
Buch
Fischer
Korrekt: Eugen Diederichs Verlag; Jacobsen 1899.
schrieb
Robert Franz Arnold an Arnold
Schönberg, 15. Jänner 1910 (ASCC
10062).
Concert
Meiner Arbeit
Vgl. Zur Textvorlage und Synopsis
der Textquellen (ASGA B
16/3, S. 366–393).
Verlag Fischer
Korrekt: Eugen Diederichs Verlag; Jacobsen 1899.
Paragraph
Vertrag vgl. Nono-Schoenberg 1998, S.
109.
Aufführungen
Schönbergs Kalender enthält 15
Einträge zur ersten Tournee von Pierrot
Lunaire op. 21 (Unterstreichungen kennzeichnen eigene
Dirigate), davon fanden statt:
9. Oktober 1912, Berlin, Choralion-Saal, Aufführung für geladene
Gäste;
16. Oktober 1912, Berlin, Choralion-Saal;
19. Oktober 1912, Hamburg, Musikhalle;
24. Oktober 1912, Dresden,
Künstlerhaus;
31. Oktober 1912, Breslau, Kammermusiksaal;
2. November 1912, Wien, Bösendorfer-Saal;
5. November 1912, München, Bayerischer Hof;
11. November 1912, Stuttgart, Oberes Museum; 14. November
1912, Karlsruhe;
15. November 1912, Mannheim, Kasinosaal; 17. November 1912, Frankfurt am Main; 22. November 1912, Greiz
Zwei
Wiederholungsaufführungen in Berlin am 1. und
8. Dezember kamen kurzfristig
hinzu (Kalendereinträge ASCI
DC12043; ASCI
DC12044; ASCI
DC12045; ASCI
DC12046; ASGA B 24/1, S. 223).
fotografisch
Die Partitur erschien als Faksimile der
Partiturreinschrift (ASGA B 16/1, Quelle C) mit Lieferdatum: 8. November 1912, Auflage: 500 (Buchon 2015, Bd. 5,
S. 660), stellte sich jedoch als zu kleindimensioniert für
Dirigierzwecke heraus.
so wie
Peters bei den Orchesterstücken
Publikation im Verlag
C. F. Peters Anfang April 1912, Auflage: 50; gleichzeitig
erschien eine Studienpartitur, Auflage: 200 (ASGA B 12, S. 8; Giering 2025, S.
54).
Studienausgabe
Eine Studienausgabe der
autographierten Partitur wurde nicht realisiert.
4 Werke die gedruckt
sind
Erfolg
19./8. 1912
Lieber Herr Direktor: Die Fragen Ihres Briefes1 vom 12./8.
beantwortend. Vor Allem die Gurrelieder-Textfrage:
Ich habe bei der Composition (vor 10 Jahren) eine Uebersetzung
von Prof. Arnold benützt (das
betreffende Buch2 ist mir seither abhanden
„gestohlen“ worden) die in mancher Hinsicht von der bei Fischer3 erschienenen verbesserten
ebenfalls Arnold-schen abweicht. Diese Uebersetzung fand ich in einem dünnen
Büchlein, dessen Verlag ich nicht kenne.
Als nun vor cirka 3 Jahren der erste Theil der Gurre Lieder vorgeführt wurde, schrieb4
mir nach dem Concert5 Herr Prof. Arnold, ich
möge doch seinen Uebersetzer-Namen erwähnen und die Verbesserungen
berücksichtigen,
die in der Neuauflage stehen. Ersteres sagte ich natürlich
zu. Dagegen musste ich das
zweite ablehnen. Denn vor Allem schienen mir die Verbesserungen
absolut genommen, keine Verbesserungen sondern eher das Gegenteil.
Größtenteils ist die erste Fassung natürlicher, einfacher. Dann aber, und
das entscheidet: es ergaben sich rhytmische
Änderungen, die wenn ich meine Melodie demnach zurechtschneidern
wollte, absolut die Einheitlichkeit des
dortstehenden musikalischen Gedankens stören würde. Wer meine Art der
Text
behandlung
kennt, weiß, dass es für den Bau meiner
Melodie absolut nicht gleichgültig ist, ob eine Silbe mehr oder
weniger da ist und ob ein starkbetontes Hauptwort an der oder jener Stelle
steht. Und da ja jede Uebersetzung unvollkommen bleibt, könnte ich mich
wegen der kleinen Verbesserungen unbedingt
nicht entschließen, meine Melodien (solche gab es nämlich damals bei
mir) zu verschlechtern. Meiner Arbeit6 liegt also die erste
Fassung zugrunde. Welches nun das Verhältnis zum Verlag Fischer7 ist, vermag ich nicht zu
beurteilen und überlasse das ganz Ihnen. Meines Wissens habe ich
diesen ersten Text ohne jede Änderung (höchstens Flüchtigkeitsfehler)
benützt. Bitte setzen Sie sich also mit Herrn Prof Arnold und mit dem betreffenden Verleger ins Einvernehmen. Ich kanns nicht tun und habe weder
Zeit noch Geschick dazu.
