11/12. 1912
Lieber Herr Direktor, seien Sie mir nicht bös, ich kann
leider in der Sache mit dem Kopisten1 nicht eingreifen.
Denn ich habe ihm das hohe Honorar (mit Ihrer Zustimmung)
nicht für die Schönheit oder besondere Qualität der Arbeit
zugesagt, sondern für die Raschheit und für die Ein-
haltung des Lieferungstermins. Ich kann also eine
solche Bedingung, da ich sie nicht vorher gestellt habe, nicht
nachträglich stellen. Außerdem aber glaube ich, dass Sie
beruhigt sein können. Der Kopist wurde mir von
Simrock empfohlen, da wird er wohl auch gut sein.
Uebrigens habe ich ihm geschrieben, er möge die Nachnahme
aufheben. Ich hoffe, es wird sich also alles zur Zufriedenheit
lösen. – Eben kommt Ihr Brief2, betreffend den
Gurrelieder Auszug3. Ich kann das nicht machen, denn ich
habe gar keine Zeit; ich fahre ja schon am 15. nach Peters-
burg
4! Und mein Bruder wird große Mühe haben, mit den
Kammersinfoniestimmen
fertig zu werden. Er schreibt
sie tatsächlich wunderschön, aber sehr langsam, was ja in
Anbetracht der Schwierigkeit begreiflich ist. Aber ich glaube
auch nicht, dass er so etwas machen kann. Dazu müsste

er Partiturlesen können und einen Begr[iff] davon
haben, wie ein Partiturbild im Klavierauszug aussieht!
Und das können manche Wiener I-Kapellmeister nicht.
Jedenfalls die Kritiker nicht! – Aber ich empfehle
Herrn Schmidt dazu (Bergs Schüler, also mein
„Enkel“-Schüler) – Jedenfalls bitte ich Sie den
Auszug so rasch, wie möglich drucken zu lassen5. Es
wäre fürs Werk sehr nötig! – Dann zur Partitur: Ich
glaube zwarnämlich nicht, dass die 10.000 Menschen, die
sich augenblicklich über meine Musik erhitzen ge-
rade zu jenen gehören, die an den österreichischen
Geldverlegenheiten beteiligt sind. Denn sie sitzen
zum größten Theil außerhalb der österreichischen Bannmeile:
in England, Amsterdam, Paris, Berlin, München
Petersburg etc. Das[s] das so ist mögen Ihnen einige
Zeitungsausschnitte beweisen, die man mir unverlangt zu-
schickt. Außer diesen giebt es zweifellos noch viele,
denn Frau Zehme besitzt vom Pierrot allein cirka 200.
Aber abgesehen davon, wäre ich Ihnen sehr dankbar,
wenn Sie die Partitur einstweilen inofficiel
wenigstens jenen ausliefern wollten, die sie
direkt verlangen. Das kann doch keinesfalls schaden.

Außerdem bitte ich Sie schleunigst je eine Partitur
der Gurrelieder zu senden an:
Bodanzky6 und Mengelberg7 wollen beide bestimmt
nächstes Jahr die Gurrelieder aufführen. Mengelberg
hat mir freigestellt es so zu machen wie Mahler
(seine eigenen Worte) und ihm zu sagen, was er
nächstes Jahr bringen soll. Ich schlug ihm die Gurre-
lieder
vor und er war sehr einverstanden. Bitte senden Sie diese Noten sofort!!!!
Nun noch etwas: ich schreibe eben die Reinpartitur8
meiner „Glücklichen Hand“ (Drama mit Musik) die
wäre in cirka 4–5 Wochen fertig. Nun fällt mir ein,
da ich die ohnedies sehr langsam schreibe, könnte
ich sie gleich auf Straubepapier schreiben, was
ja nichts kostet, aber den Vorteil hätte, dass man
für cirka 90–120 Mark 50–100 Exemplare
sofort abdrucken lassen könnte. Man ersparte

