Lieber Herr Direktor, Cassierer hat mir
noch nicht geschrieben und ich kann eigentlich
[k]aum länger warten.1 Deshalb möchte ich Sie
also jetzt bitten, mir so rasch es geht einen
Antrag zu machen. Nur bitte ich Sie diesen
Antrag so zu fassen, dass ich wirklich da-
[...]rauf eingehen kann. Bitte überlegen Sie:
ich habe an der Harmonielehre bis jetzt nahezu
1 1/2 Jahre (rein gering 1 Jahr) gearbeitet und
habe dafür 500 Kr. gehabt! Nicht wahr, das geht
ja nicht. Aber abgesehen davon, ich könnte
[das] auch bei deshalb jetzt nicht annehmen,
weil mir damit nicht gedient ist. Ich habe
am 1. August Zins zu zahlen und habe außer-
dem nichts für die Zeit bis Mitte September,

wo ich erst wieder Hoffnung habe, etwas zu
verdienen. Es wäre mir also mit einer
geringen Summe nicht gedient. Denn
abgesehen von Allem gäbe ich damit die
Chance auf den Erfolg meiner Harmonie-
lehre
abzuwarten, worauf mir wohl sicher
hohe Honorare in Aussicht stehen.
Bitte missverstehen Sie mich nicht! Ich
will sehr gerne mit Sie dem Cassierer
vorziehen. Denn ich weiß ja, dass Ihr
Verlag für mich sehr vorteilhaft dadurch ist,
dass alles meine neuen Sachen bei Ihnen
erscheinen.
Aber die Sache ist doch so, dass ich mir
mit einer kleinen Summe nicht geholfen ist
ich mich aber dann zu einer Arbeit verpflichtet
habe, für die mirich son möglicherweise einige Monate
später die den fünffachen Betrag hab bekommen
könnte – denn die Harmonielehre wird

nach der Meinung aller – sehr selbst sehr
kühl und pessimistisch denkender – sicher
ein Sensations-Erfolg. Speziell als Lehrbuch!!
Nun aber bitte, nicht diese Gründe allein
sind es auf die ich mich stützen will, sondern
[v]ielmehr habe ich die Hoffnung, dass Sie
diese Gelegenheit benutzen werden, um
hier (wo Ihr Risiko weniger groß ist)
an mir als Mäcen zu handeln. Als
einer der mir wirklich nützen will, indem
er mir die dringendsten Sorgen vom
Leib hält. Schaun Sie, ich arbeite seit
6 Monaten an der Harmonielehre durchschnittlich
7–9 Stunden täglich. Ich leiste etwas,
ich arbeite, ich bin fleißig, ich besitze alle
moralischen Tugenden, die man verlangen
kann, und muss solche Sorgen haben, dass
ich nicht aus noch ein weiß! Alles erholt
sich im Sommer – ich arbeite! Alles

hat einen freien Kopf – ich habe Sorgen.
Nun aber: und wieviele leisten noch
soviel wie ich?!? Ist das nicht ungerecht.
Und wäre es nicht schön von Ihnen mir
da ausgiebig zu helfen. Denken Sie
in 50 Jahren, wenn man allgemein
wissen wird, wer ich war, dann wird
man ebenso darüber urteilen, wie über
andere ähnliche Fälle.
Deshalb wende ich mich an Sie, dass
Sie diese Angelegenheit als Mäcen
[...] behandeln.
Nicht wahr, mein anderer Vertrag ist
ja sowenig günstig (ich bekomme, wie
ich neulich berechnet habe genau halb so
viel von Ihnen als ich unter gleichen
Umständen bei Marschalk bekommen
hätte), ich meine da könnten Sie mir
hier, indem Sie ein wenig nur von

Ihren geschäftlichen Prinzipien abgehen,
diesmal einen günstigeren Vertrag machen.
Ich meine, wenn Sie sich auf den
Standpunkt handeln stellen wollen, dass
ein Mensch, wie ich einen Mäcen ver-
dient
!
Ich hoffe Sie von der Richtigkeit meiner
Ansicht überzeugt zu haben und erwarte mir
von Ihrer Noblesse, dass Sie dem guten
Kaufmann einmal einen Possen spielen
wird.
Also bitte: machen Sie mir einen
[gü]nstigen Antrag.
Und aber: sehr rasch!!!
Das bitte ich Sie sehr.
Sie entschließen sich ja immer
so schnell. Ueberlegen Sie, wie es

