14.VII.1932
Lieber Herr Schönberg! Ich schreibe Ihnen in großer Besorgnis. Nach Ihrem letzten Brief
war die Situation in der U.E. so, daß man mit einem Prozeß rechnete und die weiteren
Verhandlungen aufgeben wollte. Ich habe dann Dr Kalmus nochmals Ihren Standpunkt klar
gemacht. Winter, der der einsichtigere und entgegenkommendere von den beiden ist, ist seit Montag 11/VII
auf Urlaub, ebenso Heinsheimer, der auch im Rat mitzusprechen pflegte. Ich habe erreicht,
daß Kalmus die Direktion sich noch zu einigen Verbesserungen der letzten Vorschläge bereit erklären
würde, z. B. in Punkt [...] 1 Ihrer Forderungen sogar zu etwas mehr, als Sie verlangten, im Punkt
3 u. 4 zu mehr als d. U.E im letzten Brief geboten hat, wenn auch in diesen Punkten doch noch zu
viel weniger als Sie verlangen. Morgen15. VII kommt die Angelegenheit wieder vor den Verwaltungsrat
und da wird Ihrer Sache Winter leider sehr fehlen. Schon bei der 1. Sitzung hat der Verwaltungs-
rat weniger bewilligt als die Direktion Ihnen anbieten wollte. Ich werde versuchen, morgen zur
Sitzung eingeladen zu werden. Meine Besorgnis ist 1. daß die Angelegenheit bis zum 19. d. M
nicht in günstigem Sinne zu erledigen sein wird; 2. daß der nächste Brief der U.E. so
ausschauen könnte, daß Sie die Verhandlungen abbrechen. Dazu kommt, daß die vergangene
Saison für Ihre AbschlüsseAufführungen nicht günstig war. Allem Anschein nach wird die nächste Saison
viel besser werden – die Gurrelieder z. B. sollen außer in Wien bestimmt auch in der Prager
czechischen Philharmonie aufgeführt werden. Auch in Amerika spricht man von einer Wieder-
holung – wie soll ich mich dazu stellen? Nun sagte mir Winter vor seiner Abreise, daß er gerne
im August oder später zu Ihnen nach Berlin fahren würde, um den ganzen Fragenkomplex mit
Ihnen durchzusprechen. Wenn also morgen der Verwaltungsrat nicht zu einem günstigeren
Resultat kommt, würde – so glaube ich – eine Vertagung doch besser sein als ein Bruch mit
seinen Folgen. Eine Vertagung für so lange meine ich, daß Sie in Ihrer Arbeit nicht gestört
sind. – Sollte aber der Verwaltungsrat im rein Ziffernmäßigen Ihrer Forderungen das Anbot der
U.E. so verbessern, daß Sie glauben, die Ziffern wenigstens akzeptieren zu können, so könnte
man vielleicht einstweilen wenigstens eine teilweise Einigung erzielen. Vorläufig sträubt sich Dr
Kalmus allerdings noch gegen diesen Vorschlag, den ich der Direktion gemacht habe. Wenn Sie aber
die teils bar zu zahlenden, teils gutzuschreibenden Beträge als „Entschädigung für Ihren Gewinn-