dabei die Kosten einer Abschrift, Fe[hl]erkorrekturen
und Fotografie etc. Ich höre, dass Bittner das auch
so macht und finde es enorm praktisch. Aber ich
täte es nur, wenn Sie entschlossen sind, das
gleich machen zu lassen. Es sind etwa 60 Seiten
8 Seiten kosten bei Straube für 100 Exemplare
12 Mark und Papier. Wie Sie wissen kann
man dann stets weitere Abzüge machen lassen.
Sie hätten auf solche Art aufs Billigste wieder
ein Werk von mir herausgegeben.
Nun bitte ich Sie schleunigst um Ihre Zu-
sage, damit ich in der Arbeit
nicht aufgehalten
bin, denn ich habe schon 13 Seiten gewöhnlich ge-
schrieben, die ich ohnedies abschreiben muss!
In Mannheim soll ein sehr großer Erfolg (und eine ausge-
zeichnete Aufführung9) gewesen sein. Dass man in den Kritiken10
meine Musik der Busonis vorzieht, ist für Busoni
höchst ehrenvoll. Ich beobachte das Schaffen dieses Pianisten nicht ohne
Interesse, aber ich habe wirklich nicht geglaubt, dass er schon so weit
ist, um mit mir verglichen zu werden. Sollte er schon so viel von
mir gelernt haben? Dass das so rasch geht?!? Na, ich gönns ihm!
Jetzt Schluß; ich muss anderes arbeiten.
Herzliche Grüße
Ihr
Arnold Schönberg
11/12. 1912
Lieber Herr Direktor, seien Sie mir nicht bös, ich kann leider in der Sache mit dem Kopisten1 nicht eingreifen. Denn ich habe ihm das hohe Honorar (mit Ihrer Zustimmung) nicht für die Schönheit oder besondere Qualität der Arbeit zugesagt, sondern für die Raschheit und für die Einhaltung des Lieferungstermins. Ich kann also eine solche Bedingung, da ich sie nicht vorher gestellt habe, nicht nachträglich stellen. Außerdem aber glaube ich, dass Sie beruhigt sein können. Der Kopist wurde mir von Simrock empfohlen, da wird er wohl auch gut sein. Uebrigens habe ich ihm geschrieben, er möge die Nachnahme aufheben. Ich hoffe, es wird sich also alles zur Zufriedenheit lösen. – Eben kommt Ihr Brief2, betreffend den Gurrelieder Auszug3. Ich kann das nicht machen, denn ich habe gar keine Zeit; ich fahre ja schon am 15. nach Petersburg4! Und mein Bruder wird große Mühe haben, mit den Kammersinfoniestimmen fertig zu werden. Er schreibt sie tatsächlich wunderschön, aber sehr langsam, was ja in Anbetracht der Schwierigkeit begreiflich ist. Aber ich glaube auch nicht, dass er so etwas machen kann. Dazu müsste er Partiturlesen können und einen Begriff davon haben, wie ein Partiturbild im Klavierauszug aussieht! Und das können manche Wiener I-Kapellmeister nicht. Jedenfalls die Kritiker nicht! – Aber ich empfehle Herrn Schmidt dazu (Bergs Schüler, also mein „Enkel“-Schüler) – Jedenfalls bitte ich Sie den Auszug so rasch, wie möglich drucken zu lassen5. Es wäre fürs Werk sehr nötig! – Dann zur Partitur: Ich glaube nämlich nicht, dass die 10.000 Menschen, die sich augenblicklich über meine Musik erhitzen gerade zu jenen gehören, die an den österreichischen Geldverlegenheiten beteiligt sind. Denn sie sitzen zum größten Theil außerhalb der österreichischen Bannmeile: in England, Amsterdam, Paris, Berlin, München Petersburg etc. Dass das so ist mögen Ihnen einige Zeitungsausschnitte beweisen, die man mir unverlangt zuschickt. Außer diesen giebt es zweifellos noch viele, denn Frau Zehme besitzt vom Pierrot allein cirka 200. Aber abgesehen davon, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Partitur einstweilen inofficiel wenigstens jenen ausliefern wollten, die sie direkt verlangen. Das kann doch keinesfalls schaden. Außerdem bitte ich Sie schleunigst je eine Partitur der Gurrelieder zu senden an:
Bodanzky6 und Mengelberg7 wollen beide bestimmt nächstes Jahr die Gurrelieder aufführen. Mengelberg hat mir freigestellt es so zu machen wie Mahler (seine eigenen Worte) und ihm zu sagen, was er nächstes Jahr bringen soll. Ich schlug ihm die Gurrelieder vor und er war sehr einverstanden. Bitte senden Sie diese Noten sofort!!!!
Nun noch etwas: ich schreibe eben die Reinpartitur8 meiner „Glücklichen Hand“ (Drama mit Musik) die wäre in cirka 4–5 Wochen fertig. Nun fällt mir ein, da ich die ohnedies sehr langsam schreibe, könnte ich sie gleich auf Straubepapier schreiben, was ja nichts kostet, aber den Vorteil hätte, dass man für cirka 90–120 Mark 50–100 Exemplare sofort abdrucken lassen könnte. Man ersparte dabei die Kosten einer Abschrift, Fehlerkorrekturen und Fotografie etc. Ich höre, dass Bittner das auch so macht und finde es enorm praktisch. Aber ich täte es nur, wenn Sie entschlossen sind, das gleich machen zu lassen. Es sind etwa 60 Seiten 8 Seiten kosten bei Straube für 100 Exemplare 12 Mark und Papier. Wie Sie wissen kann man dann stets weitere Abzüge machen lassen. Sie hätten auf solche Art aufs Billigste wieder ein Werk von mir herausgegeben.
Nun bitte ich Sie schleunigst um Ihre Zusage, damit ich in der Arbeit nicht aufgehalten bin, denn ich habe schon 13 Seiten gewöhnlich geschrieben, die ich ohnedies abschreiben muss!
In Mannheim soll ein sehr großer Erfolg (und eine ausgezeichnete Aufführung9) gewesen sein. Dass man in den Kritiken10 meine Musik der Busonis vorzieht, ist für Busoni höchst ehrenvoll. Ich beobachte das Schaffen dieses Pianisten nicht ohne Interesse, aber ich habe wirklich nicht geglaubt, dass er schon so weit ist, um mit mir verglichen zu werden. Sollte er schon so viel von mir gelernt haben? Dass das so rasch geht?!? Na, ich gönns ihm!
Jetzt Schluß; ich muss anderes arbeiten.
Herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 11. Dezember 1912, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.7028.

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