Arnold Schönberg an Universal-Edition
17. Jänner 1934
Lieber Herr Dr. Kalmus,
ich habe eine Bitte an Sie: ich muss mein En-
glisch möglichst rasch ve[r]vollkommnen. Es geht schon
verhältnismässig gut; das meiste Schwierige kann ich
schon ganz gut sagen, aber fast alles Leichte geht noch
fast so schlecht, wie im Deutschen. Immerhin kann ich
schon, wenns nötig ist, einen Brief ohne Konzept schrei-
ben. Aber ich muss unbedingt in gewissen grammatikali-
schen Dingen sicherer werden. Dazu brauche ich eine
gute Grammatik oder vielleicht sogar besser 2. Und
zwar eine für Mittelschulen, wo man alles von Grund auf
lernen und (insbesondere!) nachschlagen kann. Dann aber
vielleicht eine für die höhere Ausbildung. Es gibt doch
sicherlich so etwas für Hochschüler? Ich überlasse die
Auswahl der Bücher schon aus Zeitmangel ganz Ihrer Ein-
sicht. Sie sind doch genug Amerikaner um zu wissen, was
ich brauche. Die Hauptsache aber ist: rasch!
glisch möglichst rasch ve[r]vollkommnen. Es geht schon
verhältnismässig gut; das meiste Schwierige kann ich
schon ganz gut sagen, aber fast alles Leichte geht noch
fast so schlecht, wie im Deutschen. Immerhin kann ich
schon, wenns nötig ist, einen Brief ohne Konzept schrei-
ben. Aber ich muss unbedingt in gewissen grammatikali-
schen Dingen sicherer werden. Dazu brauche ich eine
gute Grammatik oder vielleicht sogar besser 2. Und
zwar eine für Mittelschulen, wo man alles von Grund auf
lernen und (insbesondere!) nachschlagen kann. Dann aber
vielleicht eine für die höhere Ausbildung. Es gibt doch
sicherlich so etwas für Hochschüler? Ich überlasse die
Auswahl der Bücher schon aus Zeitmangel ganz Ihrer Ein-
sicht. Sie sind doch genug Amerikaner um zu wissen, was
ich brauche. Die Hauptsache aber ist: rasch!
Nun brauche ich aber noch ein Buch. Nämlich: Tous-
saint-Langenscheidts:
saint-Langenscheidts:
Phraseologie der englischen Sprache1.
Ich bin zwar ganz ueberzeugt davon, dass es sehr
veraltet ist und nur in einer so gemeinen und unzu-
länglichen Weise modernisiert ist, wie alle diese Schund-
sachen. Aber es dürfte doch für mich nichts anderes übrig-
bleiben und ich werde es in Kauf nehmen müssen, dass zwar
ein paar flotte Worte über das Automobilfahren („Geben
Sie doch Ihrer alten Karre etwas mehr Gas!“) eingefügt
wurden, aber dass daneben im Kapitel „Im Gasthofe“ der
„Reisende“ sagt: „Hausknecht, haben Sie vorhin nicht ge-
hört, wie ich die Glocke gezogen habe? Ich kann den Stie-
felknecht nicht finden, weil es finster in dem Zimmer
ist. Bringen Sie mir allsogleich eine Kerze!“ Aber immer-
hin wird das Englisch Englisch sein und das brauche ich.
veraltet ist und nur in einer so gemeinen und unzu-
länglichen Weise modernisiert ist, wie alle diese Schund-
sachen. Aber es dürfte doch für mich nichts anderes übrig-
bleiben und ich werde es in Kauf nehmen müssen, dass zwar
ein paar flotte Worte über das Automobilfahren („Geben
Sie doch Ihrer alten Karre etwas mehr Gas!“) eingefügt
wurden, aber dass daneben im Kapitel „Im Gasthofe“ der
„Reisende“ sagt: „Hausknecht, haben Sie vorhin nicht ge-
hört, wie ich die Glocke gezogen habe? Ich kann den Stie-
felknecht nicht finden, weil es finster in dem Zimmer
ist. Bringen Sie mir allsogleich eine Kerze!“ Aber immer-
hin wird das Englisch Englisch sein und das brauche ich.
Wenn Sie es wuenschen, kann ich Ihnen den Kosten-
betrag in einem Check schicken. Aber vielleicht ist es
doch richtiger, ihn von meinem Konto abzuschreiben.
betrag in einem Check schicken. Aber vielleicht ist es
doch richtiger, ihn von meinem Konto abzuschreiben.