am raschesten geht. Vielleicht können
Sie es so machen, dass sie mir in
einem Brief Ihre Bedingungen schreiben
und ich hätte bloß mein Einverständ[nis]
mit diesen Bedingungen mitzuteilen
(an die Universal-Edition) worauf
mir die Vertragssumme sofort ausbe-
zalt wird.
Ich bitte Sie keinen Tag zu ver-
lieren.
Wenn Sie mir eine große Summe
geben könnten (womöglich 1500 Kronen)
könnte ich vielleicht doch noch auf ein
paar Wochen fort. Ich hätte es sehr nötig.
Und meine Frau noch mehr. Die hat
eben wieder einen heftigen Anfall
von einem Lungenspitzenkatarrh. Sie

sollte unbedingt fort. Und ich kann sie
nicht fortschicken.
Ich wäre eventuell bereit einen
Vertrag auf meine ganze [...]musik-
[sch]riftstellerische Tätigkeit zu machen.
Ich plane folgende Schriften in der
nächsten Zeit: (außer dem Kontrapunkt)
eine Instrumentationslehre; die
gibt es nämlich bis jetzt nicht; denn alle
vorhandenen Bücher sind Instrumenten-
kunde. Ich aber will die Satzkunst
für Orchester
lehren!!!! Das ist ein großer
Unterschied und etwas absolut Neues!!
dann
eine
Vorstudie zur Formenlehre
Untersuchung über die formalen Ursachen
für die Wirkung in modernen Kompositionen
Diese Schrift wird sich wahrscheinlich
nur mit Mahler-Werken befassen.