II.
Herr A. S. räumt Frau A. Z. das alleinige Aufführungsrecht dieser Komposition bis zum 30/4.
1915 für alle Länder ein, soferne sie bis zu diesem Zeitpunkt
Manuskript bleiben, andernfalls wird Herr S. (das bin ich) diese Schutzfrist
durch Vereinbarung mit dem betreffenden
Verleger bis zu diesem Zeitpunkt zu wahren bemüht sein.
Dann unter IV. Fr. Z verpflichtet sich
innerhalb der Schutzfrist an mindestens 30 Abenden …. aufzuführen
VI.
Sämtliche Verlagsrechte bleiben ausschließlich Eigentum des Herrn
Sch.
Wie Sie sehen habe ich Ihre Rechte in keiner Weise
tangiert! Die Schutzfrist möchte ich Frau Zehme unbedingt wahren wollen. Das heißt:
solange Sie die Aufführungen auf der entsprechenden Künstlerischen
Höhe hält. Und ich finde, dass wir dabei auch keinen Schaden haben. Denn mehr als 30 Aufführungen9 in 3 Jahren, wird es ja doch
nicht geben. – Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung
darüber.
Sie schreiben, dass die Vervielfältigung und das
Stimmenausschreiben
der Gurre-Lieder langsam geht. Bitte teilen Sie mir mit, wie weit Sie halten.
Dann muss ich Sie dringend bitten: Lassen Sie die Partitur der Gurre-Lieder drucken. Eventuell so wie Sie
wollten: fotografisch10. Es ist eine zu große
Sorge für mich, dass diese Partitur verlorengehen könnte und ich weiß wirklich nicht, wie Sie mir einen solchen Schaden
ersetzen könnten. Ich kann die Sache keinesfalls
wiederherstellen! Und der Schaden ist nicht nur ein materieller,
den könnten Sie ersetzen. Obwohl er sich nur schwer bemessen ließe. Denn
noch größer als der Schaden, den ich durch die Ausbleibenden Aufführungen und Verkäufe erlitte, ist der, den der
Verlust eines so großen Erfolges, wie ich ihn für die Gurrelieder erwarte, für meine anderen Werke
bedeutet. Ich bin sicher, dass dieser Erfolg der Verbreitung meiner anderen Werke sehr nützen wird. Das
lässt sich gar nicht ermessen. Und wie wollten Sie mich da schadlos halten.
Aber wie gesagt: größer noch ist der geistige Verlust. Dieses Werk ist der
Schlüssel zu meiner ganzen Entwicklung. Es zeigt mich von Seiten, von
denen ich mich später nicht mehr zeige oder doch auf einer anderen Basis.
Es erklärt, wie alles später so kommen musste und das ist für mein
Werk enorm wichtig: dass man den Menschen und seine Entwicklung von
hier ab verfolgen kann! – Aber nun sehen Sie doch wohl an der Pelleas-Partitur, von der Sie
trotz des enorm hohen Preises, doch
schon eine über Erwartung große Zahl verkauft haben, dass diese Partitur,
wenn Sie einen halbwegs annehmbaren Preis hat, sehr gekauft werden würde. Vielleicht greifen
auch Sie diese Idee auf und machen von denselben Platten (so wie
Peters bei den Orchesterstücken11) eine kleiner
zugeschnittene Studienausgabe12. Oder aber,
da ja der Unterschied nur ein formaler ist: Sie machen nur eine
einzige billige Ausgabe (etwa 25 Mark). Die
Partitur wird allgemein verkauft, aber das Aufführungsrecht ist damit nicht
erworben. Das muss besonders vom Verlag erworben werden und da schlagen
Sie eben dann beim Aufführungsrecht das zu, was Sie sonst für die „große“ Partitur mehr verlangen. Da ist doch dann
diese teure 2. Ausgabe überflüssig und die Musikfreunde und jungen
Künstler bekommen für billiges Geld eine anständig lesbare große Partitur. Das ist für die Verbreitung unbedingt nötig. Und ich
bin sicher, Sie würden nicht schlecht dabei fahren.
