Arnold Schönberg an Universal-Edition
8. Jänner 1923
I.) Sie haben mir zugesagt, dass die Waldtaube, noch ehe ich
abreise in Wien probiert werden wird und dass ich ein tadelloses Ma
Material bekommen werde. Ich muss Ihnen aber sagen, dass ich mit dem
Material, dass Sie mir da mitgeben wollen, nicht reise. Das hat kein
Notenschreiber geschrieben, [geschrieben] oder doch mindestens einer mit
sehr wenig Uebung. Haben Sie keine besseren Schreiber? Mindestens
ein Teil der Stimmen muss neu geschrieben werden, weil ich m[e]ine Pro-
[b]e1 nicht auf Verbessern der schlechtleserlichen Noten verwenden
kann. Ich lasse Ihnen durch Greissle Näheres sagen.
abreise in Wien probiert werden wird und dass ich ein tadelloses Ma
Material bekommen werde. Ich muss Ihnen aber sagen, dass ich mit dem
Material, dass Sie mir da mitgeben wollen, nicht reise. Das hat kein
Notenschreiber geschrieben, [geschrieben] oder doch mindestens einer mit
sehr wenig Uebung. Haben Sie keine besseren Schreiber? Mindestens
ein Teil der Stimmen muss neu geschrieben werden, weil ich m[e]ine Pro-
[b]e1 nicht auf Verbessern der schlechtleserlichen Noten verwenden
kann. Ich lasse Ihnen durch Greissle Näheres sagen.
II.) Zemlinsky fragt2 mich, ob er noch für heuer (Frühjahr) die
Erwartung zur Uraufführung3 bekommen kann und will umgehend wissen,
ob er sofort den Klavierauszug und (das ist besonders dringend, weil
Spezialproben mit je 4–6 Instrumenten vor Beginn der Gesammtproben
abgehalten werden), ob er sofort ein ORCHESTER MATE-
RIAL haben kann. Bitte antworten Sie ihm direkt, teilen Sie mir
[mir] aber mit, was Sie ihm geschrieben haben. Ich habe natürlich für
[m]eine Person mit grösster Freude zugesagt4, weil ich auf diese Auf-
führung geradezu gewartet habe!
Erwartung zur Uraufführung3 bekommen kann und will umgehend wissen,
ob er sofort den Klavierauszug und (das ist besonders dringend, weil
Spezialproben mit je 4–6 Instrumenten vor Beginn der Gesammtproben
abgehalten werden), ob er sofort ein ORCHESTER MATE-
RIAL haben kann. Bitte antworten Sie ihm direkt, teilen Sie mir
[mir] aber mit, was Sie ihm geschrieben haben. Ich habe natürlich für
[m]eine Person mit grösster Freude zugesagt4, weil ich auf diese Auf-
führung geradezu gewartet habe!
Ueber Tischer & Jagenberg werde ich mich
dieser Tage äussern.
Das ist ein Mensch von sehr geringer[...] Intelligenz und noch ge-
ringerer Anständigkeit. Es ist dumm und gemein zugleich, zu erwartend,
dass man die Geschichte5 von den verlorenen Abrechnungsbriefen glau-
ben soll. Das kann doch jeder sagen! Alle Briefe kommen an, nur die
mit einer ungünstigen Abrechnung nicht: denn solche mit günstiger,
erhält man schon. Als ob mir diese diebische Autrottelngesellschaft
(G’sellschaft) nicht mit derselben Lüge gekommen wäre!
Das ist ein Mensch von sehr geringer[...] Intelligenz und noch ge-
ringerer Anständigkeit. Es ist dumm und gemein zugleich, zu erwartend,
dass man die Geschichte5 von den verlorenen Abrechnungsbriefen glau-
ben soll. Das kann doch jeder sagen! Alle Briefe kommen an, nur die
mit einer ungünstigen Abrechnung nicht: denn solche mit günstiger,
erhält man schon. Als ob mir diese diebische Autrottelngesellschaft
(G’sellschaft) nicht mit derselben Lüge gekommen wäre!
Ich bitte Sie um Ihre aufrichtige Meinung, ob ich weiter
gehen soll, oder die Sache laufen lassen soll.
gehen soll, oder die Sache laufen lassen soll.
