W
Wohlgeboren
Herrn Prof. Arnold Schönberg
Lieber Herr Schönberg!
Ihre Diagnose ist nur halbrichtig. Ich bin zur Zeit als
ich Ihnen das letztemal schrieb, allerdings unter einer argen
Verstimmung gestanden, es war aber keine Magenverstimmung, wie
Sie annehmen. Ihre freundl. Wünsche für die baldige Besserung
haben schon teilweise ihre Wirkung getan und ich danke Ihnen für
dieselben. Ohne mein letztes Schreiben nochmals durchlesen zu
müssen, kann ich Ihnen ehrlich und offen erklären, dass von mir
weder Sticheleien, noch auch Ironie beabsichtigt war und dass
es mir leid tut, wenn irgend eine Wendung von Ihnen so aufgefasst
werden konnte. Ich freue mich, dass Sie auf einen verdriesslichen
Erguss von meiner Seite mit einem fein Humoristischen reagieren
und ich stehe nicht an zu erklären, dass Ihr letztes Schreiben und Ihre
Vorschläge nach jeder Richtung hin wohlwollend und entgegenkommend
sind. –
I. Nach Amsterdam1 habe ich inzwischen die Bedingungen be-
kanntgegeben und ich glaube nicht, dass dieselben ein Hindernis für
die Annahme2 bilden werden.

II. Die Partitur „Gurrelieder“ wird also vorerst noch nicht
gestochen, aber auch nicht autographiert und so wie die Chancen
für das Werk und die allgemeinen Verhältnisse besser werden, wird
sofort mit dem Stich begonnen.
III. Die zwei kompletten Aufführungsmateriale werden an Hand
Ihrer definitiven Partitur sorgfältig eingerichtet und werden ohne
Schwierigkeit für Leipzig3, Amsterdam und München4 ausreichen.
IV. An Zemlinsky schrieb ich, dass er, falls die Prager
Aufführung5 definitiv ist, mir diesbzgl. sofort bindende Mittei-
lungen der Direktion zukommen lassen soll und lege ihm gleich-
zeitig nahe, die Aufführung nicht vor Mitte Jänner anzusetzen
(was ja auch keinesfalls in seiner Absicht liegt), denn Mitte
Dezember bekommen wir ja das Material aus Amsterdam zurück und
Zemlinsky hat dann vier Wochen Zeit, mit diesem Material Orchester-
proben zu halten.
V. Bezüglich der Harmonielehre will ich mich damit einver-
standen erklären, dass in Zukunft die Hälfte der Ihren Anteil
betreffenden Eingänge bis zur Tilgung der Herstellungskosten zur
Deckung derselben verwendet werden, während die andere Hälfte auf
das Hauptkonto kommt. Sie werden also von den Gesamteingängen
für die Harmonielehre 25 % (die Hälfte Ihrer Hälfte) auf Konto
gutgeschrieben bekommen, während die übrigen 25 % zur Amortisa-
tion Ihrer Hälfte verwendet werden. Dieser Verteilungsmodus wird
schon in der Abrechnung des ersten Semesters 1914 zur Anwendung
gelangen. Ich hoffe, Sie sind mit dieser Erledigung zufrieden und
es ist nunmehr keinerlei Divergenz in unserem Abrechnungsverhältnis
vorhanden.

VI. Eben im Begriffe, die Monodram-Partitur stechen zu
lassen, kommt mir die Idee, ob es nicht sehr zweckmässig wäre,
in diese Partitur auf einem separaten System den Klavierauszug
mitzustechen, selbstredend mit einer Bemerkung, dass die Klavier-
stimme nicht zum Orchester gehört und lediglich zur Erleichterung
des Studiums dienen soll. Ich glaube, dass dieser Vorschlag eine
Erwägung verdient, weil er uns über das Fehlen eines Klavierauszuges
hinweghelfen würde. Natürlich werden die Herstellungskosten der
Partitur dadurch höher, aber ich glaube, dass auch die Absatzmög-
lichkeiten durch die unterlegte Klavierstimme eine erhöhte wird,
denn es werden sich dadurch auch Leute die Partitur kaufen, die
ohne Klavierstimme davon absehen würden. Ich erbitte mir Ihre
Ansicht über diese Sache und wenn Sie einverstanden wären, auch
die sofortige Einsendung des Klavierauszuges6, der sich ja in Ihren
Händen befindet.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener

W
Wohlgeboren
Herrn Prof. Arnold Schönberg
Lieber Herr Schönberg!
Ihre Diagnose ist nur halbrichtig. Ich bin zur Zeit als ich Ihnen das letztemal schrieb, allerdings unter einer argen Verstimmung gestanden, es war aber keine Magenverstimmung, wie Sie annehmen. Ihre freundl. Wünsche für die baldige Besserung haben schon teilweise ihre Wirkung getan und ich danke Ihnen für dieselben. Ohne mein letztes Schreiben nochmals durchlesen zu müssen, kann ich Ihnen ehrlich und offen erklären, dass von mir weder Sticheleien, noch auch Ironie beabsichtigt war und dass es mir leid tut, wenn irgend eine Wendung von Ihnen so aufgefasst werden konnte. Ich freue mich, dass Sie auf einen verdriesslichen Erguss von meiner Seite mit einem fein Humoristischen reagieren und ich stehe nicht an zu erklären, dass Ihr letztes Schreiben und Ihre Vorschläge nach jeder Richtung hin wohlwollend und entgegenkommend sind. –
I. Nach Amsterdam1 habe ich inzwischen die Bedingungen bekanntgegeben und ich glaube nicht, dass dieselben ein Hindernis für die Annahme2 bilden werden.
II. Die Partitur „Gurrelieder“ wird also vorerst noch nicht gestochen, aber auch nicht autographiert und so wie die Chancen für das Werk und die allgemeinen Verhältnisse besser werden, wird sofort mit dem Stich begonnen.
III. Die zwei kompletten Aufführungsmateriale werden an Hand Ihrer definitiven Partitur sorgfältig eingerichtet und werden ohne Schwierigkeit für Leipzig3, Amsterdam und München4 ausreichen.
IV. An Zemlinsky schrieb ich, dass er, falls die Prager Aufführung5 definitiv ist, mir diesbzgl. sofort bindende Mitteilungen der Direktion zukommen lassen soll und lege ihm gleichzeitig nahe, die Aufführung nicht vor Mitte Jänner anzusetzen (was ja auch keinesfalls in seiner Absicht liegt), denn Mitte Dezember bekommen wir ja das Material aus Amsterdam zurück und Zemlinsky hat dann vier Wochen Zeit, mit diesem Material Orchesterproben zu halten.
V. Bezüglich der Harmonielehre will ich mich damit einverstanden erklären, dass in Zukunft die Hälfte der Ihren Anteil betreffenden Eingänge bis zur Tilgung der Herstellungskosten zur Deckung derselben verwendet werden, während die andere Hälfte auf das Hauptkonto kommt. Sie werden also von den Gesamteingängen für die Harmonielehre 25 % (die Hälfte Ihrer Hälfte) auf Konto gutgeschrieben bekommen, während die übrigen 25 % zur Amortisation Ihrer Hälfte verwendet werden. Dieser Verteilungsmodus wird schon in der Abrechnung des ersten Semesters 1914 zur Anwendung gelangen. Ich hoffe, Sie sind mit dieser Erledigung zufrieden und es ist nunmehr keinerlei Divergenz in unserem Abrechnungsverhältnis vorhanden.
VI. Eben im Begriffe, die Monodram-Partitur stechen zu lassen, kommt mir die Idee, ob es nicht sehr zweckmässig wäre, in diese Partitur auf einem separaten System den Klavierauszug mitzustechen, selbstredend mit einer Bemerkung, dass die Klavierstimme nicht zum Orchester gehört und lediglich zur Erleichterung des Studiums dienen soll. Ich glaube, dass dieser Vorschlag eine Erwägung verdient, weil er uns über das Fehlen eines Klavierauszuges hinweghelfen würde. Natürlich werden die Herstellungskosten der Partitur dadurch höher, aber ich glaube, dass auch die Absatzmöglichkeiten durch die unterlegte Klavierstimme eine erhöhte wird, denn es werden sich dadurch auch Leute die Partitur kaufen, die ohne Klavierstimme davon absehen würden. Ich erbitte mir Ihre Ansicht über diese Sache und wenn Sie einverstanden wären, auch die sofortige Einsendung des Klavierauszuges6, der sich ja in Ihren Händen befindet.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener
Emil Hertzka

1. Mai 1914


Ein Digitalisat von Seite 3 ist nicht verfügbar, sie lässt sich aber auf der Rückseite von Seite 2 deutlich lesen (vgl. auch ASGA B 6/2, S. 233).

The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 1. Mai 1914, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.17534.

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