Und damit komme ich zu etwas, wozu mir der Rechnungs-Auszug
Anlass giebt, den ich letzthin erhielt. Dem entnehme ich nämlich, dass Alles was von mir bis jetzt gedruckt ist über Erwarten gut geht. Ja sogar die Orchesterlieder, die ja sicher weniger
Hoffnung erwecken und die noch unaufgeführt sind, deren Partitur nicht
veröffentlicht ist, sogar die gehen ein bischen! Das bestätigt, dass
meine Behauptung richtig war: meine Sachen müssten nur gedruckt werden
um zu gehen. Ich bin sicher, dass meine Noten mir bereits Erträgnisse
liefern würden, wenn alles da wäre. Das können Sie doch nicht
bezweifeln, wenn Sie sich vorstellen, dass
4 Werke die gedruckt
sind13, in einem halben
Jahr fast 1400 Mark eingebracht haben.
Da Sie noch 7 ungedruckte
(aber bei weitem größere
Werke) von mir besitzen müsste man nach diesem Schlüssel annehmen, dass
dafür im Halbjahr durchschnittlich 2000–3000 Mark mindestens eingehen
(wohl aber mehr, da es sich um größere und dankbarere Werke handelt) so
dass mein Anteil dann cirka 500 Mark halb, resp 1000 Mark jährlich
wäre, wodurch meine Konto in kürzester Zeit schuldenfrei und Ihre
Druckausgaben amortisiert sein müssten. Sie sind doch ein groß zügiger Mensch und haben
etwas hervorgebracht, was in Oesterreich eine Seltenheit ist. Warum
verschließen Sie sich dem und nehmen die ganze Angelegenheit nicht
energisch in die Hand?
Ich wollte ich erführe endlich darüber Beruhigendes. Ich glaube, wenn Sie
wollten, könnte ich bald von meinen Kompositionen, wenn schon nicht
leben, so doch einen sehr nennenswerten Zuschuss haben.
Sie sind Ende August in Berlin. Dann werden wir uns wohl sehen und darüber
sprechen.
Heute noch bitte ich Sie Schreker meinen
herzlichen Glückwunsch zu seinem Erfolg14 zu übermitteln. Ich las im
Berl. Tagbl.
Herzl Grüße auch Ihnen Ihr
Arnold Schönberg
Briefes
Buch
Fischer
Korrekt: Eugen Diederichs Verlag; Jacobsen 1899.
schrieb
Robert Franz Arnold an Arnold
Schönberg, 15. Jänner 1910 (ASCC
10062).
Concert
Meiner Arbeit
Vgl. Zur Textvorlage und Synopsis
der Textquellen (ASGA B
16/3, S. 366–393).
Verlag Fischer
Korrekt: Eugen Diederichs Verlag; Jacobsen 1899.
Paragraph
Vertrag vgl. Nono-Schoenberg 1998, S.
109.
Aufführungen
Schönbergs Kalender enthält 15
Einträge zur ersten Tournee von Pierrot
Lunaire op. 21 (Unterstreichungen kennzeichnen eigene
Dirigate), davon fanden statt:
9. Oktober 1912, Berlin, Choralion-Saal, Aufführung für geladene
Gäste;
16. Oktober 1912, Berlin, Choralion-Saal;
19. Oktober 1912, Hamburg, Musikhalle;
24. Oktober 1912, Dresden,
Künstlerhaus;
31. Oktober 1912, Breslau, Kammermusiksaal;
2. November 1912, Wien, Bösendorfer-Saal;
5. November 1912, München, Bayerischer Hof;
11. November 1912, Stuttgart, Oberes Museum; 14. November
1912, Karlsruhe;
15. November 1912, Mannheim, Kasinosaal; 17. November 1912, Frankfurt am Main; 22. November 1912, Greiz
Zwei
Wiederholungsaufführungen in Berlin am 1. und
8. Dezember kamen kurzfristig
hinzu (Kalendereinträge ASCI
DC12043; ASCI
DC12044; ASCI
DC12045; ASCI
DC12046; ASGA B 24/1, S. 223).
fotografisch
Die Partitur erschien als Faksimile der
Partiturreinschrift (ASGA B 16/1, Quelle C) mit Lieferdatum: 8. November 1912, Auflage: 500 (Buchon 2015, Bd. 5,
S. 660), stellte sich jedoch als zu kleindimensioniert für
Dirigierzwecke heraus.
so wie
Peters bei den Orchesterstücken
Publikation im Verlag
C. F. Peters Anfang April 1912, Auflage: 50; gleichzeitig
erschien eine Studienpartitur, Auflage: 200 (ASGA B 12, S. 8; Giering 2025, S.
54).
Studienausgabe
Eine Studienausgabe der
autographierten Partitur wurde nicht realisiert.
4 Werke die gedruckt
sind
Erfolg
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Universal-Edition, 19. August 1912, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.6512.