10. Oktober 1936
An die
Wien
Seit vielen Wochen wollte ich Ihnen
schreiben, habe aber soviel zu tun, dass ich nicht
dazu kam.
Ich muss diesmal endlich über Ihre
Abrechnung sprechen.
Vor Allem ist da ein erstaunlicher
Fehler darin. Ich sandte Ihnen per Postanweisung
$ 100.– mit Retourrezipisse, welches sich auch in
meinen Händen befindet, um für eine Zahlung an
meinen Sohn auszugleichen. Diese Zahlung wurde in
der Abrechnung nicht erwähnt.
Ich bitte das freundlichst zu berich-
tigen.
Aber ich wollte auch über andere da-
mit zusammenhängende Fragen sprechen, denn es ist
eine volle Unmöglichkeit, dass ich nun dauernd von
Ihnen für mein Lebenswerk, das Sie zu Zweidritteln
im Verlag haben, solche Lappalien als meinen Anteil [b]
bekomme, wie Sie mir in den letzten Jahren ausgewiesen
haben.
Ich habe schon vor einigen Monaten
darauf aufmerksam gemacht1, dass eine Reihe von Auf-
führungen, bei denen ich anwesend war (dirigierend
oder zuhörend) und bei welchen mir der als Leihge-
bühr bezahlte Betrag bekannt ist, keine Verrechnung
bekommen habe. Sie glaubten diese Frage damit zu er-
ledigen, dass Sie sie auf die lange Bank schieben2.
Aber ich kann mich damit nicht zufrieden geben. Und

nun habe ich mit einem befreundeten allerersten
Fachmann auf dem Gebiet des Verlags, einem Advokaten
meine Angelegenheiten durchgesprochen und konnte ihn
nur mit Mühe davon abhalten, sofort loszugehen. Ich
versprach ihm, vor etwa sechs Wochen, diesen Brief zu
schreiben und vor acht Tagen reklamierte3 er. So muss
ich es also heute tun.
Ich will heute zunächst nur über die
amerikanische Seite unseres Geschäftes sprechen.
Ich habe einen Vertrag mit der Univer-
sal Edition
. Aber ich habe keinen Vertrag mit Associated
Publishers
. Und was immer Sie für Abmachung mit diesen
haben, ist für mich irrelevant. Nach unserem Vertrag
habe ich festgesetzte Anteile von den Leihgebühren
und Ladenpreisen zu erhalten und demnach ist es un-
möglich, dass Sie mir einstellige Dollarbeträge ver-
rechnen bei Aufführungen, wo, wie ich beweisen werde,
zwei- und dreistellige gezahlt wurden. Mein Vertrauen
zu dieser Firma is[t] in Grund und Boden erschüttert,

seit ich ausserdem weiss, dass sie viele Aufführungen
überhaupt nicht verrechnet.

Wir werden auf alle Fälle gegen Ass. Publ.
vorgehen. Aber ich kann auch die von Ihnen angerechne-
ten Anteile nicht anerkennen und wir wollen das
durch all die Jahre hindurch zurückverfolgen.
Ferner wird wohl auch die unlegale
Rekordierung4 der Verklärten Nacht zur Sprache kommen
sowie die Nichtverrechnung der Erträgnisse aus diesen

sowie aus den Gurreliederplatten5. Es sind mir einige
Zahlen hierüber zugänglich gewesen und wir werden
herausfinden, wer nicht verrechnet hat. Allein hier
in Los Angeles ist mit persönlich [“] eine
erstaunliche Anzahl von Besitzern dieser Platten be-
kannt, die an sich genügen würde, um Schlüsse zu ziehen.
Aber wir sind [d]arauf nicht angewiesen, denn nunmehr
kenne ich die legalen Wege, die mein Rechtsfreund
zu benützen versteht, um mir zu meinem Recht zu ver-
helfen
Ich schreibe Ihnen diesen Brief nicht
als Kriegserklärung sondern als Friedensangebot. D. h.
ich nehme an, dass Sie selbst Mittel und Wege wissen
werden, um Ass. Publ. zu einem legalen Vorgehen zu
zwingen und mir zu meinem Recht zu verhelfen. Weil
ich das von Ihnen erwartete, erbat ich von meinem
Rechtsfreund diese Frist und bitte Sie nun unter
aufmerksamer und aufrichtiger Würdigung der von mir
vorgebrachten Fakten in der kürzest möglichen Zeit
reinen Tisch zu machen. Ich bin überzeugt, dass Sie
das gerne werden tun wollen und bitte lassen Sie
nicht wieder hinausschiebende Versuche unternehmen,
wie dass ich Ihnen die mir bekannten Fakten nennen
soll, damit Ass. Publ. sich dann wieder auf ein „Ver-
sehen eines untergeordneten Angestellten“ ausreden
kann. Mein Rechtsfreund kennt diesen Trick und weiss
ihm zu begegnen: er weiss, mit welchen Mitteln man
eine Firma zur Rechnungslegung zwingen kann.
Ich bitte Sie um umgehende Antwort
und würde auch gerne sehen, dass Sie mich sowohl über
die Einzahlungen als auch über die Auszahlungen an
meinen Sohn durch eine Postkarte auf dem Laufenden