Ich bin mit den herzlichsten Grüssen Ihr
Arnold Schönberg
[U]
Ueber die Höhe des an Frau Hartleben zu zahlenden Honorars6
bitte ich Sie selbst Vorschläge zu machen, da nur Sie allein
wissen was der Pierrot trägt (nebst Gott, natürlich) und ein Anteil doch
doch nur von den Erträgnissen, nicht aber vom wahren Wert gezahlt wer
werden kann. Nein im Ernst, ich kann mir das wirklich nicht berechnen.
Ich setelle mich dabei keineswegs auf den Standpunkt, dass sie keinen
Anspruch hat, denn das ist bloss ein Mangel des Gesetzes. Sondern
ich meine, man müsste so vorgehen, dass man den Anspruch, den der Ue-
bersetzer hat, in ein Verhältnis zum Anspruch des Verfassers eines
Originaltextbuches setzt[...] und bei dem gefundenen Wert noch be-
rücksichtigt 1., dass die Auswahl und Zusammenstellung der Gedichte zu
dem speciellen Wirkungsgrad, sowie die ganze Zusammenstellung des
Ausführenden Organs mein geistiges Eigenthum ist. 2. Dass die Erträg-
nisse eines derartigen Werkes nicht mit der Zahl der Besucher, wie
bei Bühnenwerken wachsen. 3. Dass nicht Ensuite- aufführungen son-
dern bloss einzelne Konzerte die Quelle der Eingänge bilden, dass
somit die Möglichkeiten für den Komponisten einen Gewinn aus seiner
Arbeit zu ziehen mit denen eines Theaterkomponisten nicht verglichen
werden können. ––––– Das ungefähr ist für mich moralisch die Rechtsla
ge, deren Konsequenzen ich mich nicht entziehen möchte. Aber aller-
dings kann ich nicht den Mäcen machen und über das, was mein Ge-
wissen mir vorschreibt hinausgehen, weil das Zugestandene ein meine
Verhältnisse überschreitendes Opfer darstellt. Darum und auch aus
technischen Gründen ist es nötig dass sie die Höhe der von uns
an Frau Hartleben aus unseren Erträgnissen (diesen angemessen) zu
zahlenden Abfindung berechnen.
Ueber die Höhe des an Frau Hartleben zu zahlenden Honorars6
bitte ich Sie selbst Vorschläge zu machen, da nur Sie allein
wissen was der Pierrot trägt (nebst Gott, natürlich) und ein Anteil doch
doch nur von den Erträgnissen, nicht aber vom wahren Wert gezahlt wer
werden kann. Nein im Ernst, ich kann mir das wirklich nicht berechnen.
Ich setelle mich dabei keineswegs auf den Standpunkt, dass sie keinen
Anspruch hat, denn das ist bloss ein Mangel des Gesetzes. Sondern
ich meine, man müsste so vorgehen, dass man den Anspruch, den der Ue-
bersetzer hat, in ein Verhältnis zum Anspruch des Verfassers eines
Originaltextbuches setzt[...] und bei dem gefundenen Wert noch be-
rücksichtigt 1., dass die Auswahl und Zusammenstellung der Gedichte zu
dem speciellen Wirkungsgrad, sowie die ganze Zusammenstellung des
Ausführenden Organs mein geistiges Eigenthum ist. 2. Dass die Erträg-
nisse eines derartigen Werkes nicht mit der Zahl der Besucher, wie
bei Bühnenwerken wachsen. 3. Dass nicht Ensuite- aufführungen son-
dern bloss einzelne Konzerte die Quelle der Eingänge bilden, dass
somit die Möglichkeiten für den Komponisten einen Gewinn aus seiner
Arbeit zu ziehen mit denen eines Theaterkomponisten nicht verglichen
werden können. ––––– Das ungefähr ist für mich moralisch die Rechtsla
ge, deren Konsequenzen ich mich nicht entziehen möchte. Aber aller-
dings kann ich nicht den Mäcen machen und über das, was mein Ge-
wissen mir vorschreibt hinausgehen, weil das Zugestandene ein meine
Verhältnisse überschreitendes Opfer darstellt. Darum und auch aus
technischen Gründen ist es nötig dass sie die Höhe der von uns
an Frau Hartleben aus unseren Erträgnissen (diesen angemessen) zu
zahlenden Abfindung berechnen.