entgang“ annehmen würden, könnte man die vertragstechnische Seite [...] vielleicht wirklich
auf später lassen. Dazu wäre es sicher für Sie besser, wenn Winter bei den Verhandlungen
beteiligt ist.
Hoffentlich geht die Sache doch nocht friedlich aus. Ich wäre sehr stolz darauf, wenn das
meiner Vermittlertätigkeit gelingen würde.
Dafür, was die Überlassung der Oper auch moralisch für den Verlag bedeuten würde, hat der
Verwaltungsrat keine Spur Verständnis. Er sieht nur den Betrag, den er zahlen müßte,
und der bei der heutigen furchtbar knappen Budgetierung doch sehr ins Gewicht fällt.
Ob Sie den nächsten Brief der U.E. abwarten wollen oder mir auf diesen Privatbrief
antworten wollen – wenn Sie glauben, daß eine Einigung möglich ist, kann vielleicht noch
ein Privatbrief an mich, den ich zeigen könnte, die Sache fördern.
Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr
14.VII.1932
Lieber Herr Schönberg! Ich schreibe Ihnen in großer Besorgnis. Nach Ihrem letzten Brief war die Situation in der U.E. so, daß man mit einem Prozeß rechnete und die weiteren Verhandlungen aufgeben wollte. Ich habe dann Dr Kalmus nochmals Ihren Standpunkt klar gemacht. Winter, der der einsichtigere und entgegenkommendere von den beiden ist, ist seit Montag 11/VII auf Urlaub, ebenso Heinsheimer, der auch im Rat mitzusprechen pflegte. Ich habe erreicht, daß die Direktion sich noch zu einigen Verbesserungen der letzten Vorschläge bereit erklären würde, z. B. in Punkt 1 Ihrer Forderungen sogar zu etwas mehr, als Sie verlangten, im Punkt 3 u. 4 zu mehr als d. U.E im letzten Brief geboten hat, wenn auch in diesen Punkten doch noch zu viel weniger als Sie verlangen. Morgen15. VII kommt die Angelegenheit wieder vor den Verwaltungsrat und da wird Ihrer Sache Winter leider sehr fehlen. Schon bei der 1. Sitzung hat der Verwaltungsrat weniger bewilligt als die Direktion Ihnen anbieten wollte. Ich werde versuchen, morgen zur Sitzung eingeladen zu werden. Meine Besorgnis ist 1. daß die Angelegenheit bis zum 19. d. M nicht in günstigem Sinne zu erledigen sein wird; 2. daß der nächste Brief der U.E. so ausschauen könnte, daß Sie die Verhandlungen abbrechen. Dazu kommt, daß die vergangene Saison für Ihre Aufführungen nicht günstig war. Allem Anschein nach wird die nächste Saison viel besser werden – die Gurrelieder z. B. sollen außer in Wien bestimmt auch in der Prager czechischen Philharmonie aufgeführt werden. Auch in Amerika spricht man von einer Wiederholung – wie soll ich mich dazu stellen? Nun sagte mir Winter vor seiner Abreise, daß er gerne im August oder später zu Ihnen nach Berlin fahren würde, um den ganzen Fragenkomplex mit Ihnen durchzusprechen. Wenn also morgen der Verwaltungsrat nicht zu einem günstigeren Resultat kommt, würde – so glaube ich – eine Vertagung doch besser sein als ein Bruch mit seinen Folgen. Eine Vertagung für so lange meine ich, daß Sie in Ihrer Arbeit nicht gestört sind. – Sollte aber der Verwaltungsrat im rein Ziffernmäßigen Ihrer Forderungen das Anbot der U.E. so verbessern, daß Sie glauben, die Ziffern wenigstens akzeptieren zu können, so könnte man vielleicht einstweilen wenigstens eine teilweise Einigung erzielen. Vorläufig sträubt sich Dr Kalmus allerdings noch gegen diesen Vorschlag, den ich der Direktion gemacht habe. Wenn Sie aber die teils bar zu zahlenden, teils gutzuschreibenden Beträge als „Entschädigung für Ihren Gewinn[?] entgang“ annehmen würden, könnte man die vertragstechnische Seite vielleicht wirklich auf später lassen. Dazu wäre es sicher für Sie besser, wenn Winter bei den Verhandlungen beteiligt ist.
Hoffentlich geht die Sache doch nocht friedlich aus. Ich wäre sehr stolz darauf, wenn das meiner Vermittlertätigkeit gelingen würde.
Dafür, was die Überlassung der Oper auch moralisch für den Verlag bedeuten würde, hat der Verwaltungsrat keine Spur Verständnis. Er sieht nur den Betrag, den er zahlen müßte, der bei der heutigen furchtbar knappen Budgetierung doch sehr ins Gewicht fällt. Ob Sie den nächsten Brief der U.E. abwarten wollen oder mir auf diesen Privatbrief antworten wollen – wenn Sie glauben, daß eine Einigung möglich ist, kann vielleicht noch ein Privatbrief an mich, den ich zeigen könnte, die Sache fördern.
Mit den herzlichsten Grüßen Ihr
Stein

14. Juli 1932


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Erwin Stein an Arnold Schönberg, 14. Juli 1932, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.16826.

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