erhalten. Ich hoffe herzlichst auf eine erfreuliche
Stellungnahme Ihrerseits zu den aufgeworfenen Fra-
gen und bin mittlerweile
mit herzlichsten Grüßen, Ihr
10. Oktober 1936
Seit vielen Wochen wollte ich Ihnen schreiben, habe aber soviel zu tun, dass ich nicht dazu kam.
Ich muss diesmal endlich über Ihre Abrechnung sprechen.
Vor Allem ist da ein erstaunlicher Fehler darin. Ich sandte Ihnen per Postanweisung $ 100.– mit Retourrezipisse, welches sich auch in meinen Händen befindet, um für eine Zahlung an meinen Sohn auszugleichen. Diese Zahlung wurde in der Abrechnung nicht erwähnt.
Ich bitte das freundlichst zu berichtigen.
Aber ich wollte auch über andere damit zusammenhängende Fragen sprechen, denn es ist eine volle Unmöglichkeit, dass ich nun dauernd von Ihnen für mein Lebenswerk, das Sie zu Zweidritteln im Verlag haben, solche Lappalien als meinen Anteil bekomme, wie Sie mir in den letzten Jahren ausgewiesen haben.
Ich habe schon vor einigen Monaten darauf aufmerksam gemacht1, dass eine Reihe von Aufführungen, bei denen ich anwesend war (dirigierend oder zuhörend) und bei welchen mir der als Leihgebühr bezahlte Betrag bekannt ist, keine Verrechnung bekommen habe. Sie glaubten diese Frage damit zu er ledigen, dass Sie sie auf die lange Bank schieben2. Aber ich kann mich damit nicht zufrieden geben. Und nun habe ich mit einem befreundeten allerersten Fachmann auf dem Gebiet des Verlags, einem Advokaten meine Angelegenheiten durchgesprochen und konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, sofort loszugehen. Ich versprach ihm, vor etwa sechs Wochen, diesen Brief zu schreiben und vor acht Tagen reklamierte3 er. So muss ich es also heute tun.
Ich will heute zunächst nur über die amerikanische Seite unseres Geschäftes sprechen.
Ich habe einen Vertrag mit der Universal Edition. Aber ich habe keinen Vertrag mit Associated Publishers. Und was immer Sie für Abmachung mit diesen haben, ist für mich irrelevant. Nach unserem Vertrag habe ich festgesetzte Anteile von den Leihgebühren und Ladenpreisen zu erhalten und demnach ist es unmöglich, dass Sie mir einstellige Dollarbeträge verrechnen bei Aufführungen, wo, wie ich beweisen werde, zwei- und dreistellige gezahlt wurden. Mein Vertrauen zu dieser Firma ist in Grund und Boden erschüttert, seit ich ausserdem weiss, dass sie viele Aufführungen überhaupt nicht verrechnet.
Wir werden auf alle Fälle gegen Ass. Publ. vorgehen. Aber ich kann auch die von Ihnen angerechneten Anteile nicht anerkennen und wir wollen das durch all die Jahre hindurch zurückverfolgen.
Ferner wird wohl auch die unlegale Rekordierung4 der Verklärten Nacht zur Sprache kommen sowie die Nichtverrechnung der Erträgnisse aus diesen sowie aus den Gurreliederplatten5. Es sind mir einige Zahlen hierüber zugänglich gewesen und wir werden herausfinden, wer nicht verrechnet hat. Allein hier in Los Angeles ist mit persönlich eine erstaunliche Anzahl von Besitzern dieser Platten be kannt, die an sich genügen würde, um Schlüsse zu ziehen. Aber wir sind darauf nicht angewiesen, denn nunmehr kenne ich die legalen Wege, die mein Rechtsfreund zu benützen versteht, um mir zu meinem Recht zu verhelfen
Ich schreibe Ihnen diesen Brief nicht als Kriegserklärung sondern als Friedensangebot. D. h. ich nehme an, dass Sie selbst Mittel und Wege wissen werden, um Ass. Publ. zu einem legalen Vorgehen zu zwingen und mir zu meinem Recht zu verhelfen. Weil ich das von Ihnen erwartete, erbat ich von meinem Rechtsfreund diese Frist und bitte Sie nun unter aufmerksamer und aufrichtiger Würdigung der von mir vorgebrachten Fakten in der kürzest möglichen Zeit reinen Tisch zu machen. Ich bin überzeugt, dass Sie das gerne werden tun wollen und bitte lassen Sie nicht wieder hinausschiebende Versuche unternehmen, wie dass ich Ihnen die mir bekannten Fakten nennen soll, damit Ass. Publ. sich dann wieder auf ein „Versehen eines untergeordneten Angestellten“ ausreden kann. Mein Rechtsfreund kennt diesen Trick und weiss ihm zu begegnen: er weiss, mit welchen Mitteln man eine Firma zur Rechnungslegung zwingen kann.
Ich bitte Sie um umgehende Antwort und würde auch gerne sehen, dass Sie mich sowohl über die Einzahlungen als auch über die Auszahlungen an meinen Sohn durch eine Postkarte auf dem Laufenden erhalten. Ich hoffe herzlichst auf eine erfreuliche Stellungnahme Ihrerseits zu den aufgeworfenen Fragen und bin mittlerweile
mit herzlichsten Grüßen, Ihr
Arnold Schönberg

10. Oktober 1936


Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Wien
Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg und die Wiener Schule
Archiv der Universal Edition, Depositum


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 10. Oktober 1936, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.1 vom 20.01.2026. URL: ://www.ascwien.org/ue/letters/letter.7416.

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