Von mir muss ich leider etwas Unerfreuliches be-
richten: seit den ersten Decembertagen hatte ich wieder
eine Grippe mit fürchterlichem Husten und wiederhol-
ten Rückfällen, deren letzter dazu geführt hat, dass
ich auf der Fahrt zu meinem Bostoner ersten Konzert
(nachdem ich schon tags vorher in Cambridge bei Boston
dasselbe Programm3 dirigiert hatte) einen so heftigen
plötzlichen Hustenanfall bekam, dass mir irgendetwas
dabei gerissen ist, vermutlich ein Muskel, und ich sol-
che Schmerzen bekam, dass ich beide Konzerte4 (12 u. 13.)
und einen Vortrag5 an der Princeton University 15.I. (Ueber
die 12-Ton-Komposition) absagen musste. Ich werde wahr-
scheinlich die Konzerte nachtragen6 können, aber den
Vortrag kaum. Wahrscheinlich werde ich ihn in Chicago
halten, wo ich am 8. u. 9. II. dirigieren soll7 und an einem
vom „Arts Club“ mir zu Ehren veranstalteten Empfang8
teilnehmen soll. Hoffentlich bin ich bis dorthin wie-
derhergestellt. Jetzt geht es mir schon besser, [am] beim
Husten, der ja einer meiner Hauptberufe ist, tut es
mir noch immer mörderisch weh.
richten: seit den ersten Decembertagen hatte ich wieder
eine Grippe mit fürchterlichem Husten und wiederhol-
ten Rückfällen, deren letzter dazu geführt hat, dass
ich auf der Fahrt zu meinem Bostoner ersten Konzert
(nachdem ich schon tags vorher in Cambridge bei Boston
dasselbe Programm3 dirigiert hatte) einen so heftigen
plötzlichen Hustenanfall bekam, dass mir irgendetwas
dabei gerissen ist, vermutlich ein Muskel, und ich sol-
che Schmerzen bekam, dass ich beide Konzerte4 (12 u. 13.)
und einen Vortrag5 an der Princeton University 15.I. (Ueber
die 12-Ton-Komposition) absagen musste. Ich werde wahr-
scheinlich die Konzerte nachtragen6 können, aber den
Vortrag kaum. Wahrscheinlich werde ich ihn in Chicago
halten, wo ich am 8. u. 9. II. dirigieren soll7 und an einem
vom „Arts Club“ mir zu Ehren veranstalteten Empfang8
teilnehmen soll. Hoffentlich bin ich bis dorthin wie-
derhergestellt. Jetzt geht es mir schon besser, [am] beim
Husten, der ja einer meiner Hauptberufe ist, tut es
mir noch immer mörderisch weh.
Grüssen Sie bitte alle meine Freunde und erzählen Sie
ihnen, was sie interessiert.
ihnen, was sie interessiert.
Ich danke Ihnen im Voraus herzlichst für die freundliche
Erfüllung meiner Bitten und grüsse Sie, sowie meine
Freunde im Hause aufs herzlichste, Ihr
Erfüllung meiner Bitten und grüsse Sie, sowie meine
Freunde im Hause aufs herzlichste, Ihr
NB: Wer hat bei Ihnen das Gurrelieder-Material
bestellt. Ich habe hier auch etwas davon gehört,
kann mich aber beim besten Willen nicht
erinnern wer mir es gesagt hat. Wahrscheinlich
bei einem dieser Empfänge, wo ich ja
in Narkose gewesen bin.
bestellt. Ich habe hier auch etwas davon gehört,
kann mich aber beim besten Willen nicht
erinnern wer mir es gesagt hat. Wahrscheinlich
bei einem dieser Empfänge, wo ich ja
in Narkose gewesen bin.
Phraseologie der englischen Sprache
Loewe 1926 (Exemplar aus dem Schönberg-Nachlass; BOOK L32).
Bibliotheken
Bibliothek des Vereins für musikalische Privataufführungen
sowie der Grundstock der im Protokoll, 19.
November 1924 geplanten „Arnold Schönberg-Bibliothek“
(Krones
2013).
dasselbe Programm
Konzerte
Vortrag
nachtragen
dirigieren soll
Empfang
17.I.1934
Lieber Herr Dr. Kalmus,
ich habe eine Bitte an Sie: ich muss mein Englisch möglichst rasch vervollkommnen. Es geht schon verhältnismässig gut; das meiste
Schwierige kann ich schon ganz gut sagen, aber fast alles Leichte geht noch
fast so schlecht, wie im Deutschen. Immerhin kann ich schon, wenns
nötig ist, einen Brief ohne Konzept schreiben. Aber ich muss unbedingt in gewissen grammatikalischen Dingen sicherer werden. Dazu brauche ich eine gute
Grammatik oder vielleicht sogar besser 2. Und zwar eine für Mittelschulen,
wo man alles von Grund auf lernen und (insbesondere!) nachschlagen kann.