Wenn ich selbst versuchen wollte einen Schlüssel zu finden, so könnte
ich z. B. sagen: Ich bekomme gegenwärtig von Ihnen als Garantie den
minimalen Betrag von 1800 Frk. jährlich für mehr als 20 Wer
ke, durchschnittlich pro Werk und Jahr: 90 Frk. Nehmen wir eine Be-
teiligung des Uebersetzers mit 5 % an, und geben wir ihm (obwohl die
früheren Jahre das natürlich nicht eingebracht haben) den fünffachen
Jahres betrag als einmalige Abfindung, so schiene mir das als mein
Anteil, meinen Erträgnissen angemessen. Das wievielfache dies -
ses Betrages Sie zu[n] zahlen haben, und was das ausmacht, werden
Sie mit Hilfe von Logarithmen leicht bestimmen können.
ich z. B. sagen: Ich bekomme gegenwärtig von Ihnen als Garantie den
minimalen Betrag von 1800 Frk. jährlich für mehr als 20 Wer
ke, durchschnittlich pro Werk und Jahr: 90 Frk. Nehmen wir eine Be-
teiligung des Uebersetzers mit 5 % an, und geben wir ihm (obwohl die
früheren Jahre das natürlich nicht eingebracht haben) den fünffachen
Jahres betrag als einmalige Abfindung, so schiene mir das als mein
Anteil, meinen Erträgnissen angemessen. Das wievielfache dies -
ses Betrages Sie zu[n] zahlen haben, und was das ausmacht, werden
Sie mit Hilfe von Logarithmen leicht bestimmen können.
Nochmals herzliche Grüsse Ihr
Pro
[b]e
Zemlinsky fragt
Alexander Zemlinsky an
Arnold Schönberg, Jänner 1923 (ASCC 18730).
Uraufführung
zugesagt
Arnold Schönberg an
Alexander Zemlinsky, 8. Jänner 1923 (ASCC 773).
Geschichte
Tischer & Jagenberg an
Arnold Schönberg, 4. Oktober 1922 (ASCC
20605).
Honorars
Für die deutsche Übersetzung der Texte von
Albert Giraud „Lieder des Pierrot lunaire“ op. 21 von Otto Erich Hartleben.
Albert Giraud „Lieder des Pierrot lunaire“ op. 21 von Otto Erich Hartleben.
Lieber Herr Direktor, zwei sehr wichtige Dinge um derer umgehende Erledigung ich Sie sehr bitte:
I.) Sie haben mir zugesagt, dass die Waldtaube, noch ehe ich abreise in Wien probiert werden wird und dass ich ein tadelloses
Material bekommen werde. Ich muss Ihnen aber sagen, dass ich mit dem
Material, dass Sie mir da mitgeben wollen, nicht reise. Das hat kein
Notenschreiber geschrieben, oder doch mindestens einer mit sehr wenig Uebung. Haben Sie
keine besseren Schreiber? Mindestens ein Teil der Stimmen muss neu
geschrieben werden, weil ich meine Pro
be1 nicht auf Verbessern der schlechtleserlichen Noten
verwenden kann. Ich lasse Ihnen durch Greissle Näheres sagen.
II.) Zemlinsky fragt2 mich, ob er noch für heuer (Frühjahr) die
Erwartung zur Uraufführung3 bekommen kann
und will umgehend wissen, ob er sofort den
Klavierauszug und (das
ist besonders dringend, weil Spezialproben mit je 4–6 Instrumenten
vor Beginn der Gesammtproben abgehalten werden), ob er sofort
ein ORCHESTER MATERIAL haben kann. Bitte antworten Sie ihm direkt, teilen Sie mir
aber mit, was Sie ihm geschrieben haben. Ich habe natürlich für
meine Person mit grösster Freude zugesagt4, weil ich auf diese Aufführung geradezu gewartet habe!