Dann später:
ebenfalls als Vorstudie zur Formen-
lehre:
Form-Analysen und Gesetze die sich
daraus ergeben
schliesslich hierauf:
Formenlehre
Alle diese Bücher sind Lehrbücher
oder Lehr-Hilfsbücher. Das ganze
zusammen ergibt [...] dann eine Ästhetik
der Tonkunst unter welchem Titel ich
ein das zusammenfassendes Werk schreiben
will.
Zu allen diesen Werken habe ich
bereits Ideen und auch Notizen.
Im Lauf von fünf Jahren kann alle[s]
fertig sein!
Also ich biete Ihnen, was ich kann,
tun Sie das gleiche und bieten Sie auch
mir mehr.
Viele herzliche Grüße Ihr
Lieber Herr Direktor, Cassierer hat mir noch nicht geschrieben und ich kann eigentlich kaum länger warten.1 Deshalb möchte ich Sie also jetzt bitten, mir so rasch es geht einen Antrag zu machen. Nur bitte ich Sie diesen Antrag so zu fassen, dass ich wirklich da rauf eingehen kann. Bitte überlegen Sie: ich habe an der Harmonielehre bis jetzt nahezu 1 1/2 Jahre (rein gering 1 Jahr) gearbeitet und habe dafür 500 Kr. gehabt! Nicht wahr, das geht ja nicht. Aber abgesehen davon, ich könnte das auch deshalb jetzt nicht annehmen, weil mir damit nicht gedient ist. Ich habe am 1. August Zins zu zahlen und habe außerdem nichts für die Zeit bis Mitte September, wo ich erst wieder Hoffnung habe, etwas zu verdienen. Es wäre mir also mit einer geringen Summe nicht gedient. Denn abgesehen von Allem gäbe ich damit die Chance auf den Erfolg meiner Harmonielehre abzuwarten, worauf mir wohl sicher hohe Honorare in Aussicht stehen.
Bitte missverstehen Sie mich nicht! Ich will sehr gerne Sie dem Cassierer vorziehen. Denn ich weiß ja, dass Ihr Verlag für mich sehr vorteilhaft dadurch ist, dass alle meine neuen Sachen bei Ihnen erscheinen.
Aber die Sache ist doch so, dass mir mit einer kleinen Summe nicht geholfen ist ich mich aber dann zu einer Arbeit verpflichtet habe, für die ich möglicherweise einige Monate später den fünffachen Betrag bekommen könnte – denn die Harmonielehre wird nach der Meinung aller – selbst sehr kühl und pessimistisch denkender – sicher ein Sensations-Erfolg. Speziell als Lehrbuch!!
Nun aber bitte, nicht diese Gründe allein sind es auf die ich mich stützen will, sondern vielmehr habe ich die Hoffnung, dass Sie diese Gelegenheit benutzen werden, um hier (wo Ihr Risiko weniger groß ist) an mir als Mäcen zu handeln. Als einer der mir wirklich nützen will, indem er mir die dringendsten Sorgen vom Leib hält. Schaun Sie, ich arbeite seit 6 Monaten an der Harmonielehre durchschnittlich 7–9 Stunden täglich. Ich leiste etwas, ich arbeite, ich bin fleißig, ich besitze alle moralischen Tugenden, die man verlangen kann, und muss solche Sorgen haben, dass ich nicht aus noch ein weiß! Alles erholt sich im Sommer – ich arbeite! Alles hat einen freien Kopf – ich habe Sorgen. Nun aber: und wieviele leisten noch soviel wie ich?!? Ist das nicht ungerecht. Und wäre es nicht schön von Ihnen mir da ausgiebig zu helfen. Denken Sie in 50 Jahren, wenn man allgemein wissen wird, wer ich war, dann wird man ebenso darüber urteilen, wie über andere ähnliche Fälle.
Deshalb wende ich mich an Sie, dass Sie diese Angelegenheit als Mäcen behandeln.
Nicht wahr, mein anderer Vertrag ist ja sowenig günstig (ich bekomme, wie ich neulich berechnet habe genau halb so viel von Ihnen als ich unter gleichen Umständen bei Marschalk bekommen hätte), ich meine da könnten Sie mir hier, indem Sie ein wenig nur von Ihren geschäftlichen Prinzipien abgehen, diesmal einen günstigeren Vertrag machen. Ich meine, wenn Sie sich auf den Standpunkt stellen wollen, dass ein Mensch, wie ich einen Mäcen verdient!
Ich hoffe Sie von der Richtigkeit meiner Ansicht überzeugt zu haben und erwarte mir von Ihrer Noblesse, dass Sie dem guten Kaufmann einmal einen Possen spielen wird.
Also bitte: machen Sie mir einen günstigen Antrag.
Und aber: sehr rasch!!!
Das bitte ich Sie sehr.
Sie entschließen sich ja immer so schnell. Ueberlegen Sie, wie es am raschesten geht. Vielleicht können Sie es so machen, dass sie mir in einem Brief Ihre Bedingungen schreiben und ich hätte bloß mein Einverständnis mit diesen Bedingungen mitzuteilen (an die Universal-Edition) worauf mir die Vertragssumme sofort ausbezalt wird.
Ich bitte Sie keinen Tag zu verlieren.
Wenn Sie mir eine große Summe geben könnten (womöglich 1500 Kronen) könnte ich vielleicht doch noch auf ein paar Wochen fort. Ich hätte es sehr nötig. Und meine Frau noch mehr. Die hat eben wieder einen heftigen Anfall von einem Lungenspitzenkatarrh. Sie sollte unbedingt fort. Und ich kann sie nicht fortschicken.
Ich wäre eventuell bereit einen Vertrag auf meine ganzemusik schriftstellerische Tätigkeit zu machen. Ich plane folgende Schriften in der nächsten Zeit: (außer dem Kontrapunkt)
eine Instrumentationslehre; die gibt es nämlich bis jetzt nicht; denn alle vorhandenen Bücher sind Instrumentenkunde. Ich aber will die Satzkunst für Orchester lehren!!!! Das ist ein großer Unterschied und etwas absolut Neues!!
dann
eine
Vorstudie zur Formenlehre“ „Untersuchung über die formalen Ursachen für die Wirkung in modernen Kompositionen
Diese Schrift wird sich wahrscheinlich nur mit Mahler-Werken befassen.
Dann später:
ebenfalls als Vorstudie zur Formenlehre:
Form-Analysen und Gesetze die sich daraus ergeben
schliesslich hierauf:
Formenlehre
Alle diese Bücher sind Lehrbücher oder Lehr-Hilfsbücher. Das ganze zusammen ergibt dann eine Ästhetik der Tonkunst unter welchem Titel ich ein das zusammenfassendes Werk schreiben will.
Zu allen diesen Werken habe ich bereits Ideen und auch Notizen.
Im Lauf von fünf Jahren kann alles fertig sein!
Also ich biete Ihnen, was ich kann, tun Sie das gleiche und bieten Sie mir mehr.
Viele herzliche Grüße Ihr
Arnold Schönberg

23. Juli 1911


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 23. Juli 1911, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.6698.

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