Roquebrune Cap Martin
Frankreich
25.XII.1928
Lieber Herr Direktor Herzka, unsere Absicht1, in Berlin
über meine geplante Oper zu sprechen, hat sich nicht
verwirklicht. Ich hatte gehofft, mein Drama fertigzustellen
und bin zu diesem Zweck hiergeblieben, habe die Berliner
Variationen-Aufführung2 deshalb versäumt und die Dresde-
ner
Suite-Aufführung nicht dirigiert3. Leider aber kann ich
das doch nicht hier, wo mir einiges Material fehlt fertig
machen, obwohl ja nur mehr ganz wenig daran zu tun war
und eine Woche fester Arbeit für den Rest genügte.
Ich will Ihnen aufrichtig sagen, warum ich mich sosehr bemüht
habe, ein Werk noch vor meiner Berliner Arbeitszeit zu vollenden:
Unser Vertrag4 läuft am 31.XII. ab und ich habe nun begreif-
licher Weise kein Werk fertig, um die entfallende Monatsrate
von 500. Mark durch Verkauf an einen Verleger zu ersetzen.
Ich habe nun vor ca drei Wochen die Arbeit an meinem Drama
einstweilen eingestellt und mit der Komposition dieser ein-
aktigen Oper begonnen, von der ich Ihnen letz[t]hin geschrie-
ben
habe und deren Textbuch nun wesentlich verbessert ist.
Leider aber komme ich auch mit dieser Arbeit nicht so rasch
vorwärts, als ich gehofft hatte. Kompositionen mit zwölf Tö-
nen müssen ja nicht bloss dem Pöblikum gefallen, sondern
sogar den Eingeweihten (oder, wie Sie richtig bemerken: den
Auserwählten). Dazu kommt, dass sich hier neue Probleme die-
ser Kunst zeigen, für welche ich noch keine Erfahrungen sam- [meln]

meln konnte: es heisst, Recitative zu schreiben und, die grösste
Schwierigkeit: Ensembles.
Immerhin kann ich, auch wenn ich nicht so rasch vorwärts komme,
wie zb bei der Erwartung oder dem Pierrot oder dem 3. Streich-
quartett
, vielleicht Ende Jänner fertig werden.
Ich habe nun den Eindruck, dass Sie seit der Berliner Auf-
führung meiner Orchestervariationen das Zutrauen zu meiner
Sache verloren haben. Ich kann das sehr gut begreifen, würde
Ihnen keinen Vorwurf daraus machen können und möchte nicht,
dass Sie sich bei Ihren Entschliessungen durch andere Rück-
sichten leiten lassen, als (ich kann mich nicht enthalten, hier
ohne böse Nebenabsicht, einen Witz anzubringen, den ich sehr
gut finde) durch die Erwägung, dass bei dem gegenwärtigen
Zinsfuss nur Gemeinschaftskunst5 einige Aussicht auf Rentabi-
lität hat.
Meine Gründe kennen Sie nun. Und jetzt möchte ich Sie bitten,
mir umgehe[h]nd zu sagen, ob Sie dieses Werk erwerben wollen.
Nur muss ich gleich sagen, dass ein Vertrag, wie wir ihn bis
jetzt hatten, für mich nicht mehr in Betracht käme, da es meine
feste Ueberzeugung ist, dass es für den Autor günstiger ist,
das Verlagsrecht gänzlich zu verkaufen6. Deshalb bin auch ich
nunmehr entschlossen, das Beispiel Richard Strauss zu befol-
gen, der in Geschäftsfragen vorbildlich ist.
Selbstverständlich würde ich bei gleichen Bedingungen un-
bedingt die UE vorziehen, schon deshalb, weil ich bei jedem
andern Verlag in Gefahr bin andere Werke schleppen zu müssen,
während die UE gewiss meine beiden früheren Bühnenwerke7 da
zu geben würde. Aber ich bitte sich durch keine diesbezügliche
Rücksichtnahme gebunden zu erachten, denn ich tue das auch [nicht]
nicht.