Ueber Tischer & Jagenberg werde ich mich
dieser Tage äussern. Das ist ein Mensch von sehr geringer Intelligenz und noch geringerer Anständigkeit. Es ist dumm und gemein zugleich, zu
erwarten, dass man die Geschichte5 von den verlorenen Abrechnungsbriefen glauben soll. Das kann doch jeder sagen! Alle Briefe kommen an,
nur die mit einer ungünstigen Abrechnung nicht: denn solche mit
günstiger, erhält man schon. Als ob mir diese diebische Autrottelngesellschaft
(G’sellschaft) nicht mit derselben Lüge gekommen wäre!
Ich bitte Sie um Ihre aufrichtige Meinung, ob ich weitergehen, oder die Sache laufen lassen
soll.
Ueber die Höhe des an Frau Hartleben zu zahlenden Honorars6
bitte ich Sie selbst Vorschläge zu machen, da nur Sie allein
wissen was der Pierrot trägt (nebst
Gott, natürlich) und ein Anteil
doch nur von den Erträgnissen, nicht aber vom wahren Wert gezahlt
werden kann. Nein im Ernst, ich kann mir das wirklich nicht berechnen.
Ich stelle mich dabei keineswegs auf den
Standpunkt, dass sie keinen Anspruch hat, denn das ist bloss ein Mangel
des Gesetzes. Sondern ich meine, man müsste so vorgehen, dass man den
Anspruch, den der Uebersetzer hat, in ein Verhältnis zum Anspruch des Verfassers
eines Originaltextbuches setzt und bei dem gefundenen Wert noch berücksichtigt 1., dass die Auswahl und Zusammenstellung der
Gedichte zu dem speciellen Wirkungsgrad, sowie die ganze
Zusammenstellung des Ausführenden Organs mein geistiges Eigenthum ist.
2. Dass die Erträgnisse eines derartigen Werkes nicht mit der Zahl der
Besucher, wie bei Bühnenwerken wachsen. 3. Dass nicht Ensuite-
aufführungen sondern bloss einzelne Konzerte die Quelle der Eingänge bilden,
dass somit die Möglichkeiten für den Komponisten einen Gewinn aus
seiner Arbeit zu ziehen mit denen eines Theaterkomponisten nicht
verglichen werden können. ––––– Das ungefähr ist für mich moralisch die
Rechtslage, deren Konsequenzen ich mich nicht entziehen
möchte. Aber allerdings kann ich nicht den Mäcen machen und über das, was mein
Gewissen mir vorschreibt hinausgehen, weil das Zugestandene
ein meine Verhältnisse überschreitendes Opfer darstellt. Darum und auch
aus technischen Gründen ist es nötig dass sie die Höhe der von uns
an Frau Hartleben aus unseren
Erträgnissen (diesen angemessen) zu zahlenden Abfindung berechnen.
Wenn ich selbst versuchen wollte einen Schlüssel zu finden, so könnte
ich z. B. sagen: Ich bekomme gegenwärtig von Ihnen als Garantie den
minimalen Betrag von 1800 Frk. jährlich für mehr als
20 Werke, durchschnittlich pro Werk und Jahr: 90 Frk. Nehmen
wir eine Beteiligung des Uebersetzers mit 5 % an, und geben wir ihm
(obwohl die früheren Jahre das natürlich nicht eingebracht haben) den
fünffachen Jahres betrag als einmalige Abfindung, so schiene mir das
als mein Anteil, meinen Erträgnissen angemessen. Das wievielfache
die
ses Betrages Sie zu zahlen haben, und was das ausmacht, werden Sie mit Hilfe von Logarithmen leicht
bestimmen können.
Pro
[b]e
Zemlinsky fragt
Alexander Zemlinsky an
Arnold Schönberg, Jänner 1923 (ASCC 18730).
Uraufführung
zugesagt
Arnold Schönberg an
Alexander Zemlinsky, 8. Jänner 1923 (ASCC 773).
Geschichte
Tischer & Jagenberg an
Arnold Schönberg, 4. Oktober 1922 (ASCC
20605).
Honorars
Für die deutsche Übersetzung der Texte von
Albert Giraud „Lieder des Pierrot lunaire“ op. 21 von Otto Erich Hartleben.
Albert Giraud „Lieder des Pierrot lunaire“ op. 21 von Otto Erich Hartleben.
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Universal-Edition, 8. Jänner 1923, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.774.