Dann aber vielleicht eine für die höhere Ausbildung. Es gibt doch
sicherlich so etwas für Hochschüler? Ich überlasse die Auswahl der
Bücher schon aus Zeitmangel ganz Ihrer Einsicht. Sie sind doch genug Amerikaner um zu wissen, was ich brauche. Die Hauptsache
aber ist: rasch!
Nun brauche ich aber noch ein Buch. Nämlich: Toussaint-Langenscheidts:
Phraseologie der englischen Sprache1.
Ich bin zwar ganz ueberzeugt davon, dass es sehr veraltet ist und nur in
einer so gemeinen und unzulänglichen Weise
modernisiert ist, wie alle diese Schundsachen. Aber es dürfte doch für mich nichts anderes übrigbleiben und ich werde es in Kauf nehmen müssen, dass zwar
ein paar flotte Worte über das Automobilfahren („Geben Sie doch
Ihrer alten Karre etwas mehr Gas!“) eingefügt wurden, aber dass
daneben im Kapitel „Im Gasthofe“ der „Reisende“
sagt: „Hausknecht, haben Sie vorhin nicht gehört, wie ich die Glocke gezogen habe? Ich kann den Stiefelknecht nicht finden, weil es finster
in dem Zimmer ist. Bringen Sie mir allsogleich eine Kerze!“ Aber
immerhin wird das Englisch Englisch
sein und das brauche ich.
Wenn Sie es wuenschen, kann ich Ihnen den Kostenbetrag in einem Check schicken. Aber vielleicht ist es doch
richtiger, ihn von meinem Konto abzuschreiben.
Noch eine kleine Bitte: möchten Sie nicht Herrn
Stein fragen, was mit meinen Bibliotheken2 ist. Ich brauche die sehr dringend hier.
Von mir muss ich leider etwas Unerfreuliches berichten: seit den ersten Decembertagen hatte ich wieder eine Grippe mit fürchterlichem
Husten und wiederholten Rückfällen, deren letzter dazu geführt hat, dass ich
auf der Fahrt zu meinem Bostoner ersten
Konzert (nachdem ich schon tags vorher in Cambridge bei Boston
dasselbe Programm3 dirigiert hatte) einen so heftigen plötzlichen
Hustenanfall bekam, dass mir irgendetwas dabei
gerissen ist, vermutlich ein Muskel, und ich solche Schmerzen bekam, dass ich beide Konzerte4 (12 u. 13.) und
einen Vortrag5 an der Princeton University
15.I. (Ueber die 12-Ton-Komposition)
absagen musste. Ich werde wahrscheinlich die Konzerte nachtragen6 können,
aber den Vortrag kaum. Wahrscheinlich werde ich ihn in Chicago
halten, wo ich am 8. u. 9. II.
dirigieren soll7 und an einem vom „Arts
Club“ mir zu Ehren veranstalteten Empfang8
teilnehmen soll. Hoffentlich bin ich bis dorthin wiederhergestellt. Jetzt geht es mir schon besser, beim
Husten, der ja einer meiner Hauptberufe ist, tut es mir noch immer
mörderisch weh.
Grüssen Sie bitte alle meine Freunde und erzählen Sie ihnen, was sie
interessiert.
Ich danke Ihnen im Voraus herzlichst für die freundliche
Erfüllung meiner Bitten und grüsse Sie, sowie meine
Freunde im Hause aufs herzlichste, Ihr
Arnold Schoenberg
Erfüllung meiner Bitten und grüsse Sie, sowie meine
Freunde im Hause aufs herzlichste, Ihr
Arnold Schoenberg
NB: Wer hat bei Ihnen das Gurrelieder-Material
bestellt. Ich habe hier auch etwas davon gehört, kann mich aber
beim besten Willen nicht erinnern wer mir es gesagt hat. Wahrscheinlich
bei einem dieser Empfänge, wo ich ja in Narkose gewesen bin.
Phraseologie der englischen Sprache
Loewe 1926 (Exemplar aus dem Schönberg-Nachlass; BOOK L32).
Bibliotheken
Bibliothek des Vereins für musikalische Privataufführungen
sowie der Grundstock der im Protokoll, 19.
November 1924 geplanten „Arnold Schönberg-Bibliothek“
(Krones
2013).
dasselbe Programm
Konzerte
Vortrag
nachtragen
dirigieren soll
Empfang
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Universal-Edition, 17. Jänner 1934, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.2611.