D/Wi-
Wien, 15. Februar 1932.
Herrn
Barcelona
Hochverehrter Meister Schönberg!
Es ist richtig, dass wir Ihnen vor vielen Jahren * eine Zu-
sage
1 gemacht haben, die „Gurrelieder“ in Amerika nur einer Gesell-
chaft zur Erstaufführung zu überlassen, die sich verpflichtet,
das Werk von Ihnen selbst dirigieren zu lassen. Diese Zusage ist
zu einer Zeit gemacht worden, in welcher die Verhältnisse sowohl
in Europa als auch in Amerika grundverschieden von den jetzigen
waren und in der ein derartiger wirtschaftlicher Umsturz gar nicht
vorhersehbar war. Wir haben schon in den guten Zeiten wiederholte
energische Versuche gemacht, Ihren Wunsch, die amerikanische Erst-
aufführung zu dirigieren, durchzusetzen. Es ist ja klar, dass eine
derartige von Ihnen geleitete Aufführung auch in unserem Interesse
gelegen wäre und dass wir daran, dass Sie nach Amerika kommen, um
das Werk persönlich zu dirigieren, auch materiell in hervorragen-
der Weise mitinteressiert gewesen wären. Leider waren wir aber schon
zur Zeit, als es in Amerika wirklich noch Mäzene und reiche Konzert-
unternehmungen gegeben hat, ganz ausserstande, die von Ihnen und
uns gehegte Absichten zu verwirklichen. Als sich im Herbst 1929
der amerikanische Krach ereignete, war jede Hoffnung, unseren Plan
durchzusetzen, vereitelt. Im Frühjahr 1930 hat Herr Direktor Hertzka
persönlich in verschiedenen Städten in U.S.A. mit den zahlreichen

Dirigenten, mit denen er zusammengekommen ist, mündliche Unterhandlun-
gen wegen einer etwaigen Aufführung der „Gurrelieder“ unter Ihrer
Leitung geführt. Es wurde aber von allen, die für die Sache in Be-
tracht kommen konnten, eine derartige Möglichkeit als vollkommen
ausgeschlossen bezeichnet. – Bei der neuerlichen Anwesenheit von
Herrn Direktor Hertzka in New York und Philadelphia im Frühjahr
1931 lag die Situation noch hoffnungsloser, sodass es ihm zu voller
Gewissheit wurde, dass eine Einhaltung Ihres Wunsches und seiner
seinerzeitigen Zusage nicht nur für jetzt, sondern auch für lange
Jahre hinaus etwas ganz Unerfüllbares geworden ist. So hat er sich
entschliessen müssen, dem hervorragendsten amerikanischen Dirigen-
ten, Stokowsky der für eine amerikanische Erstaufführung2 prädestiniert er-
scheint (Wozzeck!), diese Erstaufführung zu übertragen. Die Nicht-
überlassung der „Gurrelieder“ an Stokowsky, der sich verpflichtet
hat, sie in besonders glanzvoller Weise herauszubringen, wäre sowohl
für Sie, als auch für den Verlag von grossem Nachteil gewesen. Aber
auch dem Werke selbst hätte es in Bezug auf seine Wirkung in Amerika
verhängnisvoll werden können, wenn dasselbe noch weitere Jahre oder
Jahrzehnte dort dann nicht erklungen wäre, denn unserer Ansicht nach
hätte man mit der U.S.A.-Aufführung gar nicht so lange warten sol-
len, wie dies schon geschehen war. Wir waren demnach nicht nur be-
rechtigt, sondern auch verpflichtet, die sich bietende Gelegenheit
zu ergreifen und die amerikanische Erstaufführung diesem hervor-
ragenden Dirigenten zu überlassen.
Wir bedauern selbst ausserordentlich, dass es durch die
allgemeine Situation nicht möglich geworden ist, die Ihnen seiner-

zeit gegebene Zusage einzuhalten und hoffen, dass unsere Erklä-
rungen Sie überzeugen werden, dass uns irgend eine Verletzung
Ihrer Rechte ferne gelegen ist.
Mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenst


D/Wi-
Wien, 15. Februar 1932.
Herrn
Barcelona
Hochverehrter Meister Schönberg!
Es ist richtig, dass wir Ihnen vor vielen Jahren eine Zusage1 gemacht haben, die „Gurrelieder“ in Amerika nur einer Gesellchaft zur Erstaufführung zu überlassen, die sich verpflichtet, das Werk von Ihnen selbst dirigieren zu lassen. Diese Zusage ist zu einer Zeit gemacht worden, in welcher die Verhältnisse sowohl in Europa als auch in Amerika grundverschieden von den jetzigen waren und in der ein derartiger wirtschaftlicher Umsturz gar nicht vorhersehbar war. Wir haben schon in den guten Zeiten wiederholte energische Versuche gemacht, Ihren Wunsch, die amerikanische Erstaufführung zu dirigieren, durchzusetzen. Es ist ja klar, dass eine derartige von Ihnen geleitete Aufführung auch in unserem Interesse gelegen wäre und dass wir daran, dass Sie nach Amerika kommen, um das Werk persönlich zu dirigieren, auch materiell in hervorragender Weise mitinteressiert gewesen wären. Leider waren wir aber schon zur Zeit, als es in Amerika wirklich noch Mäzene und reiche Konzertunternehmungen gegeben hat, ganz ausserstande, die von Ihnen und uns gehegte Absichten zu verwirklichen. Als sich im Herbst 1929 der amerikanische Krach ereignete, war jede Hoffnung, unseren Plan durchzusetzen, vereitelt. Im Frühjahr 1930 hat Herr Direktor Hertzka persönlich in verschiedenen Städten in U.S.A. mit den zahlreichen Dirigenten, mit denen er zusammengekommen ist, mündliche Unterhandlungen wegen einer etwaigen Aufführung der „Gurrelieder“ unter Ihrer Leitung geführt. Es wurde aber von allen, die für die Sache in Betracht kommen konnten, eine derartige Möglichkeit als vollkommen ausgeschlossen bezeichnet. – Bei der neuerlichen Anwesenheit von Herrn Direktor Hertzka in New York und Philadelphia im Frühjahr 1931 lag die Situation noch hoffnungsloser, sodass es ihm zu voller Gewissheit wurde, dass eine Einhaltung Ihres Wunsches und seiner seinerzeitigen Zusage nicht nur für jetzt, sondern auch für lange Jahre hinaus etwas ganz Unerfüllbares geworden ist. So hat er sich entschliessen müssen, dem hervorragendsten amerikanischen Dirigenten, Stokowsky der für eine amerikanische Erstaufführung2 prädestiniert erscheint (Wozzeck!), diese Erstaufführung zu übertragen. Die Nichtüberlassung der „Gurrelieder“ an Stokowsky, der sich verpflichtet hat, sie in besonders glanzvoller Weise herauszubringen, wäre sowohl für Sie, als auch für den Verlag von grossem Nachteil gewesen. Aber auch dem Werke selbst hätte es in Bezug auf seine Wirkung in Amerika verhängnisvoll werden können, wenn dasselbe noch weitere Jahre oder Jahrzehnte dort nicht erklungen wäre, denn unserer Ansicht nach hätte man mit der U.S.A.-Aufführung gar nicht so lange warten sollen, wie dies schon geschehen war. Wir waren demnach nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, die sich bietende Gelegenheit zu ergreifen und die amerikanische Erstaufführung diesem hervorragenden Dirigenten zu überlassen.
Wir bedauern selbst ausserordentlich, dass es durch die allgemeine Situation nicht möglich geworden ist, die Ihnen seiner zeit gegebene Zusage einzuhalten und hoffen, dass unsere Erklärungen Sie überzeugen werden, dass uns irgend eine Verletzung Ihrer Rechte ferne gelegen ist.
Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst

Emil Hertzka

15. Februar 1932


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Gertrud Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 15. Februar 1932, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.20692.

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