Ich möchte auch wieder einmal einen grösseren Betrag auf
einmal in die Hand bekommen, was ich ja bei der UE nie er-
lebt habe.
Ich wäre Ihnen für eine rasche Antwort sehr dankbar, da ich
im Ablehnungsfalle gerne gleich andere Beziehungen an-
knüpfen möchte
8. Ich bin ja nicht gerade in momentaner Geld-
verlegenheit, möchte aber nicht solange warten.
Inzwischen verbleibe ich mit den besten Weinachts- und Neu-
jahrswünschen, herzlichst, Ihr
Arnold Schönberg
Roquebrune Cap Martin
Frankreich
25.XII.1928
Lieber Herr Direktor Herzka, unsere Absicht1, in Berlin über meine geplante Oper zu sprechen, hat sich nicht verwirklicht. Ich hatte gehofft, mein Drama fertigzustellen und bin zu diesem Zweck hiergeblieben, habe die Berliner Variationen-Aufführung2 deshalb versäumt und die Dresdener Suite-Aufführung nicht dirigiert3. Leider aber kann ich das doch nicht hier, wo mir einiges Material fehlt fertig machen, obwohl ja nur mehr ganz wenig daran zu tun war und eine Woche fester Arbeit für den Rest genügte.
Ich will Ihnen aufrichtig sagen, warum ich mich sosehr bemüht habe, ein Werk noch vor meiner Berliner Arbeitszeit zu vollenden: Unser Vertrag4 läuft am 31.XII. ab und ich habe nun begreiflicher Weise kein Werk fertig, um die entfallende Monatsrate von 500. Mark durch Verkauf an einen Verleger zu ersetzen. Ich habe nun vor ca drei Wochen die Arbeit an meinem Drama einstweilen eingestellt und mit der Komposition dieser einaktigen Oper begonnen, von der ich Ihnen letzthin geschrieben habe und deren Textbuch nun wesentlich verbessert ist. Leider aber komme ich auch mit dieser Arbeit nicht so rasch vorwärts, als ich gehofft hatte. Kompositionen mit zwölf Tönen müssen ja nicht bloss dem Pöblikum gefallen, sondern sogar den Eingeweihten (oder, wie Sie richtig bemerken: den Auserwählten). Dazu kommt, dass sich hier neue Probleme dieser Kunst zeigen, für welche ich noch keine Erfahrungen sam meln konnte: es heisst, Recitative zu schreiben und, die grösste Schwierigkeit: Ensembles.
Immerhin kann ich, auch wenn ich nicht so rasch vorwärts komme, wie zb bei der Erwartung oder dem Pierrot oder dem 3. Streichquartett, vielleicht Ende Jänner fertig werden.
Ich habe nun den Eindruck, dass Sie seit der Berliner Aufführung meiner Orchestervariationen das Zutrauen zu meiner Sache verloren haben. Ich kann das sehr gut begreifen, würde Ihnen keinen Vorwurf daraus machen können und möchte nicht, dass Sie sich bei Ihren Entschliessungen durch andere Rücksichten leiten lassen, als (ich kann mich nicht enthalten, hier ohne böse Nebenabsicht, einen Witz anzubringen, den ich sehr gut finde) durch die Erwägung, dass bei dem gegenwärtigen Zinsfuss nur Gemeinschaftskunst5 einige Aussicht auf Rentabilität hat.
Meine Gründe kennen Sie nun. Und jetzt möchte ich Sie bitten, mir umgehend zu sagen, ob Sie dieses Werk erwerben wollen. Nur muss ich gleich sagen, dass ein Vertrag, wie wir ihn bis jetzt hatten, für mich nicht mehr in Betracht käme, da es meine feste Ueberzeugung ist, dass es für den Autor günstiger ist, das Verlagsrecht gänzlich zu verkaufen6. Deshalb bin auch ich nunmehr entschlossen, das Beispiel Richard Strauss zu befolgen, der in Geschäftsfragen vorbildlich ist.
Selbstverständlich würde ich bei gleichen Bedingungen unbedingt die UE vorziehen, schon deshalb, weil ich bei jedem andern Verlag in Gefahr bin andere Werke schleppen zu müssen, während die UE gewiss meine beiden früheren Bühnenwerke7 dazu geben würde. Aber ich bitte sich durch keine diesbezügliche Rücksichtnahme gebunden zu erachten, denn ich tue das auch nicht.
Ich möchte auch wieder einmal einen grösseren Betrag auf einmal in die Hand bekommen, was ich ja bei der UE nie erlebt habe.
Ich wäre Ihnen für eine rasche Antwort sehr dankbar, da ich im Ablehnungsfalle gerne gleich andere Beziehungen anknüpfen möchte8. Ich bin ja nicht gerade in momentaner Geldverlegenheit, möchte aber nicht solange warten.
Inzwischen verbleibe ich mit den besten Weinachts- und Neujahrswünschen, herzlichst, Ihr Arnold Schönberg

25. Dezember 1928

29. Dezember 1928

Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 25. Dezember 1928, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.1628.

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